Inkontinenz nach Prostata-OP
Hilfe durch künstlichen Schließmuskel

Heino Petereit (l.) und Dr. med. Rudi Abdunnur, Chefarzt der Klinik für Urologie und Kinderurologie.
  • Heino Petereit (l.) und Dr. med. Rudi Abdunnur, Chefarzt der Klinik für Urologie und Kinderurologie.
  • Foto: Helios Klinikum Schwelm
  • hochgeladen von Andrea Rosenthal

Die eigene Wohnung wurde zum Isolationsort und Hobbys aufgegeben: Heino Petereit verlor immer mehr seine Lebensqualität. Heute traut man dem sportlichen Rentner dieses abgeschiedene Leben nicht mehr zu. Nach einem langen Leidensweg wollte sich der 66-Jährige seiner Harninkontinenz nicht fügen, sondern das Tabuthema behandeln lassen.

Schwelm/Monheim. Ein künstlicher Schließmuskel/Artifizieller Sphinkter war die einzige Lösung. Der erste Anlauf für diesen Eingriff missglückte nahe seiner Heimat Monheim. Doch Heino Petereit gab nicht auf und nahm 2011 erstmals die 60 Kilometer nach Schwelm auf sich, um die Behandlung in der Klinik für Urologie und Kinderurologie des Helios Klinikums Schwelm durchführen zu lassen. Der Artifizielle Sphinkter ist ein hydraulisches System, das während der Operation zusammengesetzt, entlüftet und mit einer Flüssigkeit befüllt wird, damit es präzise schließt. Für den Hobby-Tänzer ein voller Erfolg.

Das Problem, den Urin nicht mehr halten zu können, kennen viele Menschen. Häufig haben Frauen mit zunehmendem Alter mit Blasenschwäche zu kämpfen. Bei Männern, und auch bei Heino Petereit, ist die Inkontinenz eine Nebenwirkung nach der radikalen Entfernung der Prostata. Diesen Eingriff ließ Heino Petereit 2007 durchführen. Danach litt er unter permanentem und unwillkürlichem Harnverlust. „Jeder Gang vor die Tür wurde zur Qual. Die psychische Belastung war unerträglich“, beschreibt Heino Petereit. „Ich hatte maximal 30 Minuten, um Dinge zu erledigen. Der Urin lief einfach völlig unkontrolliert.“

Aus Scham leiden Betroffene unnötig lange. „Oft geht es zunächst darum, die Hemmschwelle zu überwinden und das Thema offen anzusprechen“, weiß Dr. med. Rudi Abdunnur, Chefarzt der Klinik für Urologie und Kinderurologie. „Eine Inkontinenz beeinträchtigt die Lebensqualität schwer, dennoch gehen neun von zehn Betroffenen nicht zum Arzt, obwohl wir gut 90 Prozent aller Patienten wieder eine gute Lebensqualität geben können“, verdeutlicht der Chefarzt. Er ist einer von wenigen Ärzten in Deutschland, die künstliche Schließmuskel implantieren und dieses Verfahren beherrschen.

Implantat ersetzt Schließmuskel

Patienten, deren Schließmuskel der Harnröhre völlig außer Funktion ist, kann über einen chirurgischen Eingriff geholfen werden. Durch die Implantation eines künstlichen Schließmuskels kann die Kontinenz wieder hergestellt werden. Das Implantat besteht aus drei Komponenten: einer Kontrollpumpe, einem druckregulierenden Ballon und einer Manschette. Das chirurgische System wird komplett in den Körper eingesetzt und übernimmt die Funktion eines intakten, gesunden Schließmuskels und bietet so eine Kontrolle über das Entleeren der Blase. Für diesen Mechanismus wird der Druckregulierungsballon in den Unterbauch operiert. Die Manschette wird um die Harnröhre gelegt und ist mit einer Pumpe verbunden, die in den Hodensack implantiert wird. Diese drückt die Harnröhre mit einem speziellen Polster zu und hält sie geschlossen, so dass der Urin nicht unkontrolliert entweichen kann. Zum Wasserlassen muss die im Hodensack befindliche Pumpe mehrmals betätigt werden. Die Blasenentleerung wird bei jedem Toilettengang manuell eingeleitet. Die Flüssigkeit fließt somit aus der Manschette, die Blockierung der Harnröhre wird geöffnet und der Urin kann aus der Blase fließen. Mit diesem Vorgang simuliert das Implantat durch das kontrollierte Öffnen und Schließen der Harnröhre die normale Funktion eines Schließmuskels. Die Patienten erhalten damit wieder ihre natürliche Blasenkontrolle. Die Wiederauffüllung der Manschette erfolgt dann automatisch.

