Am Kernproblem der Schulen vorbei

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Zehn Jahre ist es her, dass NRW die verkürzte Gymnasialzeit (G8) eingeführt hat. Die Kritik an der Reform hält an: Viele Schüler hätten zu wenig Freizeit und würden unter Stress leiden. Foto: Thiele.

Die Schulzeitverkürzung an Gymnasien sorgt seit ihrer Einführung vor zehn Jahren für Kontroversen. Die Kinder leiden unter Stress, ihnen fehlt es an Freizeit, lautet der Hauptvorwurf der Gegner.

Seit Mai tagte auf Einladung der nordrhein-westfälischen Schulministerin Silvia Löhrmann ein „Runder Tisch G8/G9“. Der Runde Tisch bestand aus Eltern- und Lehrerverbänden, Schulleitervereinigungen, Schülervertretungen, Wissenschaftlern, Bildungspolitikern und Vertretern der Bürgerinitiativen „GIB-8“ und „G9-jetzt-NRW“. Anfang des Monats wurden Empfehlungen für die Gymnasien vorgelegt.

Im Mittelpunkt steht ein Zehn-Punkte-Programm. Zu den empfohlenen Lösungsvorschlägen zählen eine Reduzierung der Hausaufgaben, eine Beschränkung der Klassenarbeiten auf maximal zwei pro Woche, eine Regulierung des Nachmittagsunterrichts und eine Straffung der Grundkurse in der Oberstufe.

Problem erkannt, Problem gebannt? Das wird an den Schulen nicht so gesehen. „Zwei Klassenarbeiten pro Woche – das wird als etwas Neues verkauft. Das steht längst im Schulgesetz“, kritisiert Theo Albers, Schulleiter des Adalbert-Stifter-Gymnasiums die Schulempfehlungen als Mogelpackung. Dem pflichtet Dr. Friedrich Mayer, Schulleiter am Ernst-Barlach-Gymnasium, bei: „Das wird in der Sekundarstufe 1 schon seit Jahren praktiziert.“

Die Schwierigkeiten der Reform liegen nach Ansicht der beiden Schulleiter sowieso woanders und werden von den Empfehlungen des Runden Tisches gar nicht berührt. „Das Kernproblem“, meint Theo Albers, „ist die höhere Stundenzahl, so dass man den Stoff kürzen müsste, um Entlastung zu schaffen.“

Da dies nicht geschieht, bedeutet eine höhere Wochenstundenzahl weniger Freizeit für die Kinder. „Das ist natürlich klar“, sagt Friedrich Mayer, „zwei Nachmittage sind weg. Die Alltagsstruktur hat sich durch G8 geändert.“

Doch die verkürzte Gymnasialzeit hat nicht nur Einfluss auf das Freizeitverhalten der Kinder und Jugendlichen. Beim G9 endete für die Gymnasiasten die Mittelstufe mit der zehnten Klasse. Das ist jetzt anders – und hat Einfluss auf Quereinsteiger, die von der Haupt- oder Realschule in die Oberstufe wechseln möchten. „Die Durchlässigkeit, insbesondere von unten nach oben zum Gymnasium, hat abgenommen“, beobachtet Theo Albers.

Wer den Sprung wagt, muss die zehnte Klasse ein zweites Mal machen, denn am Gymnasium beginnt hier die Oberstufe. Friedrich Mayer bewertet das als „psychologisch ungünstig“ für die Quereinsteiger. Sie haben ja bereits ein zehntes Schuljahr hinter sich. Umgekehrt stehen die Gymnasiasten vor einem Problem. „Die Schüler“, so Friedrich Mayer, haben nach neun Jahren nicht mal einen Hauptschulabschluss.“ Dabei haben sie in der Theorie nach der neunten Klasse bereits genauso viel Stoff verarbeitet wie Zehntklässler im alten G9.

Immerhin einen positiven Aspekt erkennt Theo Albers am Runden Tisch: „Gut an der Geschichte ist, dass alle am Schulleben Beteiligten sich zusammengesetzt haben. Allerdings müsste man einmal das Schulsystem im Ganzen diskutieren.“ Das ist allerdings schwierig. In Deutschland gibt es keinen zuständigen Bundesminister, sondern die Kultusministerkonferenz, in der alle 16 zuständigen Landesminister mit ihren jeweiligen Interessen sitzen.

Die am Runden Tisch beteiligten Bürgerinitiativen kritisieren die Schulempfehlungen als „den verzweifelten Versuch, etwas zu retten, was nicht zu retten ist, denn die G8-Reform ist ein Konstruktionsfehler.“ Das geht aus den vom Schulministerium veröffentlichten Unterlagen zum Runden Tisch hervor. „Den Satz“, betont Friedrich Mayer, „würde ich so unterschreiben.“ Helfen tut alles nichts. Albers und Mayer müssen das G8 und die Empfehlungen des Runden Tisches so oder so umsetzen.
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1 Kommentar
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Gregor Kowalski aus Alpen | 27.11.2014 | 09:07  
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