Adventskalendergeschichte: Das Lächeln des Rentieres (Tor 9)

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Rentiermops Murphy wünscht schöne Weihnachten. (Foto: jape)

Eine Weihnachtsgeschichte in 24 Teilen. Fast so glücklich machend wie Schokolade, aber dafür kalorienarm.

23.12.2013 | 22 Uhr
Lena vergräbt ihr Gesicht in ihre Hände. Ihre Facebook-Gruppe mit dem Namen „Unheiliger Abend“ lockte zwar einige Interessenten, aber die waren mehr hinter einer Band mit ähnlichem Namen her. Ansonsten scheinen alle morgen Abend gut versorgt zu sein. Außer Lena. Sie seufzt, schaut auf und nimmt einen weiteren Schluck aus ihrem Longdrinkglas. Immer noch keine Zusage für den Unheiligen Abend. Sie braucht einen Plan.
Oder einen Strick.

Weihnachten war nicht immer unerträglich für sie. Als ihre Eltern noch lebten, war die Welt noch in Ordnung. Dann diese furchtbare Nacht, die alles auf den Kopf stellte. Obwohl der Autounfall nun bereits fast neun Jahre her ist, möchte Lena nicht darüber reden. Mit wem denn auch?
Die meisten Menschen ertragen nur einen gewissen Grad von Traurigkeit, hatte sie schmerzlich lernen müssen. Lena suchte Halt, doch fand nur ratlose Gesichter, die sicherlich oft betonten „für einen da zu sein“, doch im Grunde dankbar waren, wenn man schwieg. Es ging teilweise so weit, dass Lena sich für ihre Trauer schämte. Freunde empfahlen ihr eine Therapie, die gegen die Trauer und den Verlust helfen sollte. Lena erinnert sich noch genau an das erste und letzte Gespräch.
„Worüber wollen wir reden? Warum sind sie hier?“
„Weil meine Eltern tot sind.“
„Warum wirken sie so wütend? So aggressiv?“
„Weil meine Eltern tot sind.“
„Das ist tragisch, gewiss. Aber es geht auch um Wahrnehmung.“
„Da geht es nicht um Wahrnehmung. Meine Eltern sind tot.“
„Nehmen sie bereits die Tabletten, die ihnen verschrieben wurden?“
„Scheiß auf Tabletten! Meine verfluchten Eltern sind tot!“
Sie stand auf, ging, und kam nie wieder. Manchmal ist sie wütend auf ihre Eltern, weil sie das Gefühl hat, von ihnen alleine gelassen worden zu sein. Aber das ist eher ein Ausdruck der Verzweiflung.

Es bleibt die Flucht. Das funktionierte bislang für sie. Geburtstage und Feiertage einfach auslassen oder ignorieren. Sich ablenken um jeden Preis. Lena lässt Nähe nur noch bedingt zu; sie hätte Angst, wieder etwas zu verlieren, woran ihr Herz hängt.
Wobei sie das Träumen nicht verlernt hat. Sie weiß, dass es unter anderen Umständen wieder möglich wäre, so etwas wie Vertrauen und Freude zu empfinden. Und das ohne Longdrinks oder sonstige Ablenkungsmanöver. Sondern mit Herz. Doch da fehlt ihr der entscheidende Impuls.
„Vielleicht war die Facebook-Gruppe doch nicht so der Bringer“, sagt Lena zu sich selbst und nimmt einen weiteren Schluck. Sie will gerade den „Gruppe löschen“ Button betätigen, da schneit eine weitere Zusage rein. Wenige Sekunden später eine Mail.
„Coole Idee! Eine Bescherung mit Unheilig-Songs statt dem üblichen Jingle Bells! Bin dabei!“ steht drin.
Lena löscht zuerst die Mail, dann die Gruppe. Sie leert ihr Glas und beschließt, nie mehr zu flüchten.

Fortsetzung folgt.
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