Dieter Nuhr in der Stadthalle

2. Oktober 2010
Werner Krusenbaum, 45478 Mülheim an der Ruhr

Am 01.10.10 trat Dieter Nuhr in der Stadthalle mit seinem neuen Programm "Nuhr die Ruhe" auf. Hier eine Kritik als Brief an Herrn Nuhr.

Lieber Dieter Nuhr,
ich war gestern, 01.10.10, in der Stadthalle Mülheim an der Ruhr, um mir Ihr neues Programm anzusehen und zu hören.
Ich muss vorbemerken, dass ich Ihre bisherigen Programme ganz ausgezeichnet fand und mich immer köstlich amüsiert habe.
Ihr neues Programm ist allerdings aus meiner Sicht das schwächste in der Reihe. Ich will hier aber nicht eine Kritik ohne Begründung absondern. Deshalb hier meine Bemerkungen dazu:

1. Seit wann glauben sie eigentlich, dass sie ein politischer Kabarettist seien? Ihre Einlassungen über politische Zusammenhänge sind dermaßen oberflächlich, dass sie damit sogar unverständlich werden. Zum guten politische Kabarett gehört eine sorgfältige Recherche und danach Ausführungen, die pointensicher diese Zusammenhänge auf den Punkt bringen. Handelnde Personen sind ihrer sogenannten Wichtigkeit zu entkleiden und somit dem „normalen“ Volk gegenüber von unbegründetem Respekt zu befreien. Ihre Recherchen fehlten allerdings völlig. Beispiel: Sie fordern Freibeträge für Steuerhinterzieher. Dies meinen Sie natürlich satirisch, übersehen aber, dass es diese Freibeträge immer schon gab und gibt, manchmal zeitlich befristet, manchmal auf bestimmte Kreise bezogen, wie Rentner oder sich selbstanzeigende Steuersünder. Als Sie dann über die sogenannte Finanzkrise schwadronierten, gaben Sie sogar zu, dass Ihnen hier der Durchblick fehlt. Da fiel mir sofort der Satz eines etablierten Comedian ein: „Wenn man von irgendetwas keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten!“ Wer hat das eigentlich gesagt? Überlassen Sie das politische Kabarett den Leuten, die da sauberer arbeiten, wie z.B. Pispers, Priol, Schramm oder dem Altmeister Hildebrandt.

2. Wenn in Ihrem neuen Programm so etwas wie ein roter Faden erkennbar war, so war es Ihre Kritik an der Meckerei in Deutschland, über alles und jeden. Darüber haben Sie dann aber trefflich gemeckert. Man soll doch glücklich sein und zufrieden, dass man in einem Europa des Wohlstands leben würde. Ihnen ist sicher nicht entgangen, dass es in diesem Europa Armut und Hunger gibt. Armut, die sich auch in fehlenden Bildungsmöglichkeiten widerspiegelt. Ich sehe wenig Meckerei, so wie Sie sie darstellen, sondern ehrliches Engagement, wenn es gegen Missstände im Bereich der „Gerechtigkeit“ geht oder um Projekte wie Stuttgart 21, die dazu führen, dass die Bahn aber auch nicht mehr einen müden Euro für die Erneuerung von Strecken und Bahnhöfen z.B. im Ruhrgebiet hat. Mir zeigt Ihr Beispiel zum Thema Gesundheitswesen aus China nur, dass Sie von ihren vielen Reisen tatsächlich ein wenig milieugeschädigt zurück gekommen sind. Natürlich liegen hier keine Kranken blutend im Rinnstein, aber sprechen Sie doch mal mit HartzIV-Empfängern über das Thema Zuzahlungen. Hier wird nicht gemeckert, sondern hier wird meistens nach dem Motto Kurt Tucholskys gehandelt: „Kämpfen, aber mit Freude. Dreinschlagen, aber mit Lachen!“

3. So wie Sie in letzter Zeit argumentieren und Ihre sogenannten politischen Bemerkungen machen, z.B. zum Thema Sozialismus (Wissen sie eigentlich, worüber sie da reden oder haben Sie nur die Pepitahütchenträger der alten DDR im Blick? Das war kein Sozialismus, sonder typisch deutsche Gründlichkeit mit darin angelegtem Versagen!), zeigt es doch, dass Sie über Ihr Menschenbild doch noch mal nachdenken sollten. Ich glaube nicht, dass Sie so glücklich sind, wie sie es uns mitteilen wollten. Dazu sind sie viel zu sehr Zyniker.

Das soll es dann mal gewesen sein für heute. Nun erreichte mich noch die Nachricht, dass Sie den SatireGipfel der ARD übernehmen sollen. Nachdem bereits Richling die letzte Kabarettsendung im Ersten weg von der politischen Ebene hin zur unpolitischen Satire geführt hat, da ändern vor allem seine albernen und nichtssagenden Parodien nichts mehr dran, wird durch die neueste Besetzung dieser Trend eben noch fortgeführt. Scheibenwischer war halt mal.

Wie sagt man im Ruhrpott? Nix für ungut!
Kehren Sie zurück zu ihren Wurzeln. Machen sie weiter in den Bereichen, in denen es um zwischenmenschliche Beziehungen, kulturkritische Aussagen, Alltagsszenen oder Ihre Sichtweise des Zusammenlebens geht. Darin waren und sind Sie nämlich sehr gut.
Schuster bleib bei deinen Leisten.

Was darf Satire? Alles!
Aber Ihre Zuschauer müssten Ihnen mehr Sorgfalt wert sein, wenn sie das Metier wechseln oder erweitern wollen.

Mit freundlichen Grüßen
Werner Krusenbaum

Autor:

Werner Krusenbaum aus Mülheim an der Ruhr

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