Vor dem Grillo-Theater - Zwei Stolpersteine gegen Homosexuellen-Verfolgung im nationalsozialistischen Deutschland

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Wolfgang Berude, der Künstler Gunter Demnig und Christian Tombeil, drei Menschen die am 8. Mai 2014 bei der Stolpersteinverlegung vor dem Grillo-Theater das Schiksal verfolgter homosexueller Menschen ein gutes Stück aus dem Vergessen gerissen haben.
 
Otto Zedler hat in vielen heiteren Stücken des Essener Schauspiels mitgewirkt. Nur weil er lieber Männer als Frauen liebte, wollten die Natioanlsozialisten sein Leben zerstören. Otto Zedler konnte diesen Terror und die Haft noch überleben, viele andere Homosexuelle aber nicht.
 
Der Künstler Gunter Demnig am 8. Mai 2014 vor dem Eingang des Grillo-Theaters bei der Stolpersteinverlegung im Regen.
Essen: Grillo-Theater | Der 8. Mai als Tag der Befreiung von der nationalsozialistischen Diktatur über Deutschland und der Kapitulation der faschistischen Wehrmacht vor 69 Jahren hatte in diesem Jahr innerhalb Essens eine ganze Reihe von Gedenkveranstaltungen bewirkt.
FELS - das "Forum Essener Lesben und Schwulen" konnte an diesem 8. Mai im Rahmen der Hirschfeld-Tage 2014 (deren Veranstaltungen in NRW noch bis zum 18. Mai stattfinden) in Zusammenarbeit mit dem Essener Schauspiel und deren Intendant, Christian Tombeil auf ein bisher weitgehend vergessenes Kapitel der Homosexuellenverfolgung in den dreissiger Jahren hinweisen. Zwei Stolpersteine vor dem Eingang des Schauspiels im Grillo-Theater, verlegt vom Künstler Gunter Demnig, der diese andauernde Gedenkaktion an Opfer des Nationalsozialismus vor Jahren entwickelt hat, erinnern jetzt an Otto Zedler und weitere Opfer des Homosexuellen-Verfolgung in Essen.

Denunziationswellen gegen Homosexuelle

Der sogenannte "Essener Opernskandal" von 1936 hatte innerhalb der 1935 durch den NS-Staat verschärften Gesetzgebung gegen Homosexuelle zu regelrechten Verhaftungs- und Denunziationswellen gegen Schauspieler und andere Mitarbeiter des Essener Grillo-Theaters geführt.
Wolfgang Berude, der sich seit langem der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Homosexuellen-Verfolgung in der Ruhrgebietsregion verschrieben hat, hob im Cafe des Grillo-Schauspiels den Fall hervor, der 1936 in Essen die größten Wellen schlug: Das bekannteste Essener Opfer der damaligen Schwulen-Verfolgung, Otto Zedler, war bis dahin ein Publikumsliebling als Sänger und Operettenregisseur. Als gewähler Prinz Karneval 1936 war Otto Zedler noch kurz zuvor gefeiert durch die Essener Strassen gezogen.

Bereinigte Essener Karnevalsgeschichte- Otto Zedler getilgt

In der offiziellen Geschichte des Essener Karnevals taucht Otto Zedler als Prinz Karneval bis heute nicht mehr auf, für 1936 klafft einfach eine Lücke. Auch Christian Tombeil als heutiger Leiter des Schauspiels im Grillo Theater stieß bei seinen Recherchen in der Essener Theatergeschichte darauf, dass trotz Otto Zedlers mehrjährigem künstlerischem Engagement an führender Stelle, das Hausarchiv von fast allen Hinweisen auf dessen Tätigkeit gereinigt worden war. Zum Glück aber gibt es für Zedlers Wirken genügend Hinweise und Artikel in den damaligen lokalen Tageszeitungen, so dass er doch nicht endgültig zu tilgen war.

Otto Zedler überlebte den NS-Terror


Noch wichtiger ist natürlich, dass Otto Zedler Verfolgung und Haft in Nazi-Deutschland überleben konnte und sich nach Kriegsende bis zu seinem Tod 1978 eine wohlbeachtete künstlerische Existenz im Theater und Filmbereich der DDR aufbaute. Immerhin waren dort im Gegensatz zu vielen anderen wenig demokratischen Entwicklungen die diskriminierenden Strafgesetzparagraphen gegen Homosexuelle aus der NS- Zeit abgeschafft worden - was in Westdeutschland noch Jahrzehnte auf sich warten lassen sollte.

