Es geht aufwärts - auch treppab!

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Optisch reizvolles Treppensteigen im Triumphbogen in Paris - hier ist die Alternative eine lange Warteschlange vor dem Aufzug. (Foto: T. Richter-Arnoldi)
 
Treppenhaus in einer Reha-Einrichtung: Weniger ein Fluchtweg als vielmehr ein Trainingsfeld, dessen Bewältigung Ehrgeiz erfordert - und Stolz bewirkt. (Foto: T. Richter-Arnoldi)

Nehme ich den Aufzug, oder laufe ich die Treppe? Eine Frage, die sich sicherlich viele von uns fast täglich stellen. Also eine alltägliche Frage - und trotzdem geht es hier um nichts Selbstverständliches. Denn Treppenlaufen ist weit mehr als eine Fortbewegungsart.

In Wohnhäusern gilt es heute vielleicht noch als Luxus oder als seniorengerechte Ausstattung, wenn ein Aufzug zur Verfügung steht. In öffentlichen Einrichtungen dagegen ist er inzwischen fast ein Muss, schon allein wegen der Zugänglichkeit höher gelegener Etagen für gehbehinderte Menschen, aber auch für solche mit Herz- oder Lungenerkrankungen, für Schwangere und für Eltern mit Kleinkindern bzw. Kinderwagen. Doch sind das bei weitem nicht die Einzigen, die einen vorhandenen Fahrstuhl nutzen. Andererseits gibt es auch Menschen, die dies konsequent vermeiden, sei es nun aus Angst vor dem Steckenbleiben, aus so genannter Platzangst oder einfach, weil sie sich körperlich fit halten wollen.

Treppenlaufen, eine besondere Fähigkeit

Damit bin ich auch schon bei einem weiteren Aspekt des Treppenlaufens. Was von gesunden Menschen oft nicht bedacht wird: Die Fähigkeit, eine Treppe, womöglich über mehrere Stockwerke hinweg, hinauf- und auch wieder hinablaufen zu können, kann einem nämlich schneller abhanden kommen als man normalerweise benötigt, um auch nur von einem Treppenabsatz zum nächsten zu gelangen. Warum sollte man sich darüber auch Gedanken machen?
Immer wieder habe ich mit Leuten zu tun, aus deren Sicht kaum ein größerer Fortschritt für ihre Mobilität vorstellbar wäre als genau das: wieder Treppen laufen zu können. Die Vorgeschichte kann dabei ganz verschieden sein, das Ergebnis ist erschreckend oft das gleiche. Eine Operation an der Hüfte, am Knie oder am Fuß, ein Bänderriss, eine Sehnenverletzung oder ein anderer, oft unfallbedingter Ausfall eines Beines, und schon stellen selbst wenige Stufen - vor allem abwärts - ein fast unüberwindbar scheinendes Hindernis dar.

Unabhängigkeit und Selbstständigkeit

Natürlich ist das Treppenlaufen in solchen Fällen nicht das Erste, was man sich wieder erarbeiten muss. Zunächst sind viel grundlegendere Fähigkeiten gefragt: das richtige Hinlegen oder Hinsetzen und Aufstehen, das Vorwärtskommen mit einem Rollstuhl oder mit Unterarmgehstützen oder der Ausgleich für die mit der Fortbewegung beschäftigten Hände, die derweil nichts anderes mehr greifen können. Doch irgendwann kommt unweigerlich der Punkt, an dem man sich gerne wieder die Frage stellen würde: Aufzug oder Treppe?, und zwar, ohne dass die Antwort schon von vornherein feststeht. Wenn sich die Frage nicht ohnehin gar nicht erst stellt, weil es schlichtweg keinen Aufzug gibt. Es geht also um nicht weniger als um ein großes Stück Unabhängigkeit und Selbstständigkeit.

Wer die Treppe wieder hinablaufen kann, für den geht es aufwärts

In solchen Situationen feststellen zu müssen, dass es alles andere als selbstverständlich ist, einen Fuß nach dem anderen Stufe um Stufe aufwärts oder gar abwärts setzen zu können, ist eine harte Herausforderung. Das Bein oder der Fuß gehorcht nicht mehr oder ist kraft- und haltlos, hinzu kommt der Schmerz, der einen vor jedem Schritt zurückzucken lässt, und oft auch noch die Angst, wieder zu stürzen. Deshalb ist das Wiedereinüben des Treppenlaufens mit Hilfe von Physiotherapeuten eine zwar mühsame, aber elementare Aufgabe, die nicht zufällig am Ende vieler Rehabilitationsmaßnahmen steht. Wer die Treppe wieder hinablaufen kann, für den geht es aufwärts.

Und die Moral von der Geschicht?

Worauf ich damit hinaus will? Ganz einfach auf zwei Dinge: Zum einen, ein wenig Nachdenklichkeit und Sensibilität zu wecken im Hinblick auf die Schwierigkeiten, in die viele Menschen durch vermeidbare Treppen gebracht werden - in der Hoffnung, dass die Stufen weniger werden und die Mitmenschen mehr, die anderen in solchen Situationen hilfreich "unter die Arme greifen". Zum anderen, denjenigen Mut zum Treppenlaufen zu machen, die - noch!? - in der Lage sind, den Aufzug Aufzug sein zu lassen. Es ist eine Gabe, das zu können, und ein kostenloses Herz-Kreislauf-Training noch dazu. Merke: Der Spruch "Nur die Deppen laufen Treppen" ist längst widerlegt ...
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