Regenschirm, Reiterhelm und ein Fahrrad

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  Hand aufs Herz: Wie vergesslich sind Sie? Oder genauer: Wie oft lassen Sie Sachen in der U-Bahn, dem Bus oder der Straßenbahn liegen? Wenn die Frage ehrlich mit „Nie“ oder „Fast nie“ beantwortet werden kann, ist das ein sehr guter Anfang. Jedoch können sich nicht alle davon ausnehmen, was die alljährliche Fundsachenversteigerung der Essener Verkehrs-AG (EVAG) beweist.
„Man kann sich gar nicht vorstellen, was Leute alles liegen lassen oder vergessen wieder einzustecken. Aber noch erstaunlicher ist es, dass sie die Sachen im Fundbüro dann nicht mehr abholen“, meint Gudrun Ruddat, Kundenberaterin bei der EVAG und Mitglied im Versteigerungsteam. „Aber nicht, dass man mich falsch versteht: Es ist gar nicht schlecht, dass es so viele Fundsachen gibt, denn der Erlös aus der Versteigerung kommt der Wilhelm-Kern-Stiftung zu Gute.“
Seit nunmehr 30 Jahren schon kommen Wertsachen und andere Gegenstände unter den Hammer, die in den öffentlichen Verkehrsmitteln liegen geblieben sind. Früher war die Versteigerung in Rüttenscheid, seit fünf oder sechs Jahren wird sie nun auf dem Gelände der Spedition Klauenberg im Essener Westen veranstaltet. Um 09:00 Uhr morgens ist Anpfiff. Dann öffnet sich nämlich das große eiserne Schiebetor und die interessierten Schnäppchenjäger, die sich schon eine halbe Stunde früher eingefunden haben, um sich die besten Plätze zu sichern, strömen in die große Lagerhalle der Speditionsfirma. Zeit, um sich großartig umzusehen und die Ware zu sichten gibt es nicht, es geht sofort los. Aufgebahrt zu Türchen und in Mengen liegen die Fundsachen auf den Tischen und warten darauf, den Besitzer zu wechseln. Auf den ersten Blick sieht man ein Meer aus Taschen, gefüllt mit Kleidung, Socken und Schals. Weiter hinten erahnt man einen Berg aus Regenschirmen. Der Rest ist noch nicht definierbar.
„Die liegengebliebenen Sachen werden zuerst in unser Fundbüro gebracht. Dann bleiben sie dort mehrere Monate, dass der Eigentümer die Chance hat, sie abzuholen. Nach dieser Zeit werden sie im Lager der EVAG eingelagert, bis die nächste Versteigerung ansteht. Hierfür werden sie gelistet und sortiert: Gute und funktionstüchtige Ware kommt unter den Hammer, schlechte und kaputte Ware wird ausgemustert. Dann werden Taschen mit Kleidungsstücken gepackt, Regenschirme zu Bündeln gebunden und Handys zu Hauf in Plastiktüten gesteckt“, so Ruddart weiter.
Das Prozedere ist erwartungsgemäß einfach: Eine Person ruft ein Anfangsgebot, die anderen bieten höher oder auch nicht. Nach dem weltbekannten Ausspruch „ Zum ersten...zum zweiten...und zum dritten“ wechselt die Ware den Eigentümer, aber nur gegen sofort Bares. So gehen im Stechschritt zunächst die gepackten Taschen und dann die Bündel an Regenschirmen über den sprichwörtlichen Tresen. Wenn die „Massenware“ dann versteigert ist, kommen interessantere Dinge zum Vorschein, die man so nicht erwartet hätte: Kuscheltiere, Tischtennisschläger, Reiter- , Motorrad- und Fahrradhelme, Schallplatten, eine volle Tabakdose oder Taschenrechner. Wenn auch das alles unter den Mann gebracht wurde, kommen die exklusiveren Dinge auf den Tisch: ein Autoradio, Markenkopfhörer, ein Mini-Tresor, Digitalkameras, ein Fernseher, Handys, darunter auch Iphones der Marke Apple, ein Laptop und ein Tablet. Natürlich alles funktionstüchtig und für Schnäppchenjäger ein wahres Paradies: Gegenstände, für die man auch im gebrauchten Zustand noch einiges bezahlen würde, gehen für einen Bruchteil des Geldes weg. Aber wer absahen will, muss schnell und vor allem laut sein, denn es gilt die Devise: Nicht gehört heißt raus aus dem Rennen. Wer sich aber dann noch bis zum Schluss gedulden kann, den erwarten noch ein paar Schmankerl: Diese sind klein und glitzern silbern oder golden. Man mag es kaum glaube, aber auch Schmuck und Uhren werden in U-Bahn, Bus oder Straßenbahn vergessen. Ein großer Teil davon ist Modeschmuck, aber auch Echtschmuck wie Ringe, Armbänder oder Uhren sind dabei. Diese werden dann natürlich genauer unter die Lupe genommen.
Insgesamt drei Stunden dauert die Aktion. Im Anschluss werden die Massen an Ware in die vor allem kleinen Autos gepackt oder auf Fahrradträgern gestapelt und ab geht es in die verschiedensten Richtungen an ihren neuen Bestimmungsort. Vielleicht sieht man das eine oder andere Stück auf dem Trödelmarkt oder in den Regalen eines kleinen Ladens wieder.
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