Elternreihe: Erste Hilfe beim Kind

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Hattingen: Altes Rathaus |

In der Elternreihe „Hattingen hat interessierte Eltern“ ging es im September 2016 um die Frage nach der „Ersten Hilfe“ beim Kind. Kinderarzt Dr. Tobias Englert gab zusammen mit der Babypuppe Anne einen Überblick über die häufigsten Unfälle und Tipps zu ihrer Vermeidung.

Verbrennungen/Verbrühen

„Das Wichtigste ist es, sofort die Wunde zu kühlen“, erklärt der Kinderarzt. „Verzichten Sie darauf, Mehl, Öl oder andere Flüssigkeiten auf die Wunde zu geben. Verbrannte Kleidung sollten Laien nicht entfernen.“ Ab einer Verbrennungsfläche von zehn Prozent besteht übrigens schon eine Schockgefahr. Die Faustregel, wie groß die verbrannte Fläche ist: Eine Handfläche entspricht etwa einem Prozent. Dabei unterscheidet man bei Verbrennungen drei Schweregrade: im ersten Grad gibt es eine Rötung (Sonnenbrand!), die man mit kühlenden Cremes oder auch Quark behandeln kann. Im zweiten Grad gibt es eine Blasenbildung, die bereits ärztlich versorgt werden muss, in der Regel aber folgenlos abheilt. Der dritte Grad schließlich ist eine tiefe Verletzung, die eine Narbenbildung zurück behält und unbedingt die Versorgung durch Notarzt und Klinik nötig macht. Übrigens: Offene Flammen immer mit Decken löschen oder das Kind auf dem Boden wälzen. „Das Beste ist aber natürlich, wenn solche Unfälle gar nicht erst entstehen und hier kann man durchaus vorbeugen“, so Tobias Englert.
Hier einige Tipps:
- Keine herunterhängenden Gegenstände wie Tischdecken
- Nie Heißes essen/trinken, wenn man ein Kind auf dem Arm trägt
- Gitter vor dem Küchenherd installieren
- Flasche/Brei in der Mikrowelle umrühren und selbst probieren
- Auf den hinteren Kochplatten kochen
- Putzmittel und Medikamente unerreichbar für Kinder stellen
- Badetemperatur immer kontrollieren
- Keine giftigen Flüssigkeiten in Trinkflaschen umfüllen (Verwechslungsgefahr)
- Verzichten Sie auf das Inhalieren von Dampf
- Keine Heizdecke im Kinderbett
- Lampen nie mit Papier oder Tüchern abdecken
- Bügeleisenstecker immer ziehen
- Altersgerecht Umgang mit Feuer erklären („Feuer“ rufen besser als „Hilfe“)
- Rauchmelder in der Wohnung installieren
- Kein Brennspiritus beim Grillen


