Bürgermeister Claus Jacobi aus Gevelsberg zur aktuellen Lage
"Wir leben das WIR-Gefühl, aber manches bricht einem das Herz"

Bürgermeister Claus Jacobi, Gevelsberg. Foto: Stadt Gevelsberg
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Wie geht ein Stadtoberhaupt in der aktuellen Situation und vor dem Hintergrund der Kommunalwahl im September im Alltag mit den Herausforderungen um? Wir haben nachgefragt. Bürgermeister Claus Jacobi aus Gevelsberg gibt die Antworten.

Was sind die wesentlichen Veränderungen im beruflichen Alltag des Bürgermeisters in der Corona-Krise?
JACOBI:
Aus den vielen Sitzungen, die sich vor der Krise meist im Stundenakt aneinanderreihten und bis in die späten Abendstunden dauerten, sind quasi über Nacht Video- und Telefonkonferenzen geworden. Alles ist im Eiltempo digitaler geworden und ich bin froh und stolz darauf, im Rathaus ein schlagkräftiges Leitungsteam zu haben, das diese Form der Kommunikation beherrscht. Unser neuer Digitalmanager und alle Fachbereichs- und Abteilungsleiter waren gut vorbereitet, obwohl keiner die Krise vorhersehen konnte. Wenn die virtuellen Konferenzen gut moderiert werden, können sie übrigens effizienter und vor allem kürzer sein als traditionelle Sitzungstermine. Dadurch bleibt uns mehr Zeit, die wahnsinnige Menge an neuen Aufgaben zu organisieren, die diese Krise an uns stellt.

Glauben Sie an den Termin der Kommunalwahlen am 13. September 2020?
JACOBI:
Das ist keine Glaubensfrage. Der Wahltermin hängt von einer komplexen verfassungsrechtlichen Prüfung ab, die alle demokratischen Grundsätze einer allgemeinen, freien, gleichen und geheimen Wahl zu berücksichtigen hat. Die Kommunalministerin des Landes, Ina Scharrenbach, hält bislang zielstrebig am 13. September fest und verweist darauf, dass die Bürgermeister nur bis zum 31. Oktober 2020 gewählt wurden und ihr Mandat ohne erneutes Votum der Wählerschaft in einem Rechtsstaat nicht einfach so verlängert werden kann. Mich überzeugt das, selbstverständlich würde ich aber auch zu jedem anderen Wahltermin wieder antreten. Wer glaubt, dass seine Chancen von den taktischen Auswirkungen eines konkreten Wahltermins abhängen, unterschätzt die Mündigkeit der Bürger und wirkt ängstlich.

Wie kann in Zeiten von Sicherheitsabständen und Veranstaltungsabsagen überhaupt ein persönlicher Wahlkampf möglich sein?
JACOBI:
Der kommende Wahlkampf wird anders sein, jedoch bin ich fasziniert, wie persönlich die Wählerinnen und Wähler schon jetzt die digitalen Kommunikationswege empfinden, mit denen ich mich, gemeinsam mit meinen politischen Unterstützern, an sie wende. Das „Ostervideo“ der Gevelsberger SPD, in dem ich ein Grußwort sprechen konnte, wurde tausende Male geklickt und über die Maßen oft geteilt. Im Supermarkt haben mir Leute aller Generationen - mit Sicherheitsabstand versteht sich - ein freundliches Danke für meine aufmunternden Worte im Netz zugerufen. Warum sollte man nach diesen Erfahrungen an den Möglichkeiten eines persönlichen Wahlkampfs zweifeln? Wer dies tut, scheint in der digitalen Welt noch nicht ganz angekommen zu sein, vielleicht hat er aber auch die viele Zeit ungenutzt verstreichen lassen, die er vor Corona hatte. Und außerdem - für persönliche Kontakte gibt es zum Glück ja auch noch Telefone, Zeitungen und Briefkästen.

