Hattingen: „Haus Friede“ ist neue Heimat für 17 jugendliche Flüchtlinge

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Ein ganz wichtiges Thema ist jetzt in der Zeit der vielen Feiertage die Besprechung der Einsatzpläne. Unser Foto zeigt (v.l.) Hannes Sponagel-Becker, Leiter von „Haus Friede“ in Bredenscheid, und Manfred Gosker, Geschäftsführer von „HAZ – Arbeit und Zukunft“. Foto: Römer
Hattingen: Haus Friede |

„Haus Friede“. Der Name ist Programm. Es ist das Gäste- und Tagungshaus des Rheinisch-Westfälischen Jugendverbands „Entschieden für Christus“ e.V. in Bredenscheid. Hier haben seit zwei Wochen 17 Jugendliche eine Bleibe in Frieden, Freiheit und Sicherheit gefunden.

Das Besondere an diesen „Kindern“ ist, dass sie viele tausend Kilometer auf der Flucht hinter sich haben – ganz allein. Sie sind zwischen 14 und 17 Jahre alt und „unbegleitet“, wie es nüchtern im Amtsdeutsch heißt, Minderjährige, die von Eltern und Geschwistern getrennt aus einer ganz anderen Kultur nach Hattingen gekommen sind mit Schicksalen, die zu Tränen rühren.
Berichtet werden darf darüber nicht. Nach deutschem Recht sind sie noch nicht volljährig. Und ihre deutschen Vormunde möchten sie möglichst aus der Öffentlichkeit heraushalten. Sie sollen sich erst besser einleben, den Trennungsschmerz besser verarbeiten (lernen).
Helfen soll dabei auch das „HAZ – Arbeit und Zukunft“, eine Weiterbildungs- und Qualifizierungseinrichtung für jugendliche und erwachsene Arbeitslose. HAZ-Geschäftsführer Manfred Gosker: „33 alleinreisende Jugendliche gibt es zurzeit im Zuständigkeitsbereich des Hattinger Jugendamtes. 17 davon stehen 24 Stunden am Tag unter unserer Obhut und sind im Haus Friede untergebracht.“
Rein praktisch sieht das so aus: Vom späten Nachmittag bis zum frühen Morgen entspannen und schlafen die Jugendlichen im Haus Friede, von der Zeit nach dem Frühstück bis zum Abendessen befinden sie sich im HAZ am Walzwerk 19. Hier erhalten sie vor allem Deutschunterricht.

"Wie geht Deutschland?"

„Ganz wichtig ist auch Hilfe in: ,Wie geht Deutschland‘. Da sind die Jungs echt sehr im Nachholbedarf und auch richtig motiviert. Trotzdem konnten wir nicht verhindern, dass fast alle von ihnen sich von ihrem ersten knappen Taschengeld Adventskränze gekauft haben. Sie dachten, das gehört zu Deutschland und nicht nur in die Jahreszeit. Wir sind schon jetzt gespannt, wie sie reagieren werden, wenn der Weihnachtsmarkt aus Hattingen verschwunden sein wird“, kann sich der HAZ-Geschäftsführer ein leises Schmunzeln nicht verkneifen.
Manfred Gosker: „Sport und Bewegung sind ebenfalls ganz wichtig. Fast alle Jungs kommen aus Afghanistan. Da herrscht seit 1979 Bürgerkrieg. Sie kennen also gar nichts anderes als eine Realität aus Bomben, Granaten, Maschinengewehrfeuer, die tägliche Furcht um Leib und Leben. Jetzt sind sie endlich hier und möchten nach der langen Flucht einfach wieder Kinder sein und Fußball spielen.“
Und Hannes Sponagel-Becker, Leiter vom Haus Friede, ergänzt: „Neben Fußball sind unsere Schaukeln und die Seilbahnrutsche die absoluten Renner bei den Jugendlichen. Sie wollen damit wohl einfach ihre Kindheit nachholen.“
Auch Schwimmen steht auf dem Programm, gehört zu den Dingen, die das engagierte Team um Manfred Gosker ausprobiert. Vorher wurde sich natürlich diskret erkundigt, ob die Jugendlichen seit ihrer Flucht traumatische Erlebnisse mit Wasser verbinden. Das sei zum Glück nicht der Fall, sagt er.
Aber es geht auch um ganz Alltägliches. So hatten die jungen Flüchtlinge nicht einmal Wäsche zum Wechseln, geschweige denn Badehosen. Nach einem Aufruf von Pfarrer Martin Funda sei jedoch ein wahrer Tsunami an Hilfsbereitschaft über das Haus Friede geschwappt – von Privatpersonen, aber auch Sportvereinen. „Dadurch haben wir den positiven Eindruck, dass sich die Jugendlichen hier im Haus Friede wohlfühlen und bei den Nachbarn willkommen sind“, so Hannes Sponagel-Becker und Manfred Gosker unisono.
Verständlich ist für sie, dass die Jugendlichen gerne mit ihren Freunden zusammen in den Wohngruppen bleiben möchten, mit denen sie sich auf der Flucht gegenseitig geholfen haben. Dabei mussten die Betreuungsteams von Hannes Sponagel-Becker und Manfred Gosker erst lernen, dass sich zwei Jungs aus Afghanistan nicht unbedingt miteinander unterhalten können – der verschiedenen Sprachen dort wegen.
Erstaunlich sei für alle, die mit den Jugendlichen zu tun hätten, wie schnell diese Fortschritte in der deutschen Sprache machten. Das werde sich sicherlich noch mehr bemerkbar machen, wenn sie in ein paar Tagen mit gleichaltrigen Deutschen zusammen Silvester feiern werden.

