Serie "Alt werden": Wenn das Gedächtnis nicht mehr will

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Gerontopsychologin Gabriele Krefting (sitzend) und Maria-Elisabeth Warnecke von der Alzheimer Gesellschaft Hattingen/Sprockhövel im Büro in der Oststraße. Foto: Pielorz
Hattingen: Alzheimer Gesellschaft |

Sie befinden sich in einem fremden Land. Sie verstehen die Sprache nicht, kennen die Gebräuche nicht. Ständig reden Menschen auf Sie ein, versuchen zu erklären und erwarten, dass Sie das verstehen. So fühlen sich Menschen, die eine dementielle Erkrankung haben. „Alzheimer“ ist dabei ein häufiges Beispiel für eine Demenz. Störungen des Gedächtnisses, der Sprache, des Denkens, des Erkennens und der zeitlichen sowie örtlichen Orientierung gehören zum fortschreitenden Krankheitsbild. Die Alzheimer-Gesellschaft Hattingen/Sprockhövel bietet verschiedene Formen der Hilfe für Betroffene und Angehörige an.

„Alt sein heißt nicht, dass andere etwas für mich tun und mich bespaßen müssen“, erklärt Diplom-Sozialarbeiterin und Geschäftsstellenleiterin Maria Elisabeth Warnecke von der Alzheimer-Gesellschaft Hattingen/Sprockhövel resolut. „Das ist oft das Bild von Alter. Irgendjemand organisiert eine Veranstaltung mit Kaffee und Kuchen und einem Programm für die Senioren. Wir meinen: Das ist nur eine Seite der Medaille. Die andere ist, auch im Alter selbst aktiv zu werden. Denn wer seine Ressourcen nicht mehr nutzt, der verliert sie.“
In der Medizin nennt man Alterstipps, um der Demenz vorzubeugen: Bewegung, geistiges Training, ausgewogene Flüssigkeitsbilanz, normales Gewicht, ein stabiles und gutes seelisches Umfeld, Seh- und Hörhilfen (bei Bedarf) und die Beachtung der Wechselwirkung bei Medikamenten – all das kann helfen. Geforscht wird auch an einem Bluttest, der bereits vor Ausbruch der Krankheit Ergebnisse liefern soll. Allerdings ist der Test bis jetzt umstritten und: „Manche wollen diese Diagnose auch gar nicht, denn heilbar ist die Krankheit nicht. Sie kann nur mit Medikamenten etwas gesteuert werden“, so Warnecke. Dies verschaffe in jedem Fall Zeit für bisher ungeklärte Gespräche oder Dinge, die geregelt werden müssten.
In Zahlen und in der Wahrnehmung haben dementielle Erkrankungen zugenommen. „Es lösen sich die Tabus. Man spricht über die Krankheit, es gibt Bücher und Filme, zum Beispiel den bekannten Kinofilm ‚Honig im Kopf‘. Und die Menschen werden älter. Bei den über 90jährigen geht man von einer Alzheimer-Quote von 38 Prozent aus. Das bedeutet aber auch, die meisten sehr betagten Menschen leiden nicht daran“, erklärt Maria-Elisabeth Warnecke.
Doch wie erkennen Angehörige oder Betroffene, dass etwas nicht stimmen könnte? „Wir finden Dinge an Orten, die keinen Bezug zu diesen Dingen haben. Wenn wir beispielsweise Geldbörsen zum Schutz vor Diebstahl Zuhause verstecken, die wir nicht sofort finden, ist das noch nicht schlimm. Entdecken wir sie aber im Kühlschrank, könnte das auf ein Problem deuten. Oder wir vergessen vertraute Namen und können Alltagssituationen nicht mehr lösen. Wir vergessen beispielswiese, wie wir ein bestimmtes Mittagessen gekocht haben, obwohl wir es Jahrzehnte gemacht haben.“

Die Krankheit ist nicht heilbar

Entscheidend ist dabei immer die Frage, was sich im Verhalten des Betroffenen in den letzten Jahren geändert hat. Auch depressive Phasen sollten aufmerksam beobachtet werden, denn sie können ebenfalls im Zusammenhang mit einer Demenz auftreten.
Und dann? „Es ist, wie es ist. Es ist eine Krankheit. Das macht derjenige nicht, um seine Angehörigen zu ärgern. Man muss nun versuchen, trotz allem wertschätzend miteinander umzugehen. Ein bisher ungeklärtes Leben macht dabei eine Demenz schwieriger. Gefühle werden manchmal deutlicher zum Ausdruck gebracht. Der demente Mensch drückt etwas aus, was er sonst vielleicht nicht gewagt hätte. Doch die bisherige Lebensführung bis zu der Erkrankung ist nicht ihr Auslöser.“
Eine Demenz kann übrigens einen Menschen auch zum Positiven in seinem Verhalten verändern. „Wir kennen durchaus Fälle, in denen bisher die Mutter oder der Vater eher unzugänglich waren und durch die Erkrankung plötzlich sehr liebevoll wurden und die erwachsenen Kinder einen völlig neuen Zugang zu ihren Eltern fanden. Deshalb ist es auch unmöglich, einen Zeitpunkt zu benennen, ab wann ein Heimaufenthalt unumgänglich sein wird.“
Nach der Diagnose ist es wichtig, dass jemand da ist, der eine Systematik in die nun auftretenden Fragen der Betroffenen und der Angehörigen bringen kann. Hier bietet die Alzheimer-Gesellschaft Hattingen/Sprockhövel zahlreiche Möglichkeiten:
- Mittendrin im Leben, ein Angebot zur Gedächtnisaktivierung (Gruppentreffen)
- Eva, Atempause für Pflegende (Besuchsdienst von Ehrenamtlichen)
- Kurs „Hilfe beim Helfen“ für pflegende Angehörige
- Gedächtnissprechstunde (kostenloses ärztliches Beratungsgespräch)
- Die bewegte Stunde (für Betroffene und Angehörige)
Die Alzheimer Gesellschaft Hattingen/Sprockhövel ist zu finden in Hattingen, Oststraße 1 (Mo, Di, Mi und Fr 10 bis 13 Uhr sowie den 2. Und 4. Mittwoch im Monat auch von 15 bis 16 Uhr sowie nach Vereinbarung und in Sprockhövel, Hauptstraße 44 (Freiwilligenbörse), jeden ersten Mittwoch im Monat von 15 bis 16 Uhr und nach Vereinbarung. Telefonisch zu erreichen ist die Gesellschaft unter Telefon 02324/685620 und 0157/71357575; E-Mail info@alzheimer-hsp.de.
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2 Kommentare
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Torsten Richter-Arnoldi aus Hattingen | 13.04.2016 | 22:19  
10.194
Dr. Anja Pielorz aus Hattingen | 14.04.2016 | 08:09  
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