Erinnerungen an Muttertag vor fünfzig Jahren

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Blumen sind zum Muttertag ein absolutes Muss. (Foto: Magalski)
Blumen, Muckefuck-Kaffee und Bohnerwachs - der Muttertag in ihrer Kindheit ist für Leserin Margret Schubert aus Lünen ein unvergessliches Erlebnis. Jahr für Jahr kommen die Erinnerungen an eine schöne Zeit:

„Mein Gott, was haben wir einen Aufstand gemacht. Da waren mein Bruder, meine Schwester und ich. Das war jedes Mal so spannend, als ob es Weihnachten wäre. Schon lange vorher haben wir uns nach Blumen umgesehen, umsonst natürlich. Die Schneebälle im Volkspark waren schon immer offen und dick, wie richtige Schneebälle. Der Flieder in den Gärten war auch schon soweit. Einen Strauß bekam ich immer von unserer Nachbarin, weil ich ihr Kartoffelschalen für ihr Schwein brachte. Der Rotdorn in der Schulstraße, das war das Revier meines Bruders. Zum Friedhof bin ich mit den Freundinnen gegangen, da war ein Magnolienbaum, der hatte es mir angetan. Aber leider waren die Blüten immer braun und abgefallen. Nein, niemals habe ich eine Blüte gepflückt. Uralt und knorrig steht er noch heute da.

Papierherzen und Kranzkuchen waren ein Muss

Der Samstag kam. Wir wurden alle drei in der kleinen Wanne abgeschrubbt. Zuletzt Mutti. Mit dem Rest Wasser wurde die Küche gewischt, mit Bohnerwachs eingeschmiert. Wir konnten fast nicht schlafen vor Aufregung. Ob unsere Sträuche noch im Keller waren, ob sie keiner weggenommen hat? Ganz früh sind wir aufgestanden und leise runter geschlichen, um die Blumen raufzuholen. Jeder tat seinen Strauß in eine Vase. Ein Papierherzchen wurde bemalt und der Name dazu geschrieben. Alles wurde auf einen kleinen runden Tisch gestellt. Es roch ganz wunderbar. Dann wurde erst einmal der Boden blank gebohnert. Der schwere Bohnerbesen knallte oft an Tisch und Stuhlbeine. Wir haben wirklich geglaubt, Mutti hört uns nicht. Dann wurde der Tisch gedeckt. Der obligatorische Kranzkuchen mit ganz dick Puderzucker, den Mutti am Vortag gebacken hatte, kam in die Mitte. Wir holten die schönsten Sammeltassen aus dem Schrank, die waren Muttis ganzer Stolz. Jeder hatte seine Lieblingstasse. Der Muckefuck-Kaffee war auch schon fertig.

Mutti im Nachthemd

Jetzt zogen wir unser Sonntagszeug an, denn bisher hatten wir alles im Nachthemd gemacht. Dann machten wir leise die Schlafzimmertür auf, um Mutti zu wecken. Sie saß schon auf der Bettkante. Mit ihrem langen Nachthemd kam sie in die Küche. Das war für uns immer der spannendste Moment. Sie hob die Hände und sagte: „Oh, wie schön habt ihr das gemacht.“ Sie bestaunte die schönen Blumen, las jedes Herz, bestaunte den blanken Boden und den gedeckten Tisch. Sie zog sich schnell an und dann saßen wir alle fröhlich am Kaffeetisch. Vera sagte ihr Gedicht auf: „Wenn ich groß bin, liebe Mutti, will ich alles für dich tun und du darfst im Sessel ruh‘n.“ Leider vergaß sie die Hälfte. Sehr oft hat Mutti später noch zu ihr gesagt: „Weißt du noch, was du mir verprochen hast?“ Nachmittags machten wir dann einen Spaziergang zum alten Schloss, am Kanal entlang und wieder zurück. Das war immer ein schöner Tag.

Erinnerungen mehr wert als tolle Geschenke

Die Jahre vergingen, genauso schnell wie die Blumen verwelkten auf dem kleinen runden Tischchen in unserer Küche. Nur die Erinnerungen bleiben und die sind viel mehr wert als die schönsten vorgefertigten Blumensträuße und toll eingepackten Geschenke von heute. Sicher sind auch die alle mit Liebe und Dankbarkeit geschenkt. So soll es auch sein und bleiben. Denn jede Generation soll ihre Erinnerungen haben.“

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1 Kommentar
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Renate Sültz aus Lünen | 10.05.2014 | 19:50  
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