Bundestagswahl: Ein Abgeordneter spricht Klartext - "Schön, dass es vorbei ist." Und jetzt ist Zeit für die alte Gitarre

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Siegmund Ehrmann freut sich auf die Zeit für private Dinge. Foto: privat

Siegmund Ehrmann (SPD) war seit 2002 Mitglied des Deutschen Bundestages. Am kommenden Sonntag wird er nicht mehr antreten. Wir vom Wochen-Magazin sprachen mit ihm über Erlebnisse, die Bundestagswahl und seine Pläne für die Zeit danach.

Von Karsten Schubert

Wie sieht der Arbeitsalltag eines Abgeordneten aus?
Im Grunde genommen lebe ich in zwei Welten. 22 bis 24 Sitzungswochen hat jeder Bundestagsabgeordeter, die von montags bis freitags gehen. Wenn man dann die reinen Ferienzeiten rausrechnet, bin ich also jede zweite Woche in Berlin, umgekehrt formuliert bin ich jede zweite Woche in meinem Wahlkreis unterwegs, in dem ich viele Kontakte zu den Bürgern, Firmen und Verbänden habe.

Wie viel Macht hat man als Mitglied des Bundestages und was kann man für den Wähler hier vor Ort in Berlin bewirken?
Ich rede jetzt für meine Fraktion, da sind wir jetzt 193 Mitglieder. Jeder hat erst einmal die gleiche Stimme, die durchaus Gewicht hat, wenn Konflikte auftreten. Man kann also Dinge in die eine oder andere Richtung drängen. Wir sind also kein Stimmvieh, sondern können mitentscheiden und mitprägen. Für die Menschen aus meinem Wahlkreis kann ich als Bundestagsabgeordneter in Berlin in verschiedenster Weise beispielsweise bei Behörden intervenieren oder auf großer Schiene bei Förderprojekten, die die Kommune oder Einzelpersonen betreffen, ob das der Denkmalschutz oder der Straßenbau ist, kann ich das mit einem positiven Votum begleiten.

Über Entpflichtung und eine alte Gitarre

Was hat Sie bewogen, 2017 nicht mehr für einen Sitz im Bundestag zu kandidieren?
Ich bin jetzt in der vierten Periode dabei, dieses Jahr 65 Jahre alt geworden und seit meinem 16. Lebensjahr im Beruf. Keine hinreichenden Gründe, aber durchaus der Punkt zu sagen, rechtzeitig Übergänge zu schaffen. Ich hab mir vorgenommen, den Zeitpunkt selbst zu entscheiden. Es hat Spaß gemacht, aber jetzt freue ich mich darauf, "entpflichtet" zu werden.

Welche Pläne haben Sie für die Zeit nach dem Bundestag?

Ich möchte mich natürlich weiterhin ehrenamtlich engagieren, möchte aber auch wieder Herr meiner Zeit werden. Im Zweifel habe ich in meinem knapp 50-jährigen Berufsleben private Dinge hinten angestellt. Jetzt ist gut und ich möchte den privaten Anteil höher fahren. Da liegt noch eine alte Gitarre zu Hause, die möchte auch mal wieder bedient werden.

Was werden Sie vermissen, wenn Sie nicht mehr Bundestagsabgeordneter sind?
Ich habe unglaublich interessante Menschen kennengelernt und war in wirklich spannende Situationen eingebunden, dafür bin ich dankbar und das wird so in Zukunft sicher nicht mehr der Fall sein. Oder bei brennenden Situationen mit dabei und nicht nur vor den Nachrichten. Aber die Freude überwiegt, dass jetzt ein Lebensabschnitt zu Ende geht.

Agenda 2010 und Auslandseinsätze


Welcher Moment, welche Rede, welches Ereignis im Parlament ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Am emotionalsten war für mich seinerzeit Wolf Biermanns gesamter Auftritt bei der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2005 (ab 48:20). Eine bewegende Rede, politisch inhaltlich, war die Regierungserklärung von Gerhard Schröder am 14. März 2003 zur Agenda 2010. Es gab eine weitere Rede, die mich fasziniert hat, die aber nicht Furore gemacht hat, die ich aber inhaltlich sehr beeindruckend fand. Und zwar hat Herta Däubler-Gmelin, die frühere Bundesministerin der Justiz, anlässlich des 60. Jubiläums des Bundesverfassungsgerichts eine Bilanz gezogen und dabei beeindruckend dargelegt, wie eben durch die Rechtsprechung die Grundrechte der Artikel 1 bis 20 so richtig mit Leben gefüllt wurden. Dramatisch war das Misstrauensvotum gegen meinen eigenen Kanzler, als wir 2005 das Parlament aufgelöst haben. Es gab aber eben auch Entscheidungen der besonderen Gewissenslagen, und das waren die der Auslandseinsätze oder wenn ethische Debatten geführt wurden, beispielsweise über Patientenverfügung oder Sterbehilfe. Und jüngst Ehe für alle. Und es gibt natürlich in der Sache selbst Entscheidungen, wo man Gesetze gestaltet hat, welche für einen selbst Schlüsselmomente, die zwar vielleicht nicht im Fokus der Öffentlichkeit waren, aber mitunter drei bis vier Jahre Arbeit waren.

Welche Entscheidung fiel Ihnen am schwersten?
Das waren regelmäßig die Entscheidungen über die Auslandseinsätze. Da geht es um Menschen, die im Auftrag des Staates zu gefährlichen Einsätzen entsandt werden. Da geht es auch nicht nur um die Soldaten, sondern auch um die Familien dahinter. Das ist eine Verantwortung, die bei mir nie zur Routine geworden ist.

Gibt es eine Entscheidung, die Sie heute bereuen?
Nein!

Wie kann man Jungwähler motivieren, zur Wahl zu gehen und sich mit Politik zu beschäftigen?
Wir haben als politisch Verantwortliche die Möglichkeit, über Hospitationen junge Menschen neugierig zu machen, in Schulen zu gehen und dort aufzuklären. Wir sprechen Einladungen zu Gremien aus oder bei Planspielen mitzumachen um zu zeigen, dass es sinnvoll ist, sich mit den eigenen Dingen zu beschäftigen.
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Peter van Rens aus Oberhausen | 21.09.2017 | 19:24  
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