„Krasses Fenster!“ Glasmalerin Ursula Hirsch mit dem Kurier auf Spurensuche in Werden

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Ursula Hirsch stand Kindern der Schule an der Jacobsallee Rede und Antwort über ihr Fenster.
 
Ursula Hirsch bestaunt ihr Fenster in der Krankenhaus-Kapelle.

Ihre umfassende und gut besuchte Retrospektive „konkret-lustvoll“ in den Räumen von „kunstwerden“ schloss soeben die Pforten, da wagt Ursula Hirsch einen Rückblick der besonderen Art: In Werden ging sie mit dem Kurier auf Spurensuche!

Die 1929 geborene Ursula Hirsch absolvierte eine künstlerische Ausbildung in München und Essen und anschließend bis 1952 eine Glasmalerlehre in Bonn. Sie spezialisierte sich auf den Entwurf sakraler Glasfenster, 1958 folgte die Meisterprüfung. Als selbstständige Glasmalerin entwarf sie Fenster, es gab auch gut zu tun. Denn nach dem Krieg war in den Städten des Ruhrgebietes viel Platz und Bedarf: „Man konnte richtig Geld verdienen!“
In Essen gibt es Hirsch-Fenster in zahlreichen Schulen und etlichen evangelischen Kirchen: Lutherkirche, Kirche am Heierbusch, Markuskirche, Christuskirche, Zionskirche, im Kolumbarium des Parkfriedhofes. In Südfrankreich entstanden in einer kleine Kapelle in der Wildnis der Cévennes Fenster, für die sie sogar einen Orden der Republik Frankreich verliehen bekam: Ursula Hirsch ist ein „Chevalier de l‘Ordre des Arts et des Lettres“.

„Ist ja irre. Spannend. Wahnsinn!“

Aber warum in die Ferne schweifen? Nur unweit von „kunstwerden“ gibt es Ursula Hirsch neu und wieder zu entdecken. Erste Station der Rundreise ist die Grundschule an der Jacobsallee. Dort sind die Fenster des Durchgangs und des Treppenhauses bunte Zeugen Hirschscher Schaffenskunst.
Die Glasmalerin erblickt zum ersten Mal seit 1963 die farbigen Gläser und ist begeistert: „Ist ja irre. Spannend. So große Flächen, so gut erhaltene Farben. Das hatte ich alles nicht mehr in Erinnerung, Wahnsinn!“ Sofort macht sie Beweisfotos, die fehlten nämlich bisher in ihrer umfangreichen Sammlung.
Auch Schulleiterin Petra Eickhoff freut sich wie eine Schneekönigin und begrüßt die 85-jährige Künstlerin: „Heute lernen wir ein weiteres Stück unserer Schule kennen!“ Bedauernd verweist sie auf den einen oder anderen Unfall, so flog einst ein Fußball in ein Fenster, zum Reparieren fehlt der Stadt das Geld, nun muss es eine Metallplatte richten.
Ursula Hirsch ist da tiefenentspannt: „Wir werden ja auch nicht jünger. Die Fenster haben Macken? Na und, wir doch auch!“

So entstehen Glasfenster

Eine kleine Abordnung der 178 Schüler darf Ursula Hirsch ausfragen: „Das Schwarze? Das ist kein Gummi, das ist Blei!“ Geduldig erklärt die Fachfrau den Kindern die Entstehung von Glasfenstern. Farben werden ausgesucht, ein Entwurf gezeichnet, Schablonen angefertigt, das Glas am Ofen mundgeblasen, auf einem riesigen Tisch die einzelnen Glasstücke mit Blei zusammengesetzt, mit Zinn verlötet, damit alles zusammen bleibt, dann gaaanz vorsichtig eingesetzt.
Die spontan-erstaunte Reaktion: „Krass!“ Gerade die Beschreibung des heißen Glasbläserofens erweckt großes Interesse: „Wie nahe dürfte ich denn da rangehen? Drei Meter?“
Ursula Hirsch stellt klar, dass die Glasmalerei nicht bloß ein nettes Hobby ist, sondern ein richtiger Handwerksberuf: „Das habe ich als junge Frau richtig gelernt!“ Über 60 Jahre ist das her. Einer der Schüler wiegt den Kopf: „Mein Vater ist Elektriker. Der könnte das auch verstehen.“

Erinnerungen

Danach geht es vorbei am Paul-Hannig-Heim, einst stand an dieser Stelle das Kinderheim Haus Hoheneck. Hier waren in der Kapelle ebenfalls Hirsch-Fenster zu bestaunen, die jedoch 2003 beim Abriss verloren gingen. Ausgelöscht sind Fenster und Gebäude, nicht aber die Erinnerungen der damaligen Heimkinder. Es gibt Berichte von psychischen und physischen Misshandlungen.
Was für ein Kontrast: Weiter oben, Am Korstick, verbrachte Ursula Hirsch mit ihrem Mann Werner Graeff, einem Bauhauskünstler, in einem verwunschenen Garten glückliche Zeiten. Die alte Holzhütte steht immer noch, die Künstlerin genießt den Rundblick über die wunderschöne und weite Natur Ober-Heidhausens.

Kleinod hoch über den Dächern Werdens

Zum Abschluss der Rundtour geht es den Viehauser Berg hinab, das evangelische Krankenhaus ist die letzte Station. Hier im siebten Stock, vielen unbekannt, schlummert ein wahres Kleinod. Hoch über den Dächern Werdens, mit einem fantastischen Panoramablick übers Abteistädtchen, bietet eine Kapelle Einkehr- und Rückzugsmöglichkeiten. Bewegende Einträge im Gästebuch verraten: Hier geht es oft um Leben oder Tod.
Ursula Hirsch hat vor rund 45 Jahren das Fenster gestaltet, auch diese Begegnung ist von Erstaunen und Ehrfurcht vor dem Kunstwerk geprägt.

„Was für ein erstaunliches Fenster!“

Ursula Hirsch lässt erst das Fenster in seinen ganzen Ausmaßen auf sich wirken, dann geht sie nahe ran, legt vorsichtig die Hand aufs Glas und raunt: „Das ist ja gut erhalten. Ich bin ganz überrascht, was ich mir da habe einfallen lassen. Ein Riesenfenster mit so großen Stücken, die unterschiedlich geschliffenen Flächen - ein erstaunliches Fenster!“
Dann ist sie vorbei, diese lehrreiche, überraschende und anrührende Reise zurück in die Geschichte.

Ursula Hirsch dankt.

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