Historischer Rückblick
- Was Essen und der Röhmputsch 1934 mit Homosexuellenverfolgung zu tun hat


Bereits im Juni 1934 hatten Reichskanzler Adolf Hitler und andere Nutznießer der jungen NS-Diktatur erfolgreich versucht, im sogenannten "Röhmputsch" die brutale Ermordung von etwa zweihundert Menschen mit der angeblich gefährlichen Homosexualität einiger der Hauptbefehlshaber der SA vor der Öffentlichkeit zu rechtfertigen. Adolf Hitler hatte vom damaligen Essener Hotel Kaiserhof aus unmittelbar nach seinem Besuch der Hochzeitsfeierlichkeiten des Essener Gauleiters Josef Terboven in der Essener Münsterkirche, die entsprechenden Mordbefehle ins deutsche Reich verschickt.
Dass die gewalttätige SA-Truppe und deren Führer Ernst Röhm aus völlig anderen Gründen für täglichen Terror gegen Andersdenkende, insbesondere gegen die noch verbliebene linksorientierte Arbeiterschaft sorgte, spielte für die NSDAP-Führung natürlich keine Rolle. Tatsächlich fielen den "Juni-Morden", die wenig später durch Reichspräsident von Hindenburg ausdrücklich juristisch gerechtfertigt wurden, nicht nur der Homosexualität bezichtigte SA-Führer zum Opfer. Auch andere mögliche Konkurrenten Adolf Hitlers, wie der frühere Reichskanzler von Schleicher aus dem rechtsbürgerlichen Lager konnten in dieser "Nacht der langem Messer" unauffällig beseitigt werden..
Nach der Entmachtung und Ermordung ihrer wichtigsten Führer wurde die SA, die mit ihrer alltäglichen Gewalt als sogenannte "Sturmabteilung" die NS-Machtergreifung 1933 erst ermöglicht hatte, samt ihren zigtausen Mitgliedern natürlich nicht aufgelöst. Als braune Privatarmee ohne eigenen Machtwillen im "Dritten Reich" blieb die SA bis zum Mai 1945 erhalten.
Der "Röhmputsch" ist also ein wichtiges Ereignis, wenn man verstehen will, warum es den Nationalsozialisten in den Jahren danach so leicht viel, eine bis dahin in Deutschland beispiellose Verfolgung homosexueller Menschen einzuleiten.
Möglicherweise sind braune Propagandalügen um die Rolle von Homosexuellen in diesen angeblichen Putschversuch im NS-Machtapparats auch ein Grund, dass in West-Deutschland Schwulenverfolgung über den Faschismus hinaus Gesetzeskraft behalten konnte. Wer die Weiterführung von Schwulenverfolgung nach dem Mai 1945 und selbst nach Gründung der Bundesrepublik 1949 verstehen will, sollte deshalb nicht vergessen, sich mit dem "Röhmputsch" 1934 und seinen Nachwirkungen zu befassen.

Magnus Hirschfeld Tage in NRW - für eine offene Gesellschaft ohne sexuelle Diskriminierung

Die Grüne Gesundheitsministerin von NRW, Barbara Steffens hat die diesjährigen Hirschfeld Tage mit einem Grußwort eröffnet, aus dem hier Passagen zitiert werden sollen:
"Sie ist in aller Munde: die offene Gesellschaft, die Gesellschaft in Vielfalt. In Sonntagsreden wird sie jedenfalls oft gefordert. Mein Eindruck ist jedoch, dass viel öfter über sie geredet statt mit ihr und in ihr gelebt wird. Das gilt besonders mit Blick auf Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans* und Intersexuelle.
Ihre Verfolgung vor und nach 1945 ist bis heute nicht vollständig aufgearbeitet. So überlebten viele Schwule, Lesben ebenso wie transsexuelle und intersexuelle Menschen die Zeit des Nationalsozialismus nicht oder lebten danach in äußerst schwierigen Zeiten. Die Urteile nach 1945 wurden bis heute nicht aufgehoben! Eine Wiedergutmachung für die damit verbundene lebenslange Stigmatisierung, die homosexuelle Männer durch den § 175 StGB erleiden mussten, ist immer noch nicht erfolgt. Die Urteile haben darüber hinaus zu einem Klima der Repression und fortdauernder Verletzung der Menschenwürde gegenüber sexuellen Minderheiten beigetragen.
Ist es angesichts dieser Geschichtsvergessenheit überraschend, dass Homophobie noch immer in den Köpfen viel zu vieler Menschen verankert ist und darum kein Phänomen vergangener Zeiten ist? Studien belegen, dass auch heute noch rund ein Fünftel der Bevölkerung zu homophoben Einstellungen neigt. Hier müssen wir ein Umdenken herbeiführen, ein neues Bewusstsein schaffen. Denn ohne ein solches Bewusstsein ist eine wirklich offene und vielfältige Gesellschaft undenkbar, die allen Menschen ein Leben in voller Selbstbestimmung ermöglicht.
... Wie mühsam dieser Weg ist und wie viel Zeit er kostet, zeigt exemplarisch das Leben und das Wirken des Sexualreformers Magnus Hirschfeld. Mit den Hirschfeld-Tagen, die 2014 erstmals in Nordrhein-Westfalen stattfinden, wollen wir gemeinsam auch ein Stück weit zur gesellschaftlichen Wiedergutmachung beitragen, Diskriminierung und Homophobie ächten sowie für Toleranz und Gleichberechtigung werben. In vielen NRW-Städten werden u. a. Lesungen, Filme, Workshops und Ausstellungen angeboten, auch um die Erinnerung an einen der Gründungsväter der ersten deutschen Emanzipationsbewegung der Homosexuellen wach zu halten. Sein früher Einsatz für die Integration von Homosexuellen in die Gesellschaft und gegen staatliche Verfolgung ist Vorbild und Ansporn zugleich."
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