Ohne Hemd, aber mit Zylinder

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Sie lassen die Leser an ihren Lebenserinnerungen teilhaben (v.li.): Adele Strunk, Helmut und Inge Matner.Foto: Detlef Erler
Schöne Erlebnisse auf dem Bauernhof, die große Liebe, die Schrecken des Krieges und die alltägliche Arbeit im Bergbau oder in der Bäckerstube. Von all dem erzählt ein kleines Buch, das eindrucksvoll beweist: Die interessantesten Geschichten schreibt das Leben.
Es lohnt sich, sich ein wenig Zeit zu nehmen und seinen Eltern oder Großeltern genau zuzuhören, wenn sie aus ihrem Leben erzählen. Denn diese Erlebnisse sind oftmals viel spannender und lebendiger als das, was wir in irgendwelchen Dokumentationen im Fernsehen sehen. In dem kleinen, aber feinen Buch „Das kann sich heute keiner mehr vorstellen“ sind zwölf Geschichten von Bewohnern aus vier Einrichtungen des ASB in Herne und Gelsenkirchen gesammelt, die auf sehr persönliche Weise die Vergangenheit wieder zum Leben erwecken.
So lernt der Leser zum Beispiel die 96-jährige Elfriede Herzberg kennen. Sie wurde 1923 nach der Besetzung des Ruhrgebiets in das schleswig-holsteinische Dorf Lilienthal geschickt, das sie heute als „flotte Oma“ immer noch besucht . Dort lernte sie das schöne Leben auf dem Bauernhof ebenso wie die unerfreuliche Seite des Schülerdaseins mit einem den Rohrstock liebenden Lehrer kennen. Viel erlebt hat auch das Ehepaar Ingeborg und Helmut Matner. Es spricht von schönen Zeiten wie einer Kutschfahrt am Hochzeitstag. „auch wenn wir kein Hemd am Hintern hatten, ein Zylinder musste sein“, erfährt der geneigte Leser mit einem Schmunzeln. Aber auch düs-tere Erinnerungen wie der Verlust von Helmut Matners rechtem Bein im Zweiten Weltkrieg finden ihren Weg auf die Seiten des Buches.
Zusammengetragen hat die Erinnerungen der alten Leute die Autorin Ulrike Wahl. „Im Kontakt mit älteren Menschen habe ich gemerkt, was für tolle, lebendige Geschichten sie zu erzählen haben“, erklärt sie. Auch ganz persönliche Motive haben für sie als Frau der Generation 50 plus eine Rolle gespielt, da „ich mich den Generationen vor mir verbunden fühle“.
Mit ihrer Idee wandte sich Ulrike Wahl an den ASB, wo sie offene Türen einrannte. „Das Buch präsentiert ein kleines Stück Ruhrgebietsgeschichte“, lässt Albert Okoniewski wissen. „Es ist etwas Einzigartiges“, fügt er zufrieden hinzu.
Die Ausgangsfrage war für Ulrike Wahl eigentlich ganz einfach: „Wenn sie auf ihr Leben zurückblicken, was ist ihnen besonders wichtig?“ Schnell sei klar geworden, dass sich besonders Erlebnisse aus Kindheit und Jugend ins Gedächtnis gebrannt haben. Doch war diese eben „geprägt durch Krieg, Hunger und Not“. Und so finden sich die heiteren und glücklichen Erinnerungen neben Schilderungen von Angst und Gewalt. Die ganze Bandbreite des Lebens in kleinen, persönlichen Geschichten. „Das war nicht immer einfach und ein hartes Stück Arbeit“, bekennt die Autorin
Unterstützt wurde Ulrike Wahl von der Fotografin Brigitte Kraemer. Ihre Bilder der erzählfreudigen Senioren ergänzen die Geschichten. Ebenso wie alte Aufnahmen aus dem Privatarchiv der alten Leute. Das Werk wurde nun in der Alten Druckerei im Rahmen einer Lesung vorgestellt, bei der Till Beckmann vom theaterkohlenpott die Geschichten gekonnt vortrug. Wer sich ein Exemplar des lesenswerten Werkes sichern möchte, muss sich sputen. Denn es ist in kleiner Auflage ausschließlich bei Koethers & Röttsches zu haben.
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