Stadtarchiv: Rauendahl kein Kompromiss, sondern sehr gute Lösung

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Stadtarchivar Thomas Weiß im neu angeschafften Rollregal-System, das auf 871 Regalmetern Platz bietet. Bis die Hattinger ihr Stadtarchiv allerdings wieder nutzen können, müssen sie bis zum 2. September warten – auch mit Anfragen per Telefon, schriftlich oder per E-Mail. Dann soll der Umzug bewerkstelligt sein und die „Feinjustierung“ ebenfalls, wie Thomas Weiß „Kleinigkeiten“ wie Briefkasten und Beschilderung nennt. Foto: Römer
Hattingen: Grundschule Rauendahl |

3.000 Plakate, 1.000 Karten und Pläne, 2.000 Regalmeter Archiv- und Bibliotheksgut, 300 Regalmeter Zeitungsbände, 600 Regale, Mobiliar, Geräte, Inventar: Allerhand einzupacken für die Mitarbeiter des Stadtarchivs. „Ganz so schlimm ist es nicht, denn einpacken und transportieren, das übernimmt eine Fachfirma“, beruhigt Stadtarchivar Thomas Weiß.

Trotzdem kommt natürlich viel Arbeit auf sein Team zu, das neben dem Stadtarchivar aus Susanne Geertsen und Anita Pie­lech besteht.
Wie mehrfach berichtet geht es ja vom Gemeindeamt Welper in die ehemalige Grundschule Rauendahl. Aus diesem Grund ist das Stadtarchiv bis zum 2. September geschlossen und kann weder schriftliche noch telefonische Anfragen beantworten, auch nicht per E-Mail, von denen es allein bis jetzt in 2013 schon gut 250 gegeben hat. Eine Nutzung des Stadtarchivs und seiner Bestände ist sowieso unmöglich.
Thomas Weiß: „Am 28. Juni soll alles am neuen Standort sein. Danach haben wir Zeit für die Feinjustierung, also eventuelles Umsortieren, Beschriften, ein neues Telefon und einen neuen Briefkasten brauchen wir auch. Mein Ziel ist, mit Beginn des neuen Schuljahres unser Archiv einsatzbereit und nutzbar zu haben .“
Seit im Jahr 2005 Schimmelbefall bei im Keller gelagerten Akten am Standort im Welperfeld festgestellt worden ist, machten sich Politik und Verwaltung auf die Suche nach neuen Möglichkeiten, diskutierten unterschiedliche Lokalitäten, fanden beispielsweise Räumlichkeiten im von der Verwaltung bereits genutzten Gebäude an der Hüttenstraße, dachten über den Bunker von SatKom Ruhr nach.
„Eigentlich wurde überall gesucht“, stellt Thomas Weiß leicht schmunzelnd fest, „aber Räume für ein Archiv zu finden ist eben nicht ganz so leicht.“ Vor allem solche, die genügend Fläche bieten. Seit 19 Jahren sei er nun in Welper, damals hätte es dort auch viel Platz gegeben, der heute aufgebraucht sei.
Da kam die Schließung der Grundschule Rauendahl gerade recht. „Hier haben wir keinen Kompromiss, sondern eine sehr gute Lösung gefunden“, ist sich der Stadtarchivar sicher. „Wir haben von den Quadratmetern zwar nur etwas mehr als in Welper zur Verfügung, aber hier können wir auch die Flure noch problemlos nutzen, beispielsweise für unser Zeitungsarchiv.“
Bei einem Rundgang durch die neuen drei Etagen des Stadtarchivs zeigt Thomas Weiß auch seinen ganzen Stolz, ein Rollregalsystem mit 871 Regalmetern, die einzige Neuanschaffung: „Das ist eine Zukunftsinvestition. Wenn beim Umzug etwas nicht passt, hier ist noch genug Platz, vor allem aber für künftige Bestände, die wir übernehmen werden.“
Der vor einiger Zeit verstorbene Hattingen Fotograf Karl-Heinz Triestram beispielsweise hat seine Fotografien dem Stadtarchiv vermacht. Thomas Weiß: „Darin verbergen sich Schätze, die noch gar nicht alle gesichtet worden sind. Seit 1990 hat der Hattinger praktisch immer dasselbe fotografiert, so dass sich daran die Stadtentwicklung gut ablesen lässt. Genau wie den symbolischen Schlüssel vom Anneke-Zentrum haben wir erst einmal alles in einem Schulraum zwischengelagert.“
Unten wird sich das historische Archiv befinden mit den unzähligen Fotos und die Unterlagen beispielsweise aus den Ämtern Hattingen, Welper und Blankenstein. Da alles ebenerdig ist, kann dieser Bereich mit Karren befahren werden, was in Welper nicht möglich war. Hier kommt alles hin, was oft genutzt wird und bequem greifbar sein soll.
