Zeitreise

i AMsterdam

Wenn die Oldies nicht mehr so können wie sie wollen, ist es Zeit allmählich zu übernehmen.
Ich übernehme also die Tickets für den vor Monaten gebuchten Kurztrip nach Amsterdam und reise mit dem ICE an den Ort meines Ursprungs. In Arnheim steigt meine Reisebegleitung zu, Zeitzeugin einer anderen Generation, aber gerade die entscheidenden Jahre jünger, um mit mir die Daheimgebliebenen würdevoll vertreten zu können.

Allein das alte Bahnhofsgebäude „Amsterdam centraal“ ist eine Reise wert. Ich finde es daher nachvollziehbar, dass der junge Mann, der sich am Flügel mit der Aufschrift „play me“ niedergelassen hat, auch trotz mäßigen Talents nicht gehen will.
Auch wir bleiben noch auf einen Kaffee. Jeglicher Zweifel, ob zwei volle Tage mit der jüngeren Schwester meiner Mutter nicht lang werden könnten, ist verflogen. Wir kennen uns und kennen uns doch nicht. Ich kenne die Geschichten, die sie erzählt und kenne sie doch nicht.
Sie eröffnet mir eine neue Perspektive meiner Familiengeschichte.

„I amsterdam“ steht in großen Lettern vor dem "Rijksmuseum". Das gefällt mir. Irgendwie ist es so.
Etwas skeptisch laufe ich durch die Ausstellung barocker Kunst: Maria und Jesus - pausbäckig. Maria und Jesus - rosig. Maria und Jesus - eins kitschiger als das andere. Ob sie wirklich so aussahen? Meine Vorstellung ist eine andere: Mehr „Twiggy“. Weniger italienisch.

Ein Stockwerk höher fesselt mich ein Stillleben. Schön finde ich es nicht, aber die Früchte auf den Schalen lachen mich an als wollten sie direkt von mir vernascht werden, und das Wasser in den Krügen funkelt mit den vielen Glitzersteinen um die Wette, die der Künstler tausendfach auf der Leinwand zum Leben erweckt hat. Gegenüber bleibe ich lange vor einer Wassermühle stehen und höre die Räder knarren, während ein gläserner Vorhang von Wasser die Sonne widerspiegelt. Der Saal hängt voller Gemälde aus dem goldenen Zeitalter. So sah es tatsächlich damals aus wie heute. Nur dass meine Vorfahren Holzschuhe trugen und Hauben, die ich bestenfalls zu Karneval aufziehen würde.

Abends gehen wir ins Musical.
Vor der Show machen wir ein Selfie, nennen es „de tweeling:-)“ und schicken es meinen Eltern. Auch wir sind in unterschiedlichen Systemen aufgewachsen und doch verbindet uns so viel. Nach der Show bleibe ich noch eine Weile sitzen, weil die story mich eigenartig trifft. Keiner ist schuld. Oder jeder. Was man daraus macht.
Die Vergangenheit hat man offenbar doch selbst ein gutes Stückweit in der Hand.

Am nächsten Morgen kaufen wir uns in der "Ruysdaelstraat" einen Kaffee und wollen das obligatorische Foto von mir vor meinem Geburtshaus machen. Wir erwischen dann doch die falsche Hausnummer. Lang ist es halt her. Und Erinnerungen beruhen immer nur ansatzweise auf Tatsachen. Sie sind ein Potpourri aus inneren Bildern, Fotos und Erzählungen und werden durch das subjektive Erleben zur persönlichen Lebensgeschichte. Jetzt. Und jetzt. Und jetzt…

Wir folgen den Spuren der Vergangenheit. Auf dem Albert Cuyp, als uns der Regen nicht mehr trocken genug ist, kehren wir bei „van Dobbe“ ein und essen „een broodje kroket“. Zwei Damen setzen sich zu uns an den Tisch und gestatten uns einen Moment Ablenkung von uns selbst. Sie reden über die Verschiebung der Erdachse und die damit verbundene globale Erwärmung, während wir uns ein zweites Brötchen gönnen und die Welt sich völlig unaufgeregt einfach weiter dreht.

Als pünktlich zum Sonnenuntergang der Regen aufhört, verlassen wir diesen leckeren Ort und schlendern gemütlich durch die absolut einzigartigen Grachten. Immer wieder halte ich inne, um ein Foto zu machen. So sehr will ich das Hier und Jetzt festhalten und im nächsten Moment ist es doch schon wieder ein Teil meiner Geschichte.

In einem Thai-Imbiss bestellen wir Nummer 41 to go, weil wir uns nicht entscheiden können und eilen dann Richtung Amsterdam Centraal. Es ist spät. Wo gestern noch der Untalentierte plärrte, spielt jetzt ein wenig Begabter. Ich muss vom vielen Kaffee schon wieder Pipi. Und irgendwo am anderen Ende der Stadt hängt, wie gestern, ein Lebensmüder auf den Gleisen herum und hält mich von meiner Reise zurück in die Zukunft ab. Manche Dinge ändern sich nie.

Ein paar Tage später, der Alltag hat mich wieder, feiern wir Geburtstag. Das kriegen die Oldies noch ganz gut hin. Ich komme ohne Geschenk. Mir will einfach nichts Passendes einfallen: Stützstrümpfe finde ich geschmacklos. Mit Tablettendosen sind sie reichlich versorgt. Gehhilfen, Lupengläser… Es will gut überlegt sein, was man den Herrschaften schenkt, schließlich können die Oldies nicht mehr unbedingt wie sie wollen und man kann nicht ausschließen allmählich zu übernehmen.

Und so komme ich einfach mit dem Herzen voller Dankbarkeit.
Danke für diese wunderbare kleine Zeitreise und Danke, dass es Dich (noch!!!:) gibt!

Autor:

Femke Zimmermann aus Düsseldorf

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