Das neue Buch von Sahra Wagenknecht: "Reichtum ohne Gier - Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten" - Eine Rezension

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Das neue Buch von Dr. Sarah Wagenknecht ist ein Genuss. Nicht nur für diepolitischen Anhänger der linken Politikerin. Mit ihrem dritten Wirtschaftsbuch „Reichtum ohne Gier - Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten" legt die streitbare Fraktionsvorsitzende im Bundestag nicht weniger als den „Entwurf einer neuen Wirtschaftsordnung" vor. (Foto: campus)
 
"Das Buch (bietet) einen tiefen Blick auf viele Probleme unserer Wirtschaftsordnung sowie etliche interessante und innovative Lösungsvorschläge. Es lädt dazu ein, manche Allgemeinplätze zu hinterfragen und die Voraussetzungen unserer Wirtschaft neu zu denken." Dr. Max Otte, deutsch-US-amerikanischer Ökonom und Direktor des Vereins Zentrum für Value Investing über das neue Buch von Sahra Wagenknecht. (Foto: Trialon Berlin)

Das neue Buch von Dr. Sahra Wagenknecht ist ein Genuss. Nicht nur für die politischen Anhänger der linken Politikerin. Mit ihrem dritten Wirtschaftsbuch „Reichtum ohne Gier - Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten" legt die streitbare Fraktionsvorsitzende im Bundestag nicht weniger als den „Entwurf einer neuen Wirtschaftsordnung" vor.

Durch ihre Kapitalismus-Kritik wird man mit Hilfe einer recht lese freundlichen Gliederung geführt, die an eine Aneinanderreihung von interessanten Zeitungsartikeln erinnert. Fast jeder davon schildert einen Skandal. Etwa, dass im iPhone nicht eine einzige Technologie steckt, die nicht staatlich finanziert wurde. „Privates Wagniskapital steigt in der Regel erst ein, wenn der Börsengang oder Weiterverkauf des Unternehmens (...) realistisch erscheint.“ Sehr detailliert, aber nie pedantisch, sind auch die Darstellungen der historischen Zusammenhänge.

Die Sozialistin demonstriert in ihrem neuen Buch einmal mehr, dass sie in Wirtschafts- und Finanzfragen nicht nur satisfaktionsfähig ist, sondern auch so manchem Möchtegern-Wirtschaftsexperten, der die alte Leier von der angeblich so freien Marktwirtschaft und den Segnungen der Deregulierung unreflektiert herunter betet, auch und insbesondere im historischen Kontext intellektuell und argumentativ überlegen ist.

Leistungslose Einkommen der Reichen

Die promovierte Volkswirtin Wagenknecht schlägt diese Apologeten des Wirtschaftsfeudalismus, in dem wir gemäß Wagenknecht leben „und der mit freier oder sozialer Marktwirtschaft nichts zu tun hat und letztlich das leistungslose Einkommen einer sehr kleinen Schicht von extremst Reichen garantiert“, mit ihren eigenen Waffen. Angesichts der Kapitalismus-Kritik, die ja inzwischen bis weit ins bürgerliche Lager reicht, dort aber meist in der Analyse steckenbleibt, ist es sicherlich nicht nur für Linke ein Vergnügen, diskussionswürdige Alternativen zu lesen.

Diese Alternativen befassen sich mit einer andere Verfassung des Wirtschaftseigentums, der Demokratisierung des Zugangs zum Kapital und die Entflechtung riesiger Konzerne, deren Macht einen fairen Wettbewerb sowie echte Innovationen verhindert und die Demokratie zerstört. Die Förderung von Talent und die Belohnung echter Leistung und Gründer mit guten Ideen ungeachtet ihrer Herkunft wird von Wagenknecht eingefordert. Sie entlarvt damit die zentralen Lebenslügen unseres heutigen Wirtschaftssystems. Diese derzeitige Marktmacht, die sich selbst genügt, da ausreichend Gewinne abgeschöpft werden, die aber nicht wieder in die Wirtschaft, sondern lediglich in die Finanzspekulation investiert werden, soll zerstört werden.