Doch es gibt noch weitere Unfallquellen im kindlichen Alltag. Dazu gehört beispielsweise auch der Stromunfall. Auch hier kommt der Erziehung eine bedeutende Funktion zu. „Neben den beliebten Steckdosensicherungen müssen Eltern ihren Kindern erklären, dass sie dort nichts zu suchen haben. Vor allem bei den Mehrfachleisten, die noch mit einem roten Lämpchen ausgestattet sind, welches blinkt, besteht die Gefahr, dass Kinder hier großes Interesse zeigen und anfangen, in einer nicht belegten Position auf der Leiste herumzustochern. Kommt es zu einem Stromunfall, dann muss sofort der Stromfluss unterbrochen werden. Nehmen Sie die Sicherung raus und überprüfen Sie die Vitalfunktionen des Kindes. Und rufen Sie sofort den Notarzt.
Eine weitere Unfallquelle sind die Vergiftungen. Doch hier kann der Kinderarzt leichte Entwarnung geben: „Im Gegensatz zu früher sind viele sehr giftige Mittel vom Markt genommen. Prüfen Sie also erst einmal, wie viel und was das Kind getrunken hat. Schauen Sie, ob noch Substanz vorhanden ist. Das ist auch wichtig für den Arzt, der ja wissen muss, was das Kind zu sich genommen hat. Viele Mittel haben auch heute eine Kindersicherung und sind so für die Kleinen nicht zugänglich. Wenn doch etwas passiert ist, versuchen Sie, Ruhe zu bewahren. Lösen Sie kein Erbrechen aus, weil dadurch die Speiseröhre zusätzlich mit der Substanz in Berührung kommt. Es besteht die Gefahr, dass das Mittel auch in die Lunge geraten kann.“ Der Arzt rät stattdessen zum Trinken, um den Giftstoff zu verdünnen. Gegeben werden sollten Wasser oder Tee, auf keinen Fall Milch.
„Und zur Verbeugung gehört natürlich, Giftstoffe und Medikamente in einem verschlossenen Schrank aufzubewahren. Das gilt übrigens auch für die Großeltern, die vom Kind besucht werden, das dann auf einmal die Herztabletten von Oma und Opa findet. Und schärfen Sie älteren Kindern ein, niemals eine unbekannte Flüssigkeit zu sich zu nehmen.“ Unerreichbar sein sollten für Kinder natürlich auch Alkohol und Zigaretten. „Schon 1/4-Zigarette kann für eine Vergiftung ausreichen.“
Hilfe bekommt man auch beim Giftnotruf NRW in Bonn, Telefon 0228/19240 (Informationszentrale gegen Vergiftungen, erreichbar rund um die Uhr).

Allergischer Schock

Bestimmte Nahrungsmittel (Nüsse!), Insektenstiche oder Medikamente können einen allergischen Schock auslösen. Hier gilt es, auf Symptome wie Schwellungen, Schluckbeschwerden oder Atemnot zu achten. „Auch hier kann man einige Dinge vermeiden. Getränke sollten draußen immer abgedeckt sein, man sollte das Kind mit einem Strohhalm trinken lassen und es sollte im Freien nicht ohne Aufsicht essen oder trinken. Ist eine Einstichstelle vorhanden, hilft in jedem Fall kühlen.“ Auch hier sollte natürlich ein Arzt aufgesucht werden, wenn die Symptome deutlich sind.

Krampfanfall

„Ein Fieberkrampf kommt aus heiterem Himmel und sieht schlimm aus. Die Muskeln versteifen sich, man beobachtet unkontrollierte Zuckungen, Fieber. Doch in vielen Fällen ist es weniger schlimm, als es aussieht und hört auch meistens nach kurzer Zeit wieder von selbst auf. Ganz anders ist das bei Epilepsie und ein Laie kann oft keine Unterschiede erkennen. Deshalb ist bei einem ersten Anfall der Notarzt auf jeden Fall geboten, um festzustellen, um was es sich hier handelt.“

Schädelprellung

Hat sich das Kind gestoßen oder ist es gefallen, so sollte man die betroffene Stelle sofort kühlen und tröstende Worte sprechen. Dann aber gilt es, dass Kind 48 Stunden zu beobachten. Die Alarmglocken sollten läuten, wenn das Kind erbricht, über Schwindel klagt, Bewusstseinseintrübungen aufweist oder ein besonders müdes Verhalten an den Tag legt. Das können Anzeichen für eine Gehirnerschütterung sein. Ein Arzt muss gerufen werden.
„Kleine Kinder sollten nie auf dem Wickeltisch alleine bleiben. Und Hilfen wie ein Babywalker sind nicht einzusetzen.“ Übrigens: Damit ein Kind beim Fallen nicht ertrinken kann, sollten Regentonnen und Gartenteiche mit Gittern oder Deckeln versehen sein. Ein Zaun um den Teich hilft nicht, denn die kleinen Racker sind auch blitzschnell über den Zaun geklettert.
Auch für harmlosere „Unfälle“ wie Nasenbluten hat der Arzt einen Tipp: „Kopf nach vorne, kühlendes Tuch in den Nacken, damit sich die Gefäße zusammen ziehen.“ Ernster ist der Krupp-Anfall, ein Virusinfekt, der oft aus heiterem Himmel kommt. „Das Kind bekommt keine Luft, röchelt. In dem Fall ist es am besten, Ruhe zu bewahren und mit dem Kind an die frische Luft zu gehen. Kühle Luft hilft. Auch wenn man eine Klinik aufsucht, das Fenster im Auto auf der Fahrt etwas herunterdreht, so ist oft eine Besserung bereits eingetreten. Der Arzt kann in diesem Fall Medikamente verschreiben, so dass sich die Anfälle nach Möglichkeit nicht wiederholen.“

