„Stahl und Moral“ - und die Henrichshütte Hattingen

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(v.l.) Museumsleiter Robert Laube, Dirk Zache, Direktor des LWL-Industriemuseums, Dr. Olaf Schmidt-Rutsch und Sonja Meßling im Bessemer-Stahlwerk vor einem zerschossenen Panzer „Panther“ aus dem Zweiten Weltkrieg, dessen Gehäuse auf der Henrichshütte produziert wurde und später noch in Israel Dienst tat. Foto: LWL/Appelhans
 
Schützenpanzer vom Typ HS30 wurden komplett auf der Henrichshütte gefertigt. Foto: Römer
Hattingen: Gebläsehalle |

Stahl und Moral – passt das zusammen? Diese Frage stellt der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) noch bis zum 9. November im Industriemuseum Henrichshütte.

100 Jahre nach Ausbruch des Ersten und 75 Jahre nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs blickt das Industriemuseum auf die Geschichte der Hütte als Rüstungsbetrieb zurück.
„Stahl und Moral“ verfolgt die Geschichte der hiesigen Rüstungsproduktion von den Anfängen über zwei Weltkriege bis in die Nachkriegszeit. Großexponate wie Panzer und Granaten zeichnen die Produktpalette der Henrichshütte nach. Großformatige Fotos, Zitate und viele Erinnerungsstücke ergänzen die Ausstellung. Moralische und technische Deutungen werden einander gegenüber gestellt.
Die Schau, die zum Großteil in der ehemaligen Geschossfabrik der Hütte gezeigt wird, ist von einem umgangreichen Rahmenprogramm begleitet, auf deren Termine der STADTSPIEGEL rechtzeitig hinweisen wird.
„Alle vier Jahre“, so LWL-Direktor Dirk Zache, „zeigen wir an all unseren acht Museumsstandorten ein Großprojekt. Diesmal dreht sich unser Themenjahr um ,Unterwelten‘. Wir zeigen verborgene Räume und in Hattingen geht es vorrangig um Rüstungsproduktion und Krieg. Das Thema ist momentan durch die Wahl und die Vorgänge in der Welt wieder topaktuell. Es beteiligt also die Gesellschaft am Museum.“
Das spiegelt sich auch im Plakat zur Ausstellung wider, wie Museumsleiter Robert Laube erläutert: „Es zeigt Granaten und den Löffel eines Hüttenarbeiters aus Hattingen, der ihn als 19jähriger in amerikanischer Gefangenschaft von einem GI geschenkt bekommen hatte. Der Löffel ist aus Stahl und daraus ergibt sich die Frage vom guten und vom bösen Stahl.“
Denn zu sehen sein wird auch ein Orden aus einem Granatsplitter, mit dem der Hattinger Eisengießer Otto Friedrich im Ersten Weltkrieg verletzt wurde. „Er wird in der Familie zusammen mit Otto Friedrichs Eisernem Kreuz aufbewahrt“, so Robert Laube.
Oder ein Stück von der „Tirpitz“. 14 cm dick ist der Panzerstahl, der in Hattingen für das Schlachtschiff hergestellt wurde. Das Schiff kenterte 1944 nach einem britischen Bombenangriff vor Norwegen. Die Bundeswehr nutzte Teile des Wracks in den 60er Jahren für Schießübungen. In dem Stück der Ausstellung ist der Durchschuss einer Granate zu sehen und daneben steckt im Stahl noch eine Granate.
„Eigentlich findet unsere Ausstellung an drei Orten statt“, erläutert Kuratorin Sonja Meßling. „Im ,Geschosswerk‘ neben dem Bessemer-Stahlwerk, wo die großformatigen Ausstellungsstücke wie der Rest eines hiergefertigten ,Panther‘-Panzers und eines ebenfalls hier entstandenen Schützenpanzers HS30 zu sehen sind, am Hochofen und im Foyer der Gebläsehalle.“
„Wir verfolgen die Spur von Gewalt und Krieg durch 4.000 Jahre Hattinger Geschichte“, ergänzt Robert Laube. „Besonders freuen wir uns dabei über die breite Unterstützung nicht nur von Einrichtungen wie Stadtmuseum, Stadtarchiv und Heimatverein sondern auch von privaten Leihgebern.“
Das Museum sucht weiterhin nach Exponaten und den Geschichten dazu. Sonja Meßling: „Die Ausstellung soll wachsen. Jeder kann etwas dazu beitragen.“
Der Hattinger Künstler Holger Vockert hat beispielsweise zwei Ausstellungsstücke beigesteuert: ein Armteil seiner provokanten Arbeit am Horkenstein, als er auf dem vermeintlichen Opferstein ein (Kunststoff-)Opfer installierte, sowie ein eigens für die­se Ausstellung geschaffenes Reiterstandbild von Kaiser Wilhelm I.
Ein anderer Leihgeber ist die „Werkgruppe Holz“ aus dem Paul-Gerhard-Haus um den Hattinger Dieter Schmidt mit einer riesigen Holz-Pyramide, wie sie von Weihnachten her bekannt ist.
Erinnert wird auch an den Hattinger Erich Warsitz, der als Testpilot den ersten Düsenjäger der Welt, den Heinkel HE 176, geflogen ist. Oder ein Kleid und ein Stück von einem Diadem, das Marlene Schmidt gehörte. Die junge Dame war aus dem Osten nach Hattingen geflohen und wurde 1961 in Miami „Miss Universum“.
„Die Exponate der Ausstellung lösen meist beides aus: technische Faszination und moralische Fragen. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, keine Antworten zu geben, denn die Perspektiven wechseln oder verändern sich: So ist Panzerstahl heute etwa ein gesuchtes Ausgangsprodukt für hochwertige Taschenmesser oder Werkzeuge“, erklärt Ausstellungskurator Dr. Olaf Schmidt-Rutsch. „Wir wollen Fragen aufwerfen, und die Gäste sollen mögliche Antworten selber finden.“
Die Ausstellung im LWL-Industriemuseum Henrichshütte ist geöffnet dienstags bis sonntags, 10 bis 18 Uhr.
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