Außerdem wird in der ehemaligen Hausmeisterloge ein Arbeitsplatz (samt PC) für Behinderte geschaffen, die im Archiv auch über eine eigene Toilette verfügen.
In der mittleren Etage wird das Zeitungsarchiv untergebracht – auf 2,50 Meter hohen Regalen mit einer Länge von knapp 50 Metern. Die Fenster nicht nur hier wurden gegen Vandalismus gesichert, vor allem aber gegen Sonneneinstrahlung mit einer Holzplatte abgedunkelt – eine günstigere Lösung als überall Rollos anzuschaffen.
Die Räume sollen so gestaltet werden, dass sie auch für die Mitarbeiter thematisch übersichtlich sind: Was zusammengehört, soll auch zusammenbleiben. Gelagert wird hier alles auf den alten Regalen aus Welper, die teilweise noch aus Holz bestehen. Auch die Brandmeldeanlage aus Welper wird übernommen.
„Die klimatischen Bedingungen hier sind nicht unbedingt ideal, aber dank des Sonnenschutzes geht es. Auch bei der Feuchtigkeit ist alles im grünen Bereich“, beschreibt Thomas Weiß. Sicherheitshalber sind in den ehemaligen Klassenräumen sämtliche Waschbecken entfernt worden, um die Gefahr eines Wasserrohrbruchs auszuschalten.
Seit Jahren bereits werden die durch den Schimmel kontaminierten Dokumente gereinigt. Dafür gibt es in der ehemaligen Schule jetzt einen eigenen Raum, der täglich gereinigt werden kann. Gleichzeitig werden diese Dokumente neu bewertet und gegebenenfalls vernichtet. Um Platz zu sparen werden grundsätzlich keine Aktenordner eingelagert, sondern die Unterlagen werden „lose“ aufbewahrt.
Zur fortschreitenden Digitalisierung hat der Stadtarchivar seine eigene Meinung: „Im Arbeitsleben ist sie ja ein Segen. Aber bei der EDV wird im Schnitt alles nur rund sechs Jahre gespeichert. Unser Archiv allerdings denkt nicht in Tagen und Jahren, sondern in Jahrhunderten. Also fällt viel Ausgedrucktes auf Papier an, denn ich halte es mit Goethe, der sagte: ,Nur was man schwarz auf weiß hat, kann man nach Hause tragen.‘ Das Problem der digitalen Medien, das lösen wir in Hattingen nicht. Da sitzen auf Bundesebene Kommissionen bei der Arbeit.“
Und noch einen Vorteil sieht Thomas Weiß bei nicht-digitalen Medien für sein Archiv: „Wer bei uns etwas klauen möchte, der braucht viele Lastwagen. Die sieht man, die fallen auf, ein USB-Stick in der Hosentasche nicht.“
In der oberen der drei Etagen des künftigen Stadtarchivs sind Büroräume, für die „alte“ Schulmöbel übernommen wurden, und ein großer, heller, sonnendurchfluteter Besucherraum vorgesehen. Auch hier sollen zwei Computerplätze für Besucher eingerichtet werden. Hier wird auch Stadtarchivar Thomas Weiß in seinem Büro Besucher empfangen – umgeben von 1.200 Buchbänden über Hattingen.
Dass das Stadtarchiv zu abgeschieden liegt, das denkt Thomas Weiß nicht, zumal in nächster Nähe eine Bushaltestelle zu finden ist und ein Bus nur zehn Minuten aus der Stadt benötigt: „Wir haben ja keine Laufkundschaft. Wer zu uns kommt, der hat ein Ziel. Denn wir sind ein Unikat, was wir haben, das gibt es nur hier. Daher bleiben wir sicherlich auch künftig bei rund 600 Besuchern jährlich.“
Aus diesem Grund glaubt er auch nicht so recht an den Sinn etwa eines Tages der offenen Tür, wenn einmal alles hergerichtet sein wird: „Aber vielleicht überlegen wir uns ja bis dahin noch etwas.“
Was ihm noch fehlt in den neuen Räumen, das ist ein „Archiv-Feeling“, welches er aber noch – wie auch immer – herstellen möchte. Welper habe seiner Ansicht nach jedes Klischee eines Archivs mit seiner Enge und dem Verwinkelten erfüllt.
Fehlen wird Thomas Weiß aber noch etwas: „Wir haben Aldi im Rauendahl und demnächst bauen sie eigens für uns Rewe“, lacht er, „doch eine Eisdiele wie in Welper beim Blick aus meinem Büro, die fehlt mir jetzt schon.“
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