Zum Schluss kommt der Arzt zu einem weiteren wichtigen Punkt: Wenn ein Kind einen Fremdkörper verschluckt hat und zu ersticken droht. „Bei einem Fremdkörper in der Luftröhre muss man sich klarmachen, dass man sofort handeln muss. Im besten Fall hustet das Kind den Fremdkörper sofort wieder heraus. Im ungünstigen Fall hören Sie an dem Husten des Kindes, dass es dies alleine nicht kann. Es hat Luftnot und Sie müssen sich zum Handeln zwingen. Ein leichtes Klopfen auf den Rücken bringt nichts, weil zu wenig Druck ausgeübt wird.“

Mit Hilfe der Babypuppe zeigt der Arzt, wie man es machen sollte. „Babys legt man sich am besten in Bauchlage auf den Oberschenkel, dabei unbedingt den Kopf des Kindes halten. Dann schlägt man mit der flachen Hand auf den Rücken. Man kann auch Druck auf den Brustkorb des Babys in Rückenlage ausüben. Es muss ein Blasebalgeffekt entstehen, damit der Fremdkörper ausgestoßen werden kann. Ältere Kinder legt man in Rückenlage auf eine harte Unterlage und schlägt unterhalb des Brustbeines mit den Händen zu.“ Auch hier sollte der Griff zum Telefon für den Notarzt ein Muss sein. „Am besten legt man sich die Telefonnummer inklusive 112 neben dem Telefon, denn in der Aufregung vergisst man auch zentrale Nummern“, weiß der Kinderarzt.

Das Schlimmste ist sicherlich die Reanimation. „Auch hier muss man sagen, Nichtstun wäre auf jeden Fall ein Fehler. Bis zum Eintreffen des Notarztes muss man versuchen, das Kind zu reanimieren. Bei Babys geschieht dies, indem man Mund und Nase umschließt und Atem spendet, bei älteren Kindern umschließt man nur den Mund. Bei Babys kommen dabei Zeigefinger und Mittelfinger unterhalb des Brustbeines für die Herzdruckmassage zum Einsatz. Bei älteren Kindern nutzt man stattdessen den Handballen, am besten beide Hände übereinander. Im Wechsel gibt es fünf Atemspenden und dreißig Herzdruckmassagen bis zum Eintreffen des Notarztes.“ Der Arzt rät auch, einen „Erste Hilfe-Kurs“ zu absolvieren, um die Handhabung in der Praxis zu üben. Für die Regelmäßigkeit zwischen Atemspende und Herzdruckmassage sollte man laut zählen.
„Versuchen Sie in jedem Fall, den persönlichen Schock zu überwinden und helfen Sie. Möglicherweise sagt Ihnen auch der Notarzt am Telefon, wie Sie bis zum Eintreffen des Arztes verfahren sollen. Wichtig ist der Zeitfaktor. Sie müssen sofort reagieren.“

Nächster Termin: Mittwoch, 19. Oktober, 19 bis 20.30 Uhr, Altes Rathaus; Thema "Eingewöhnung in Kita und Schule"
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