Im Februar dieses Jahres ließ sich Heino Petereit erneut operieren. Der Artifizieller Sphinkter funktionierte nach zehn Jahren seit Dezember nicht mehr einwandfrei – eine normale Verschleißerscheinung. Der stationäre Aufenthalt nach der Implantation des künstlichen Schließmuskels dauerte eine knappe Woche. Dabei entschied sich Heino Petereit erneut bewusst für die Abteilung in Schwelm und Chefarzt Dr. med. Rudi Abdunnur. „Ich war bei dem ersten Eingriff in Schwelm schon höchst zufrieden“, erzählt der Patient.

Rückschlag durch Corona

Im Vorfeld der Operation informierte Dr. med. Rudi Abdunnur detailliert über den genauen Ablauf des Eingriffs und die Vorbereitungsmaßnahmen für Heino Petereit. „Zudem fanden Dr. Abdunnur und sein Team immer ein offenes Ohr für meine Gedanken“, so der Rentner. Letztlich halfen ihm Vertrauen und Zuversicht. Einen Rückschlag musste er jedoch in diesem Jahr einstecken. Die Entlassung nach Hause erfolgte, wie üblich, mit dem noch inaktiven Sphinktersystem. Bis circa sechs Wochen nach der Operation musste Heino Petereit körperliche Anstrengungen und vor allem schweres Heben vermeiden. Normalerweise kommt nach dieser Heilungsphase das Implantat unter ärztlicher Kontrolle erstmals zum Einsatz. Doch dieses Mal musste die Aktivierung wegen der Corona Pandemie verschoben werden. „Irgendwann will man an nichts mehr glauben und verzichtet auf alles“, erzählt Petereit. Doch im Juni war es endlich soweit. „Und heute bin ich dichter als jemals zuvor“, beschreibt Heino Petereit sein neues Lebensgefühl lachend. „Zunächst muss man sich an das neue Vorgehen mit der Pumpe gewöhnen. Doch der Erfolg ist unbezahlbar. Endlich kann ich wieder am Leben teilhaben und zum Fitnesstanzen gehen“, berichtet Petereit. Der Sattel seines Fahrrads wurde mit dem artifiziellen Sphinkter zu unbequem, so dass kurzerhand ein Sesselfahrrad gekauft wurde. Und als nächstes Ziel hat sich der lebensfrohe Rentner einen eigenen Bootsführerschein gesetzt.

Zur Krankheit

  • Offiziell leiden rund acht Millionen Deutsche an einer Blasenschwäche, der Harninkontinenz. Die Dunkelziffer ist deutlich höher, denn noch immer ist eine schwache Blase ein Tabuthema. Als zertifiziertes Zentrum für Inkontinenz helfen die Experten der Klinik für Urologie und Kinderurologie des Helios Klinikums Schwelm Betroffenen weiter.
  • Mit einer Langzeitkontinenzrate von über 80 Prozent ist die Implantation eines artifiziellen Sphinkters eine der zuverlässigsten Methoden zur Behandlung der komplizierten Harninkontinenz. Diese Implantationen werden im Helios Klinikum Schwelm seit 1983 durchgeführt. Die behandelten Patienten können mit einem künstlichen Schließmuskel ohne Einschränkung sämtliche Aktivitäten des täglichen Lebens wieder aufnehmen undso ihre Lebensqualität deutlich steigern.
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Lokalkompass Schwelm aus Schwelm

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