Bücherkompass: Buchrezension "Heimspiele und Stippvisiten"

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Ein Blick über den Ruhrpottrand ... Lesenswert!

Buchrezension: „Heimspiele und Stippvisiten“ - Reportagen über das Ruhrgebiet – Herausgegeben von Dirk Hallenberger


In „Heimspiele und Stippvisiten“ wird in über 30 Reportagen, die chronologisch angeordnet sind, die Entwicklung des Ruhrgebiets von 1923 bis 2005 dargestellt. Der Begriff „Heimspiele“ steht dabei für die Autoren, die selber im Ruhrgebiet ansässig sind oder es waren, der Begriff „Stippvisiten“ steht für die Autoren, die das Ruhrgebiet lediglich besucht haben.

Durch diese verschiedenen Perspektiven ergibt sich eine mannigfaltige Sicht des Ruhrgebiets, verbunden mit vielfältigen Gefühlen. So lernt selbst der „eingefleischte“ Ruhrpottler das Ruhrgebiet noch einmal neu kennen. Die Reportagen als Dokumente der Zeit, zeigen auch die Entwicklung vom „Pott“ hin zu einem „großen Museum“. Bergbau, Kohle, Zechen, Fördertürme usw. sind Relikte, die heute als Anschauungsmaterial einer früheren Zeit dienen.

Dominieren in den früheren Reportagen die Begriffe schwarz, grau, dunkel, Rauch, Bergbau usw., so verändern sich die Begrifflichkeiten in den neueren Reportagen hin zur Natur und viel Grün.
Sehr interessant fand ich die Entwicklung und Darstellung der Menschen im Ruhrgebiet.
Bergleute, Kumpel, Stahlarbeiter die nur durch und für die Arbeit lebten, bis hin zu Ruhrpott-Originalen, die ihr Herz auf der Zunge tragen.
Arbeit und Alltagsleben waren oft untrennbar miteinander verbunden. Die Arbeit war hart, gefährlich und schweißtreibend. Einige Reportagen schildern dies sehr eindrücklich und fast schon beängstigend.

Besonders gut gefallen hat mir die Reportage von Markus Günther: „Das kleinste Kaufhaus der Welt. Bei Mutter Nordick an der Bude“.
Sie betreibt ein Büdchen, einen Kiosk und kennt sie alle. Die Alteingesessenen, die Zugezogenen, die Familien, usw. Oft ist sie Zuhörer und Ratgeber und gibt psychologische Hilfestellung. Das Büdchen dient nicht nur als Anlaufstelle für Lebensmittel und andere Produkte, nein, es bietet die Möglichkeit über seine Ängste und Nöte zu sprechen. Wo gibt es das heute noch? Das menschliche Miteinander und Mitfühlen wird leider immer weniger. So bietet die Reportage über Mutter Nordick
den Einblick, welches „Schätzchen“ dieses Büdchen eigentlich ist. Mittendrin erlebt der Leser bei dieser Reportage die alltäglichen Sorgen der Leute, fühlt mit und möchte Mutter Nordick am liebsten die Hand vor Respekt und Dankbarkeit schütteln.
Auch die Reportagen „Kanal der kleinen Leute. Riviera des Nordens“, und „Ein Leben lang nur Heimspiele“ haben mich sehr angesprochen und mich auf eine Reise mitten in die Herzen der Ruhrpottler mitgenommen.

Alles in allem ein Buch, das mit sehr authentischen Eindrücken und prägnanten Schilderungen überzeugt. Wer etwas über die Entwicklung des Ruhrgebiets, das Empfinden seiner Einwohner, kurzum den Alltag früher und in neuerer Zeit dort, erfahren möchte, für den ist das Lesen dieser von Dirk Hallenberger zusammengestellten Reportagen auf jeden Fall interessant.

Eine Reise mit Menschen und über Menschen, in Bergwerke, Stahlwerke, Straßenbahnen, ins Fußballstadion, ins Büdchen und letztendlich mitten in die Herzen der Menschen.

(Anja Fiedler)
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2 Kommentare
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Anja Fiedler aus Düsseldorf | 15.07.2015 | 07:20  
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Anja Fiedler aus Düsseldorf | 18.07.2015 | 16:48  
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