"Ich musste sie kaputt machen.": Anatomie eines Jahrhundert-Mörders von Stephan Harbort

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Ich musste sie kaputtmachen!

Nicht umbringen, töten, erwürgen oder was auch immer, nein "kaputtmachen" wie ein altes, nicht mehr gebrauchtes oder betrauertes Spielzeug.
Harbort signalisiert mit diesem Wort schon zu Anfang, das Kroll empathielos tötete. Sein ganzes Leben hindurch, gab es für ihn nur seine eigenen Gefühle, die fast durchweg destruktiv waren.Schon als kleines Kind bekam Kroll seine Bedeutungslosigkeit von der Familie vor Augen geführt. Sein ganzes Fühlen war bald geprägt von jenem "komischen" Gefühl, das letztendlich und konsequent zu seinen Taten führte.

Wie es dazu kam, vermittelt Harbort so anschaulich, das man bald mitfiebert, ob er ein Opfer findet oder nicht. Erst wenn er es findet, kommt der Schauer, der am Anfang noch fehlte. Zu sehr kann man sich in die Seele dieses Menschen versetzen, als das man ihm nicht einen Erfolg gönnen würde. Bis man begreift, welches Resultat ein solcher Erfolg haben würde. Dann erst kommen Ekel und Abscheu, dafür aber umso heftiger.
Hier wird wieder einmal klar, wie wichtig es ist, das man selbst dem uninteressantesten Menschen, ein wenig Beachtung schenkt, damit er nicht, wie hier beschrieben, fast zwangsläufig auf abwegige Art seine Beachtung holt. Ein winziges Gefühl der Schuld keimt dennoch auf in Kroll. Es gelingt ihm aber, dieses Gefühl immer wieder auszuschalten.

Diese Zeit der massenhaften Sexualmorde, korrespondiert auf unglaubliche Weise mit dem noch mangelhaften Wissen, sowie den unzulänglichen Untersuchungsmethoden dieser Zeit. So entkommt er immer wieder, weil andere verdächtigt, weil andere für seine Taten verurteilt werden.
Heute wäre es bedeutend leichter, ihn zu fassen. Darum auch meine Hochachtung vor den Kriminalisten jener Zeit. Auch das hat Harbort sehr gut beschrieben, und es wird für den Leser verständlich, das die Ergreifung so spät erst erfolgte. Man möchte in das Buch hinein um Hinweise zu geben, die man als Leser den Kriminalisten im Buch vorraus hat.

Die Gefühle der beteiligten Menschen, ob Eltern, Nachbarn oder Ermittlern, werden hier mit wenigen, ausdrucksstarken Worten geschildert. Die Eltern, deren Leben aus allen Fugen gerät, die Arbeitskollegen, die Ihren Abscheu und ihre Gewaltphantasien gegenüber dem Täter aussprechen, der Ermittler, der selber Kinder hat und den Gedanken an die toten Kinder nicht los wird.... allen verleiht Harbort Platz und lässt uns, als Gesellschaft, mitschuldig werden.

Mein Fazit?
Ein Muss für jeden, der sich auch nur im geringsten für Kriminalfälle interessiert und gleichzeitig ein Werk, das unser eigenes Handeln so manchesmal in Frage stellt.

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2 Kommentare
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Franz Firla aus Mülheim an der Ruhr | 19.05.2017 | 12:10  
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Claudia Jacobs aus Mülheim an der Ruhr | 19.05.2017 | 15:42  
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