Wenn der Verstand verschwindet

Wer dement ist, braucht nicht nur Pflege, sondern auch viel Zuwendung – die Krankheit wird unserer Gesellschaft in den kommenden Jahren vor großen Herausforderungen stellen.Foto: Siegel
  • Wer dement ist, braucht nicht nur Pflege, sondern auch viel Zuwendung – die Krankheit wird unserer Gesellschaft in den kommenden Jahren vor großen Herausforderungen stellen.Foto: Siegel
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1,2 Millionen Menschen sind in Deutschland an Demenz erkrankt – das ist das Zweifache der Einwohnerzahl Düsseldorfs. Aufgrund der Bevölkerungsentwicklung ist damit zu rechnen, dass sich die Anzahl der Erkrankten in den kommenden Jahren verdoppeln wird.
Schöner, jünger, sportiver, leistungsfähiger – das durch die Massenmedien transportierte Menschenbild suggeriert ein Bild ewiger Jugend bis ins hohe Alter. Eine Gesellschaft, die dermaßen geimpft ist, klammert das individuelle Altern und Sterben systematisch aus. Zu diesem Verdrängungsprozess gehört, dass eine Auseinandersetzung mit dem Thema Demenz keinen Platz findet.
Um dem Problem Herr zu werden, schließen sich auf kommunaler Ebene unterschiedliche Institutionen zusanmmen. Diese tauschen sich aus und versuchen Lösungen im Umgang mit Demenz zu finden, beispielsweise das Demenznetz Düsseldorf. Dabei geht es nicht um medizinische Aspekte, sondern um den gesamtgesellschaftlichen Kontext.
Wenn der Verstand allmählich verschwindet, ist nicht nur der Patient selbst betroffen. Für die Angehörigen ergeben sich enorme Belastungen. Häufig sind die Lebenspartner selbst pflegebedürftig. Bleiben die Kinder.
In dieser Situation befindet sich Susanne Paschen-Weber. Die 51-jährige Düsseldorferin kümmert sich um ihren Stiefvater. Vor drei, vier Jahren sind bei ihm die ersten Anzeichen einer Demenzerkrankung aufgetreten. „Das Schwierige ist, dass die Krankheit so schleichend ist“, erläutert Susanne Paschen-Weber. So werden erste Warnsignale sowohl vom Betroffenen als auch von den Angehörigen beiseite geschoben. „Für ihn“, erzählt die Hausfrau und Mutter von ihrem Stiefvater, „ist alles so, wie es immer war.“
Die Demenz äußert sich nicht allein in Vergesslichkeit, sondern ist auch mit einer Veränderung der Persönlichkeit des Betroffenen verbunden. „Wir brauchen Beratung, um den Alltag zu organisieren. Aber auch, um mit der Krankheit umzugehen“, erklärt Susanne Paschen-Weber.
Um in solchen Fällen helfen zu können, hat die Evangelische Kirche Düsseldorf Nord eine Fachberatung Demenz eingerichtet. Zwei Mal in der Woche steht Maike Keske, Krankenschwester und Sozialpädagogin, pflegenden Angehörigen als Gesprächspartnerin zur Verfügung.
„Ich habe gemerkt“, erzählt Maike Keske, „dass das Thema immer mehr den Rahmen sprengt.“ Demenz lässt sich nicht mal nebenbei abhandeln. Aus diesem Grund hat sich Maike Keske Gedanken darüber gemachtr, wie man mehr Beratung anbieten kann. „Damit bin ich in der Zionsgemeinde auf fruchtbaren Boden gestoßen“, sagt sie.
Sinn der Beratung ist es, das Thema vielschichtig anzugehen. So werden Informationen über die Versorgung oder Pflegestufe gegeben. Die Hilfesuchenden können aber auch über ihre Sorgen und Nöte im Umgang mit der Krankheit sprechen, bekommen Tipps zur Gestaltung des Alltags und auch über Betreungsangebote, die für eine zwischenzeitliche Entlastung sorgen.
Zumindest für Düsseldorf stellt das Beratungsangebot ein Stück Pionierarbeit dar. Denkbar, dass andere Institutionen den Gedanken aufgreifen und ein vergleichbares Angebot umsetzen – allein um eine flächendeckende Versorgung für das gesamte Stadtgebiet zu gewährleisten.
Demenz ist nicht gleich Demenz. Die Wissenschaft unterscheidet zwischen hirnorganischen (primären) und nicht-hirnorganischen (sekundären) Demenzformen. Sekundäre Demenzformen können durch Verletzungen des Gehirns oder durch Alkhol- und Drogenmissbrauch verursacht werden.
Die Ursachen für primäre Demenzformen – wie Alzheimer, Vaskuläre Demenz oder Morbus Pick – liegen im Dunkeln. Es gibt Vermutungen darüber, dass eine Überphosphatisierung zu einer Verklebung von Fibrillen – langgestreckte makromolekulare Strukturelemente in den Zellen – im Gehirn führen kann.

Die Evangelische Kirche hat zwei Beratungsorte eingerichtet. Die Sprechzeiten können nur nach vorheriger Terminvereinbarung unter Tel. 9482750 wahrgenommen werden. Die Beratung ist kostenfrei und konfessionsunabhängig. Evangelische Kreuz-Kirchengemeinde im „Zentrum plus“ Derendorf Golzheim, Klever Straße 75, dienstags von 14.30 und 16.30 Uhr.
Evangelische Zionskirchengemeinde, Ulmenstraße 96, mittwochs von 15.30 bis 17.30 Uhr.

Autor:

Sascha Ruczinski aus Schwelm

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