Spieler statt bloßer Zuschauer

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Die ganze Truppe beisammen im Gemeinschaftsraum der Wohngemeinschaft: Diana Gibicar, die Projektleiterin Helga Reutenberg, Simone Zindler, Benjamin Seddig und Svenja Goluch.
 
Benjamin Seddig und Svenja Goluch im angrenzenden Garten. Nach getaner Arbeit wird hier häufig gegrillt.

Arbeiten und alltägliche Situationen meistern - Inklusion ist nach wie vor ein hitziges Thema. Zu Besuch in einer Frohnhauser Wohngemeinschaft für Menschen mit Behinderung.

Mal eben kurz zum nächsten Supermarkt und ein bisschen Wurst, Käse und Brötchen für das gemeinsame Frühstück einkaufen? Kein Problem, wird jetzt ein Großteil denken. Doch was ist wenn die Beine einen nicht zum Bäcker tragen? Die Hände nicht den Liter Milch greifen können, der auf dem Einkaufszettel steht?
7,6 Millionen Menschen mit Behinderung leben in Deutschland. - Svenja Goluch ist eine davon. Durch die Spastik ist ihr Körper fast vollständig gelähmt. Dabei ist sie durch ihren elektronischen Rollstuhl mobil und arbeitet in einer Werkstatt. Nebenbei ist sie Goluch als selbstständige Fotografin unterwegs. Wie das geht? Stativ samt Kamera können an einer Plexiglasscheibe an ihrem Rollstuhl angebracht werden. „Meine Finger funktionieren! Ich kann die Bilder über eine Fernbedienung auslösen.“ Frau Goluch lebt in einer Wohngemeinschaft. - Drei Frauen, drei Männer.
Es ist früher Donnerstagmittag und die Sonne scheint durch die ausgiebige Fensterfront in dem Gemeinschaftsraum samt Wohnküche. An der Apostelkirche 3 in Frohnhausen duftet es nach frisch gekochtem Kaffee, Brötchen und Mandarinen. Neben Svenja Goluch sitzen drei weitere Leute an dem drei Meter langen Holztisch und frühstücken. „Normalerweise wird nicht so spät gefrühstückt, aber momentan haben alle frei“, erklärt Helga Reutenberg, Projektleiterin. Nicht jeder Bewohner möge gemeinsame Mahlzeiten. „Manche sind lieber für sich. Das wird akzeptiert.“
Wie in jeder anderen Wohngemeinschaft hat auch hier jeder Bewohner seine Aufgaben zu erledigen: einkaufen, kochen, Spülmaschine ausräumen. Dafür gibt es feste Tage. „Dabei werden die Hausbewohner von Pflege- und Haushaltsassistenten sowie Integrationshelfern unterstützt“, so die Leiterin. Benjamin Seddig schafft die Einkäufe größtenteils alleine. „Allerdings habe ich länger gebraucht, um meinen Schweinehund zu überwinden“, erklärt der 31-Jährige. Durch die Spastik ist auch sein Körper weitestgehend gelähmt. Von seinem Integrationshelfer bekomme er lieber am Wochenende Unterstützung. „So kann ich auf Partys gehen. Am liebsten höre ich Elektromusik“, erzählt Seddig und lächelt.
Alle sechs Bewohner gehen in Werkstätten arbeiten. Darüber hinaus hat jeder ein eigenes Hobby: Fußball spielen, tanzen, fotografieren oder im Theater spielen. Simone Zindler hat Downsyndrom und lebt seit elf Jahren in der Wohngemeinschaft. Neben ihrer Arbeit in einer Werkstatt, tanze sie Hip Hop, erklärt die Projektleiterin. Sofort springt Simone Zindler auf und zeigt die Schritte aus ihrer Tanzgruppe. Dabei gehen die Hände über den Kopf. Im Takt wippen ihre Arme von rechts nach links und wieder zurück. „Außer Sport liebt Simone das Kochen“, erklärt die Leitung weiter. Auf die Frage, was sie am liebsten koche, rufen Benjamin Seddig und Svenja Goluch im Einklang: „Schnitzel! Simone mag Schnitzel.“
„Simone“ - Ihr Name steht an der ersten Zimmertür in der oberen Etage. Ihr Zimmer ist in einem sonnigen Gelb gestrichen. Über Ihrem weißen Bett hängen Bilder von gemeinsamen Ausflügen der Wohngemeinschaft. Davor steht ein Trainingsfahrrad für zu Hause. Das habe sie an Weihnachten bekommen, erzählt die 35-Jährige. Abseits des Gemeinschaftsraumes hat jeder Bewohner ein eigenes Zimmer. „Die Zimmer sind alle individuell gestaltet - abhängig von den finanziellen Mitteln“, sagt Helga Reutenberg.
Auf der anderen Seite des Flures ist das Zimmer von Diana Gibicar. Ein Bild der kroatischen Nationalmannschaft hängt über ihrem Bett. Neben Fußball reist sie gerne und häufig. So schmücken Bilder aus Texel die Wand. „Wenn ich von der Arbeit komme bin ich gerne in meinem Zimmer. Dann male oder bastel ich gerne“, erklärt die 39-Jährige. Im Hausflur hängen ihre Leinwandbilder: Blumen, Sonnen und Engel. „Sie ist sehr kreativ. Das wird gefördert“, so die Leiterin des Hauses.
„Wir haben ein junges Team, das schafft eine gute Atmosphäre. Die Bewohner haben keine Berührungsängste und sind offen für Neues. Auch in der Gegend sind die Leute den Bewohnern sehr zugewandt. Bisher hat hier niemand schlechte Erfahrungen gemacht“, so die Leiterin. Jeder habe seine Stärken und so gäbe es ein individuelles Unterstützungsangebot. „Seitdem ich hier wohne, habe ich viel dazu gelernt und meine eigenen Erfahrungen machen können“, sagt Svenja Goluch. „Wir bestehen auf ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben, so wie jeder andere Mensch auch.“
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