Ich... bin ich - Große Fotoausstellung zum 40-Jährigen der Comenius-Schule

24. September 2012
09:00 Uhr
Comenius-Schule, 45289, Essen
V.l.: Rektorin Bea Küpperfahrenberg, Fotograf Andreas Teichmann und Konrektor Christian Taube vor einem Teil der Ausstellung, die der Öffentlichkeit ab Montag, 24. September, zugänglich ist. „Wir wollen die Schule öffnen und nach außen bringen und Klischees, die es über geistig behinderte Menschen gibt, brechen“, so Küpperfahrenberg.  Foto: ms
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Spiegelszenen sind in der Literatur wie im Film ein klassisches Stilmittel, um Selbstreflexionen zu schildern. Und mal ehrlich, kaum jemand mustert einen schon so genau, wie man sich selbst im Spiegel.

Dabei geht der Blick auch nach innen: Was macht mich aus? Was sind meine Stärken und Schwächen? Wer bin ich eigentlich?
„Ich bin ich!“ - ziemlich selbstbewusste Antwort und zugleich Titel einer Ausstellung und eines ungewöhnlichen Projektes, das in der Burgaltendorfer Comenius-Schule, Essens erster Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung, anlässlich ihres 40-jährigen Bestehens umgesetzt wurde. Und der Spiegel spielt dabei eine ganz bedeutende Rolle.
Andreas Teichmann, professioneller Fotograf - insbesondere Portraitfotograf - aus Burgaltendorf und der Comenius-Schule seit vielen Jahren u.a. durch das ComeniusArt-Kalenderprojekt verbunden, hatte die zündende Idee zu dem Projekt: „Um ein gutes Portrait zu machen, bedarf es einer gewissen ‘Unbekümmertheit‘ des Portraitierten gegenüber dem Fotografen. Hilfreich ist auch, eine Nähe - durchaus im räumlichen Sinne - gewährt zu bekommen. Der Blick in den Spiegel erfüllt all diese Voraussetzungen.“ Teichmann wollte den 120 Comenius-Schülern im Alter von sechs bis 25 Jahren die Gelegenheit bieten, sich im Spiegel zu betrachten und dabei selbst zu portraitieren und damit quasi ihr eigenes Selbst-Bild einzufangen.
Um dies umzusetzen, entwickelte der Fotograf eigens ein portables „Mini-Fotostudio“, bestehend aus einem runden Spiegel, in den mittig ein Loch gefräst wurde, durch das die Kamera gesteckt werden kann. Eine ringförmige Lampe rund um den Spiegel spendet das richtige Licht, ohne die Gefahr - anders als ein Blitz - einen epileptischen Anfall auszulösen. Rundum schirmt schwarzer Stoff die Spiegelkonstruktion vor der Umwelt ab. „Eine ziemlich intime Situation“, so Teichmann. Der Schüler steht unter dem Schirm vor dem Spiegel, betrachtet sich und kann per Selbstauslöser ganz autonom entscheiden, in welchem Moment er sich selbst portraitieren möchte.
Von Januar bis Juni dieses Jahres waren Andreas Teichmann und sein Assistent insgesamt siebenmal für Fotografie-Sitzungen an der Comenius-Schule und beinahe alle 120 Schüler haben ihr eigenes „Selbst“-Portrait erstellt. „Nicht jeder Schüler war, z.B. aus motorischen Gründen, in der Lage, den Selbstauslöser zu betätigen. In diesen Fällen habe ich die Kamera ausgelöst“, erklärt Teichmann.
Gleich nach dem Shooting ging es an den Computer und die Schüler wählten aus ihren Aufnahmen jenes Portrait aus, das sie in der Ausstellung gezeigt sehen wollten. „Das war ein längerer Prozess als das eigentliche Fotografieren, aber auch sehr spannend und für mich der interessanteste“, erklärt Andreas Teichmann.
Oft war der Fotograf überrascht, für welches Bild sich ein Schüler entschieden hat. Und auch Bea Küpperfahrenberg, Rektorin der Comenius-Schule, war mitunter verblüfft: „Einer unserer Schüler, ein ganz hübscher Junge, hat sich ausgerechnet für das Foto entschieden, auf dem er eine Grimasse zieht. Er erklärte mir dann, dass er ein zertreuter Professor ist“, schmunzelt die Pädagogin. Andere Schüler schauen kritisch, zweifelnd oder schüchtern auf ihrem Ausstellungsbild. „Ich habe wieder gelernt, dass es nicht immer das Klischeehafte, immer positiv gut drauf, immer lachende Image ist, von dem Außenstehende sagen würden, ‘Mann, der ist aber gut getroffen‘, was dem Einzelnen wichtig ist“, konstatiert Teichmann. Offenbar, so der Fotograf, hat es für den Schüler „eine andere, über diese oberflächlichen Parameter hinausgehende Ebene gegeben, die vielleicht nur ihm erschlossen war“. Einige Schüler haben sich in Positur geworfen, mit der Kamera geflirtet und es gab Mädchen, die sich vor dem Fotoshooting geschminkt haben. Ganz normal eben.