Vorbereitung auf den Schulbesuch

Dennoch liegt das Hauptaugenmerk der Betreuer darauf, die jungen Flüchtlinge auf den Schulbesuch vorzubereiten. Denn auch für Flüchtlinge gilt die Schulpflicht. Eine solche Klasse gibt es bereits im Berufskolleg. Wo weitere eingerichtet werden, das wird zurzeit noch überlegt. Klar ist nur, dass die deutsche Sprache zunächst für alle im Fokus stehen wird. Und alle stehen unter Vormundschaft und haben so lange ein Bleiberecht, bis sie in ihrem Heimatland die Volljährigkeit erreichen würden. Dann können sie einen Asylantrag stellen.
Manfred Gosker: „Ich glaube, wer mit 14 Jahren hierher kommt, hat gute Chancen, auf Dauer hierbleiben zu dürfen. Die Jungs sind dann lange genug im Schulbetrieb gewesen und haben auch in der Zeit sicherlich viele Kontakte geknüpft und sich hier integriert.“
Warum überhaupt Jugendliche allein die Flucht antreten, darüber können Hannes Sponagel-Becker und Manfred Gosker nur spekulieren: „Vermutliche können sich ihre Familien nur die Flucht von einem Familienmitglied leisten. Und jede Mutter, jeder Vater auf der Welt weiß, wie schwer es für Eltern ist, ein Kind wegzuschicken. Über genaue Umstände und Hintergründe für die Flucht wissen wir nichts. Wohl keiner ist komfortabel geflohen, sondern alle kamen auf dem Landweg zu uns, sind wahrscheinlich große Strecken gelaufen. Wir halten uns da bei neu Angekommenen auch bewusst zurück und warten darauf, dass sie von sich aus darüber sprechen möchten. Denn gerade für sie ist ein Leben in der Fremde ohne familiären Rückhalt alles andere als einfach. Für uns sind das alles nur Jungs, die schwere Dinge erlebt haben, und wir sind aufgefordert, denen zu helfen, solange sie unsere Hilfe brauchen. Dieser Aufgabe stellen wir uns gern und selbstverständlich.“

Hintergrundinfos
- Zur Betreuung der Flüchtlinge hat das HAZ vier neue Arbeitsplätze geschaffen und besetzt.
- Insgesamt verfügt das HAZ über rund 70 Mitarbeiter.
- Alle haben sich mit einer 24-Stunden-Betreuung der Jugendlichen einverstanden erklärt, verzichten selbst auf Urlaub und Freizeit – auch über Heiligabend, die Weihnachtstage und den Jahreswechsel.
- Beim Essenzubereiten wird im Haus Friede selbstverständlich auf Schweinefleisch verzichtet.
- Gesunden Appetit haben die Jugendlichen allemal – wie alle Heranwachsenden auf der Welt. Pizza kommt bei ihnen neben der deutschen Küche ebenfalls gut an.
- Wie das Essen in ihrem Heimatland schmeckt, das möchten die Jugendlichen ihren Betreuern zeigen und sie bekochen. Darauf freuen sich schon alle.
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