Was tun Sie als Bürgermeister konkret, um der Wirtschaft vor Ort Mut zu machen?
JACOBI:
Meine beiden Telefonkonferenzen mit Mittelständlern, Dienstleistern, Einzelhändlern und Gastronomen haben mir gezeigt, wie wertvoll im Moment kurze Wege, ein direkter Austausch und gute Netzwerke sind. Wir konnten mit diesen neuen Gesprächsformaten die Sprachlosigkeit überwinden und haben festgestellt: Die Betroffenen behalten in dieser Krise ihren Mut, wenn sie merken, dass sie mit ihren Sorgen nicht allein sind und ihre Nachfragen und Nöte schnelle und unbürokratische Antworten erfahren, etwa durch ihre Stadtverwaltung und andere Institutionen des Wirtschaftslebens wie die SIHK, Förderagenturen und Banken. Alle Akteure, die Hilfsbedürftigen wie die Helfenden, gut miteinander zu vernetzen, das macht Mut und darin sehe ich momentan eine meiner wichtigsten Aufgaben.

Halten Sie die bisherigen Maßnahmen, die von Land und Bund getroffen wurden, für ausreichend?
JACOBI:
Es gibt in einer solch komplexen Krise natürlich immer Defizite, die man gegenüber Bund und Land jetzt öffentlichkeitswirksam an dieser Stelle beklagen könnte. Ich will das aber ganz bewusst nicht tun, weil ich beeindruckt erlebe, wie alle politischen Ebenen, die Bundeskanzlerin, ihre Regierung und sämtliche Landesregierungen gleich welcher politischen Farbe im Moment alles dafür tun, dass dieses Land besser durch die Krise kommt als die meisten Länder dieser Erde. Da sollte man sich als Bürgermeister doch auf seine Aufgaben vor Ort konzentrieren.
Nur eine Forderung liegt mir gegenüber Bund und Land am Herzen. Wir brauchen für die Gastronomiebetriebe und diejenigen Dienstleister, die immer noch keine Perspektive auf Wiedereröffnung ihrer Betriebe haben, dringend ein neues Hilfspaket! Die Eckkneipe, das Kosmetikstudio, der Schausteller, um nur einige zu nennen, die wissen nicht mehr, wie es weitergeht. An deren Unterstützung müssen Bund und Länder dringend nochmal ran!

Wie nehmen Sie die Einhaltung der bisherigen Maßnahmen in der Corona-Krise wahr? Halten sich die Gevelsberger überwiegend daran?
JACOBI:
Die Gevelsbergerinnen und Gevelsberger sind wie immer wunderbar, sowohl in ihrer Diszipliniertheit bei der Einhaltung der Schutzmaßnahmen, zugleich aber auch in ihrem Verständnis und in der Solidarität mit den vielen Geschäftsleuten und Dienstleistern, die die Schutzkonzepte umsetzen müssen. Nur zusammen geht´s und in Gevelsberg bekommen wir das gut hin.

Wie gehen Sie privat mit den Einschränkungen um und was fällt Ihnen besonders schwer?
JACOBI:
Zuhause in Gevelsberg, das hat für mich immer bedeutet, auch herzlich auf die Menschen zugehen zu können. Mancher Händedruck, manche Umarmung, ein aufmunterndes Schulterklopfen, das fehlt mir im Moment sehr und bei dem Gedanken, Ende Juni nicht in die Gevelsberger Schiebekirmes eintauchen zu können, ist mir ehrlich gesagt zum Heulen zumute. Ganz besonders schmerzen einen aber natürlich die Beschränkungen im familiären Bereich. Dass wir keinen großen Kindergeburtstag zum 2. Geburtstag unseres kleinen Simon feiern konnten und Oma und Opa ihn nicht in den Arm nehmen und knuddeln können, das bricht einem das Herz. Aber wir wissen ja, wozu es dient und das wir alle gleichermaßen da jetzt durch müssen.

Zu guter Letzt: Ein paar aufmunternde Worte an die Gevelsberger
JACOBI:
Einmal Gevelsberger, immer Gevelsberger! Und das in der Krise umso mehr. Lasst uns, liebe Gevelsbergerinnen, liebe Gevelsberger, unseren weithin bekannten Zusammenhalt, unser sprichwörtliches „Wir-Gefühl“, in diesen schwierigen Tagen noch intensiver leben und uns dankbar gegenüber allen zeigen, die den Laden jetzt am Laufen halten. Und lasst uns keine und keinen vergessen, der einsam ist und Hilfe braucht. Ruft Euch gegenseitig an, bietet einander Hilfe an und seid einfach so zueinander, wie Gevelsbergerinnen und Gevelsberger zueinander sind!
Hilfsbereit, solidarisch und menschlich!

Autor:

Dr. Anja Pielorz aus Hattingen

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