Des Weiteren schildert Sahra Wagenknecht den schleichenden Abstieg der Mittelschicht. Auch wenn sie anführt, dass es „die Arbeitsplätze mit gutem Einkommen, die den klassischen Lebensstandard der Mittelschicht ermöglichen“ noch gibt, analysiert sie korrekt, dass diese aber meist teuer erkauft seien mit extremen Leistungsdruck und ständiger Verfügbarkeit, mit einem Leben für die Arbeit, in dem für Familie, Freunde und Freizeit kaum Platz bleibt, auskömmliche Einkommen für Facharbeiter und Akademiker keine Selbstverständlichkeit mehr sind und ein abgeschlossenes Hochschulstudium nicht mehr vor Niedriglöhnen oder der ständigen Lebensunsicherheit befristeter Jobs und prekärer Selbständigkeit schützt.

Eigentum ohne Haftung: Der Clou des Kapitalismus

Wagenknechts Buch ist somit auch das Angebot an die von Abstiegsängsten geplagte Mittelschicht, die wahren Profiteure unserer Wirtschaftsordnung zu erkennen und sich mit diesen nicht mehr aus dem falschen Bewusstsein heraus zu identifizieren, etwas mit diesen oberen zehn Prozent und ganz speziell mit dem obersten einen Prozent, auch nur annähernd etwas Gemeinsames zu haben. Dazu dient sicherlich auch der Hinweis auf das zumeist leistungslose Einkommen dieser 10 Prozent und deren Wirtschaftsaktivitäten, die dann auch noch mit der von den Bankenrettungen ja hinlänglich bekannten begrenzten Haftung bei Fehlern und dem unbegrenzten Anspruch auf den Gewinn verbunden sind.

Unterwerfung durch Freihandel

Angesichts der aktuellen Diskussion über umstrittene Freihandelsabkommen sowie die weltweite Flüchtlingsbewegungen sind die Abschnitte des Buches, die sich mit der historischen Entwicklung des Freihandels befassen, ebenso so interessant wie lehrreich. Ein starker, interventionsfreudiger Staat mit hohen Steuern und Schulden setzte erst auf Freihandel, als die eigenen Fabrikanten allen anderen überlegen waren. Sofort muss man an die zahlreichen Staaten des Trikontes (Afrika, Asien, Südamerika) denken, denen man heute versucht, das genaue Gegenteil aufzuzwingen und sich dann über die Flüchtlinge wundert, die ihr Land verlassen, da dieser Kapitalismus ihre Wirtschaft ruiniert hat.

Letztlich ist das neue Buch von Sahra Wagenknecht gespickt mit interessanten neuen und alten Ideen, die eigentlich einer eigenen Rezension würdig wären: Die Vollgeld-Theorie, die persönliche Haftung, Eigentum nur noch durch eigene Arbeit, Gemeinwohlgesellschaft: gemeinnützige Dienste, die Öffentliche Gesellschaft: Mitsprache der Allgemeinheit & Mitarbeitergesellschaften mögen hier stellvertretende Schlagwörter sein, die Lust aufs Lesen dieses sehr empfehlenswerten Buches machen sollen. Schließlich urteilte der schwarze Peter Gauweiler (CSU) bereits in der Süddeutschen über Wagenknechts Neuerscheinung: „Eindrucksvoll auch die furiose Abrechnung mit allen Übeln, die sich der globale Managerkapitalismus, insbesondere die Finanzwirtschaft, geleistet hat und was er sich seit Bill Clinton, Tony Blair und der Herrschaft der Rot-Grünen in Deutschland sogar gesetzlich alles herausnehmen darf. Hedgefonds, Europäische Zentralbank, das EU-Gemeinschaftsgeld und die ‚Euro-Rettung‘ inklusive. (…) Comrade Sahras Buch ist also selbst da besser, wo es noch wirklich links ist.“

Sahra Wagenknecht:
Reichtum ohne Gier - Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten
Campus-Verlag Frankfurt 2016, 292 Seiten, 19,95 Euro, E-Book: 16,99 Euro


Sahra Wagenknecht: "Reichtum ohne Gier" (17.03.2016 Das blaue Sofa - Das Literarische Quartett)
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1 Kommentar
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Manuela Burbach-Lips aus Dortmund-City | 16.04.2016 | 19:23  
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