Missbrauch im Bistum Essen: "Wir leben vom Vertrauen"

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Das Bistum Essen sucht gründlich nach Hinweisen auf möglichen Missbrauch. Foto: Achim Pohl/Bistum Essen
 
Bischof Franz-Josef Overbeck will das Vertrauen in die Kirche wiederherstellen. Foto: hub

Bistum Essen will die vollständige Aufklärung sexuellen Missbrauchs vorantreiben

In Zeiten von sinkenden Mitgliederzahlen und Vertrauensverlust leidet der Ruf der katholischen Kirche auch unter immer wieder aufkommenden Missbrauchsskandalen. Bischof Franz-Josef Overbeck hat daher eine großflächige Untersuchung zu Vorwürfen sexuellen Missbrauchs bei Minderjährigen in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse nun vorliegen. Nach München-Freising ist Essen erst das zweite Bistum in Deutschland, das seine Vergangenheit so gründlich unter die Lupe nimmt.


Ein Zeichen wolle man setzen, sagt Bischof Overbeck: "Wir leben Kirche in einer neuen Welt." Kirche, so der 53-Jährige, lebe vom Vertrauen der Menschen. Um dieses Vertrauen wiederherzustellen, hat das Bistum Essen die Rechtsanwälte der axis-Gesellschaft mit der Untersuchung beauftragt. 1.549 Personalakten wurden daher einer gründlichen Prüfung unterzogen. "Wir haben uns die Akten aller Personen, die im Bistum jemals tätig waren, angeschaut", sagt Rechtsanwalt Jochen Jungbluth. "Dabei sind wir und das Bistum besonders gründlich vorgegangen und haben alles bis ins kleinste Detail verfolgt." Zu den über tausend Personalakten gesellen sich weitere 100 aus dem bischöflichen Geheimarchiv. Dieses ist jedoch keine vom Bistum geheimgehaltene Hinterkammer, betont Overbeck, sondern beinhalte Akten über Sittlichkeitsverfahren, die gemäß dem Kirchlichen Gesetzbuch datengeschützt aufzubewahren sind.
Bei der Untersuchung sind insgesamt 17 Priester aufgefallen, deren Verhalten ein Nachforschen begründete. Nach einer eingehenden Prüfung stellten sich diese Vermutungen jedoch als unbegründet heraus: zwei der Verdächtigten sind bereits straf- und kirchenrechtlich verurteilt worden, vier der Fälle betreffen Verdächtigungen, die sich auf Betroffene im Erwachsenenalter beziehen, und elf Priester befinden sich mittlerweile in anderen Bistümern, sodass das Bistum Essen lediglich Vermutungen gegenüber diesen aussprechen konnte.

Insgesamt 216 Hinweise auf sexuelle Gewalt

Die für ein zwar im deutschen Verhältnis junges, aber immerhin fast 60-jähriges Bistum geringe Zahl von 17 Meldungen rührt daher, dass in der von axis betriebenen Untersuchung nur nach bisher nicht aufgedeckten Missbrauchsfällen gesucht wurde. 216 Hinweise auf sexualisierte Gewalt von den 50er-Jahren bis zum Ende des Jahres 2016 liegen dem Bistum vor. Hinweise, nicht Fälle, betont Pressesprecher Ulrich Lota. Zu einem strafrechtlichen Verfahren sei es 30 Mal in der Geschichte des Bistums gekommen. Auch sind fast alle Meldungen in den Jahren vor 2000 oder zumindest 2010 abgegeben worden. Bei Bekanntwerden des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche 2010 erließ nämlich Bischof Franz-Josef Overbeck eine Präventionsordnung, unter welcher Schutzmaßnahmen vor sexuellem Missbrauch erarbeitet wurden.

Belastende Dokumente sollen nicht entwendet werden können

Die Kölner Kanzlei axis hat neben der Suche von Hinweisen auch eine Neuordnung des Personalaktenbestands durchgeführt. Damit es nicht möglich sein wird, kompromittierende Dokumente zu entnehmen, wurden die Aktenseiten entsprechend nummeriert. Wurden so in der Vergangenheit unliebsame Akten entnommen? "Nein", meint Cordula Spangenberg, "natürlich sind wir bei der Überprüfung auf eine lückenhafte Archivierung gestoßen, aber das ist bei Akten der Stadt dieser Zeit genauso." Was vor 58 Jahren mit den Akten gemacht oder nicht gemacht worden ist, könne man jetzt nicht mehr wissen, sagt die Pressereferentin.
Überhaupt gehe es dem Bistum um Prävention, so die Missbrauchsbeauftragte des Bistums Angelika von Schenk-Wilms. Glücklicherweise sei die Sensibilität für sexuelle Gewalt im Umfeld der Kirche stark gestiegen. Und, "momentan gibt es keine Personen im Bistum, gegen die strafrechtlich ermittelt wird", schließt von Schenk-Wilms.
Die Missbrauchsbeauftragte appeliert an mögliche Opfer. "Wer sich nicht sicher ist, ob das, was er erlebt hat, unter Missbrauch zu zählen ist, sollte sich trotzdem melden", betont Angelika von Schenk-Wilms. "Ist das Erlebte einmal ausgesprochen, wird der Täter ein Stück weit der Öffentlichkeit preisgegeben. Der oder die Betroffene ist mit seinem Peiniger dann nicht mehr allein." 
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