Ein einziges Foul änderte sein Leben

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Michael Schlein auf dem Platz des VfB Lünen.
 
„Wieder arbeiten gehen im alten Beruf und irgendwann schmerzfrei eine Runde um den Platz joggen“, lauten Michael Schleins Ziele.
 
Ein Bild aus unbeschwerten Tagen: Michael Schlein vor seiner Verletzung, hier im Derby gegen den ATC Brambauer.
Lünen: Fußballplatz VfB Lünen | Innerhalb von Sekunden änderte sich für Michael Schlein alles. Mit einem einzigen an ihm begangenen bösen Foul im Kreisliga-A-Spiel VfB Lünen gegen VfL Kemminghausen. Der Fall des damals 32-jährigen Spielmachers zeigt auf traurige Weise, welche dramatischen Folgen Gewalt und überhartes Spiel im Amateurfußball haben können.

Die Nachricht im Fall Michael Schlein, die in Deutschland durch zahlreiche Medien, wie u.a. RTL,WDR und BILD ging, war das Urteil des Oberlandesgerichts Hamm im November 2012. Das Gericht hatte dem Lüner Fußballer 50.000 Euro Schmerzens- und Ausfallgeld zugesprochen. Die Haftpflicht des Gegenspielers zahlte.

Dies ist aber nur ein kleiner Abschnitt von Michael Schleins Leidensweg, der am 18. April 2010 begann und nach mittlerweile 18 Operationen immer noch nicht beendet ist. Jetzt hofft der 35-Jährige auf seine letzte, die 19. Operation und dass ihm ein „Allograft“, ein Band eines Toten, in das lädierte linke Knie eingesetzt wird.

Immerhin war das Schmerzensgeld eine positive Nachricht. Denn das Geld deckt Kosten, die Schlein entstanden sind durch Arbeitsverlust und Reisen zu Operationen.
Der Tritt, der ihn aus seinem bis dato normalen Leben beförderte, geschah am 18. April 2010. Der VfB Lünen (der Heimatverein des bekannten Spielers Timo Konietzka, der das erste Tor der Bundesliga schoss) hätte damals nur noch mit sehr viel Glück aufsteigen können. Für den Dritten Kemminghausen, übrigens Heimatverein des BVB-Profis Kevin Großkreutz, ging es um rein gar nichts mehr. Umso unverständlicher scheinen die Ereignisse in der 65. Minute des Spiels.

Die linke Kniescheibe wird herauskatapultiert, alle Bänder reißen

Der VfB führt 2:0, als Schlein den Ball in einem Zweikampf wegspitzelt. Der besagte Dortmunder Gegenspieler stößt plötzlich dazu und erwischt den bereits am Boden liegenden Lüner aus vollem Lauf und mit gestrecktem Bein. Schleins linke Kniescheibe wird herauskatapultiert, alle Bänder reißen. Knorpel und Meniskus sind zerschmettert. Unfallchirurg Ludger Meyer aus Lünen, der den Verletzten zunächst operierte, hatte ein solch demoliertes Sportlerknie noch nicht gesehen.

Dass es bis heute keine Entschuldigung des Verursachers gab, und dass Zuschauer Michael Schlein später berichteten, wie der Gegenspieler noch geklatscht habe, als Schlein mit dem Krankenwagen abtransportiert wurde, macht das Bild des Fouls nicht besser. „Dazu soll er noch gesagt haben: Wir haben zwar verloren, aber einen von den ins Krankenhaus getreten“, sagt Schlein, der mit dem Urteil den Fall aber endgültig für sich abgeschlossen hat. Das Gericht gab dem Lüner recht, das Foul wurde ohne Rücksicht auf die Gesundheit des Gegners ausgeführt.

