Gewaltberichte wecken bewegenden Emotionen - Theater Till zu Gast an der HBS

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Fassungslosigkeit, Betroffenheit und Wut sind von den Gesichtern der Acht-, Neunt- und Zehntklässlern abzulesen, die am Montag (06. Juni 2016) "Berichte über Gewalt" auf der Bühne der Aula der Heinrich-Bußmann-Hauptschule hautnah erleben und irritiert verfolgen.

Man kann eine Stecknadel fallen hören und die Anspannung im Raum ist deutlich zu spüren. Die Schülerinnen und Schüler sehen sich fünf Menschen gegenüber, die extrem kontrovers und provokant über ihre Erfahrungen mit Gewalt berichten. Opfer und Täter finden den Mut, in der Öffentlichkeit vor den Schülerinnen und Schülern nicht nur ihre Geschichte zu erzählen, sondern dabei auch ihre Gefühle, Motive und Ängste preiszugeben.

Da schildert der straffällig gewordene Neonazi Lützek, wie er aus Frust einen asiatischen Laden aufgemischt hat. Der Grund: Seine Mutter verlor dort ihren Job, als die Besitzer wechselten und "außerdem gehören die Ausländer nicht hierher". Der Lehrer Baumann berichtet von der unerträglichen Situation an seiner Schule, die ihn so weit trieb, dass er einen Schüler zusammenschlug und strafversetzt wurde. Katrin wurde Zeugin einer Vergewaltigung und mischte sich mutig ein. Einer der beiden Täter verletzte sie mit einer Weinflasche. Nun ist ihr Gesicht entstellt.
Nicole schildert den Tod einer Mitschülerin. Mobbing und coole Sprüche trieben diese in den Selbstmord. Das Mädchen sprang aus dem Fenster. "Die konnte sowieso keiner leiden", sagt Nicole Kaugummi kauend und zuckt gelangweilt ihre Achseln. Und dann ist da noch Ümed, ein Türke, der schildert, wie sein Freund von Rechtsextremen zum Krüppel geprügelt wurde. "Mir wird so etwas nicht passieren, ich schlage vor den anderen zu. Gewalt ist menschlich", erklärt er.

Als die fünf Personen anschließend auf ihren Stühlen in der Aula Platz nehmen und sich der Diskussion stellen, geht es heiß her. Bewegende Szenen spielen sich ab. Die Schüler und Schülerinnen sind erregt und lassen ihren Emotionen freien Lauf. Fragen wie: "Wie kannst du nur so gefühlskalt sein?" oder "Warum gehst du nicht zur Therapie?" werden an die Akteure von der Kölner Agentur "Mensch - aber wie?" gestellt. „Wir hier an unserer Schule lassen solche Typen wie du einer bist hier nicht zu,“ sagt Eren dann auch zu dem Neonazi Lützek - „dies hier ist unsere Schule ohne Rassismus, da ist die Tür, du kannst gehen“, weist er Lützek zurecht. Xenia, eine Schülerin der 9. Klasse, ist ebenfalls sehr aufgebracht und kann die „Gewaltpropaganda“ auf der Bühne kaum aushalten. Zwei weitere Schülerinnen weinen vor Wut über Nicoles unverschämte Gleichgültigkeit und machen ihr lauthals deutlich, was sie von Nicoles Handeln halten. Der Türke Ümed ist am gefragtesten bei den Hauptschülern.

Als sich die Fünf zum Schluss als Schauspieler vom Theater Till outen, zeigt sich zum einen Erleichterung bei den Schülerinnen und Schülern, zum Anderen aber nach wie vor Betroffenheit darüber, dass die gehörten und gespielten Charaktere auf wahren Geschichten basieren. „Ich hatte zeitweise ein ganz komisches Gefühl im Bauch und wusste nicht, ob das nun echt war oder nicht“, erzählt Ceyda. „Die haben mich voll aufgeregt und ich konnte mich kaum zurück halten.“ Am Ende macht der Darsteller des Türken Ümed allen Schülerinnen und Schülern ein großes Kompliment: "Ihr habt mit euren Standpunkten nicht zugelassen, dass Gewalt jemals eine Lösung sein kann, weil sie stets Gegengewalt erzeugt." Auch Frau Kleber als Schulleitung bestätigt ihren Stolz über das Handeln und den Einsatz ihrer Schüler: „Ihr habt heute einmal mehr gezeigt, dass ihr eurer Verantwortung und Verpflichtung gegen Rassismus und Courage zu zeigen, bewusst seid.“ Diese Veranstaltungsreihe zur Gewaltprävention im Rahmen eines Projektes zu Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage wird noch lange für Diskussionsstoff in der Schule sorgen und auch zum Nachdenken anregen. Erfreulicherweise nahm an dieser Veranstaltung auch die Landeskoordinatorin Frau Sevgi Karaman-Brust teil.

Information zum TheaterTill:
Heike und Rüdiger Fabry gründeten 1985 das politische Kinder- und Jugendtheater Theatertill. Sie lernten sich 1984 in einem Sommerworkshop in der damaligen Werkstatt, dem heutigen Tanzhaus, in Düsseldorf kennen. Der Workshop hatte den Titel „Hätte Till Eulenspiegel in unserer heutigen Zeit noch eine politische Wirkung?“ Aus dem Workshop ging eine Theaterproduktion zu diesem Thema hervor. TheaterTill ist also eine Hommage an Till Eulenspiegel.

Im Jugendtheater wurde eine Methode entwickelt, die einer eher für Theater unaufgeschlossenen Altersgruppe keine Möglichkeit lässt, sich der Thematik inhaltlich entziehen zu können. Diese Methode könnte man als Dokumentartheater bezeichnen, der Unterschied zwischen Spiel und Wirklichkeit wird quasi aufgehoben. Der junge Zuschauer wird so provoziert, dass er nicht umhin kann, sich zu äußern, sich zu wehren, Partei zu ergreifen, Stellung zu beziehen, sich in den Prozess der Auseinandersetzung einzumischen, sich spiegeln zu lassen.
Ensemble, das an der Bußmannschule spielte:
Heike Fabry (Katrin, eine Zeugin), Theo Meller (Neonazi Lützek), Harry Heib (Moderation), Laura Schümann (Nicole), Wolfgang Höfer (Lehrer Baumann), Halil Yavuz (Ümed)
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