Im fächerübergreifenden Unterricht sind die geistig und vielfach auch anderweitig behinderten Schüler auf das Fotoprojekt vorbereitet worden: „Wir haben eine Bestandsaufnahme des Selbstbildes im Unterricht versucht. Das verlief ganz unterschiedlich, je nach Alter und Entwicklung der Schüler“, erläutert Christian Taube, Konrektor der Comenius-Schule. „Mit den jüngeren Kindern verlief das Ganze eher spielerisch. Sie haben verbalisiert bzw. auf andere Weise zum Ausdruck gebracht, womit sie sich beschäftigen, was sie gerne spielen - haben sich beispielsweise gemalt. Die größeren Schüler haben sich schon konkreter mit ihrem Selbstbild befasst und z.B. Steckbriefe über sich erstellt, um sich klar zu machen: ‘Was gehört eigentlich zu meiner Persönlichkeit?‘ Die Schüler haben versucht - bei all den Schwierigkeiten, das zu tun - etwas über ihre Identität zu verbalisieren, einen Kernsatz zu sich herauszuarbeiten.“ „Die 40-Jahrfeier unserer Schule ist wirklich ein schöner Anlass für dieses Projekt“, findet Schulleiterin Bea Küpperfahrenberg. Und es passt wirklich eins zu eins zu unserer pädagogischen Idee der Persönlichkeitsförderung eines jeden Schülers - ganz gleich, welche Fähigkeiten er besitzt und welche Handicaps. Persönlichkeitsförderung ist unser Alltagsgeschäft und wir suchen immer Wege, das umzusetzen. Das Medium Foto ist da wirklich ideal. Das Projekt und dessen Prozess hat uns wirklich begeistert.“
Und das Ergebnis kann sich sehen lassen und sollte gesehen werden:
Die 120 Selbstportraits aller Comenius-Schüler sind ab dem kommenden Montag, 24. September im Eingangsbereich der Comenius-Schule, Auf dem Loh 15S (Zugang auch über die Alte Hauptstraße, vorbei an der Feuerwehrwache; Wegbeschreibung unter www.ibi-plan.de) der interessierten Öffentlichkeit zugänglich.
Die Ausstellung „Ich bin ich“ in der Förderschule läuft noch bis zum 31. Oktober montags bis freitags von 9 bis 15 Uhr, Eintritt frei. Weitere Ausstellungen an diversen öffentlichen Orten der Stadt wie auch überregional sind ge­plant. Interessierte, die einen Ausstellungsort anbieten können, melden sich im Sekretariat der Comenius-Schule unter Tel.: 0201/57 17 430. Begleitend zur Ausstellung ist ein 250-seitiger Ausstellungskatalog erschienen (ISBN 978-3-00-039364-8), der im Buchhandel wie auch vor Ort in der Comenius-Schule erhältlich ist und die Fotoserien (Ausstellungsfotos sowie die nicht-ausgewählten Bilder) aller 120 Comenius-schüler enthält; ferner eine aufsführliche Projektbeschreibung, Zitate von Schülern und ein Making-of-Kapitel.

V.l.: Rektorin Bea Küpperfahrenberg, Fotograf Andreas Teichmann und Konrektor Christian Taube vor einem Teil der Ausstellung, die der Öffentlichkeit ab Montag, 24. September, zugänglich ist. „Wir wollen die Schule öffnen und nach außen bringen und Klischees, die es über geistig behinderte Menschen gibt, brechen“, so Küpperfahrenberg.  Foto: ms
Das mobile Fotostudio im Einsatz. Per Selbstauslöser kann der Schüler ganz autonom entscheiden, wann ein Bild gemacht werden soll.   Foto: Taube
Fotograf Andreas Teichmann und ein Schüler beim Auswahlverfahren nach dem Fotoshooting. Das Kind entscheidet, welches seiner Selbstportraits in die Ausstellung kommt.   Foto: Taube
Andreas Teichmann und ein Schüler während der Auswahl am Laptop.   Foto: Taube
Die hochwertige Ausstellung im Schulgang   Foto: ms
Mithilfe der Stiftungen können wir die Ausstellung auf diesem hochwertigen , musealen Niveau zeigen." (Fotograf Andreas Teichmann)  Foto: ms
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Autor:

Melanie Stan aus Essen-Ruhr

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