Das Schmerzensgeld aber wiegt keineswegs die schweren Folgen des Fouls auf. Michael Schlein ist gelernter Malergeselle, jetzt jedoch arbeitsunfähig. 16 Jahre arbeitete er zuvor in dem Beruf. Er lebt nun von Hartz IV, Umschulungen sind noch nicht möglich, da er sich mindestens einer Operation am 24. Oktober unterziehen muss. Sportinvalide ist er ohnehin. „Ich habe das Knie eines 65-Jährigen mit schwerer Arthrose. Ein guter Tag ist ein schmerzfreier Tag. Die Lebensqualität ist eine ganz andere“, weiß er aus leidvoller Erfahrung zu berichten. „Hängenlassen geht nicht, man muss sich durch die harte Reha kämpfen.“ Die nächste Reha nach der hoffentlich letzten Operation läge auch wieder im Bereich von neun Monaten.

Unterstützung gab es besonders von Frau Stefanie und Sohn Fabian (13), natürlich auch Jugend-Spieler beim VfB. „Die Familie ist zusammengewachsen“, sieht Schlein einen positiven Effekt, der auch besonders wichtig war. Und auch der Verein war ein starker Rückhalt, nicht nur wegen einer großen Benefizaktion, bei der Geld gesammelt wurde.

Nach dem Foul hatte Schlein noch gedacht: „Nach einer Operation und neun Monaten Aufbautraining kann ich wieder Fußball spielen.“ Mittlerweile hat er 18 Operationen hinter sich. Darunter auch die, die sein Bein rettete. „15 Minuten später und wir hätten den Unterschenkel amputieren müssen“, sagte ihm der Chirurg Meyer damals. „Das war der Moment, wo ich mir überlegt habe, den Verursacher des Fouls zu verklagen. Es sollte ein Denkzettel für ihn sein und er sollte sich mit dem Fall befassen. Mich so zu foulen, dass ich fast das Bein verliere“, erinnert sich Schlein.
Überharte Fouls und Aggressionen sind im Amateurbereich, wo es eigentlich um den Spaß am Fußball und ein bisschen Bewegung gehen sollte, keine Seltenheit. Wie schlimm es kommen kann, hat Schlein am eigenen Leib erfahren und erfährt es immer noch.

Beim VfB Lünen hat jedenfalls ein Umdenken stattgefunden. „Klar, der Sport ist schneller geworden und Fouls gehören dazu, auch ich habe früher viel gefoult. Aber jetzt bekommen wir kaum gelb-rote Karten. Wir sind fair und haben uns den passenden guten Ruf dazu schwer erarbeitet. So soll es sein. Und absichtlich verletzen sollte man ohnehin niemanden“, sagt Schlein, der jetzt mehr auf überharte Fouls der Gegner achtet. „Einige sind hart an der Grenze. Man muss auch sagen, dass es die Schiris sehr schwer haben. Ob diese harten Fouls zunehmen, kann ich nicht sagen. Aber einige übertreiben es einfach.“

Seinen Humor hat „Schleini“, wie man ihn beim VfB nennt, jedenfalls nicht verloren. „Mein rechter Fuß ist seitdem besser geworden“, scherzt der 35-Jährige, der die Herren des VfB coacht. Wenn der Trainer wegen der Operation ausfällt, springen Vorgänger Andreas Roch und die Spieler Michael Steinhofer und Patrick Klink ein. So sieht Zusammenhalt aus.

INFO:

Fußball im Amateurbereich. Das ist Spaß am Sport, Bewegung, Vereinsleben, Miteinander. Und wenn es gut läuft, sogar ein paar sportliche Erfolge. So sollte es zumindest sein.

Ein aktuelles Thema im Amateurbereich ist aber Gewalt auf Fußballplätzen. Das betrifft Spieler, Schiedsrichter und auch Zuschauer. Im Rahmen der Initiative „Das geht uns alle an“ des Bundesverbandes Deutscher Anzeigenblätter (Der Lüner Anzeiger gehört zum Bundesverband Deutscher Anzeigenblätter BVDA) griffen wir deshalb das Thema anhand der Geschichte des VfB-Spielers Michael Schlein auf.


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