51. Grimmepreis: Der Sonderpreis Kultur des Landes NRW

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Vier Jahre lang hat eine Mädchenclique ihren Alltag gefilmt. Entstanden ist ein Generationenporträt. (Foto: 3 sat)
 

Der Sonderpreis Kultur des Landes NRW 2015 wird vergeben an Peter Göltenboth (Buch/Regie) Anna Piltz (Buch/Regie) für Ab 18! 10 Wochen Sommer (ZDF/3sat) Eine Produktion von pet&flo directors. Der Film wird am Freitag, 27. März, 0.05 Uhr in 3 sat nocheinmal gesendet.

Im Rahmen des 51. Grimme-Preises wird durch das Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport ein Sonderpreis Kultur des Landes Nordrhein-Westfalen vergeben werden. Er geht an eine Produktion, die wegen ihrer vorbildlichen ästhetischen, informativen, orientierenden und emotionalen Qualitäten zur spezifischen kulturellen Bildung von Kindern beiträgt. Besonders gewürdigt werden können dabei Produktionen, die die mediale Kompetenz und die Weiterentwicklung medialer Formen fördern.

Der Inhalt von "10 Wochen Sommer"

Die letzten Tage des letzten gemeinsamen Sommers sind vorbei und damit auch die gemeinsame Zeit. In selbstgedrehten, intimen Bildern zeigt "10 Wochen Sommer" Eindrücke einer Mädchenfreundschaft, die sich entwickelt und vergeht, bis allen nur noch der Blick zurück bleibt. Vier Mädchen, die ungefähr
sechzehn sind, als sie sich kennenlernen. Drei Jahre lang sind sie unzertrennlich. Gemeinsam erleben sie Berlin bei Tag und bei Nacht. Sie hängen in Parks ab, sonnen sich auf Hausdächern und gehen in Klubs feiern. Sie lernen sich selbst kennen und finden die eigenen Grenzen.
"10 Wochen Sommer" ist ein fiktionales, dokumentarisches Projekt, das über den Zeitraum von vier Jahren entstanden ist und in den ungefilterten Bilderwelten der Jugendlichen die Atmosphäre einer Freundschaft einfängt. Im Sommer 2010 haben die Regisseure Peter Göltenboth und Anna Piltz zehn
kleine Kameras an Berliner Jugendliche verteilt, die damit ohne klare Vorgabe anfingen ihren Alltag zu filmen. Gleichzeitig konnten sie Tagebucheinträge posten und so von ihren tagtäglichen Freuden und Sorgen erzählen. Nach vier Jahren waren von ihnen noch Helene Bukowski, Jorinde Sturm, Tatjana
Schulte und Isabella Braband übrig geblieben, die das Projekt von Anfang bis Ende mit gestaltet haben.

Die Begründung der Jury:

Schlampige Bilder, launige Gesprächsfetzen, angedeutete Exzesse, die Dramaturgie lose. Selbst die „Wirklichkeit“ ist in diesem Dokumentarfilm nur in Spuren nachzuweisen. Als Kondensat einer Lebensphase, fiktiv und konstruiert, wie der Film am Ende verrät. Die insgesamt 45 Minuten sind keine
leichte Kost, soweit besteht Konsens bei der Auswahl von „10 Wochen Sommer“ als Preisträger.
Der nicht zu unterschätzende Rest polarisiert und erhitzt die Gemüter – auf höchst produktive Weise. „10 Wochen Sommer“ ist kein Dokumentarfilm, der durch Beobachtung, Reflexion oder Durchdringung seiner
Protagonisten brillieren will. Der Film ist ein Sog. Das Dokument eines Gefühls, die Komposition eines Zeitgeists, einer Wirklichkeit, die untrennbar mit Jugend und Jugendkultur verknüpft ist und sich schon allein deswegen konventionellen Erzählformen verweigern muss. Dass dies gelingt, verdankt er einem zu hundert Prozent sicheren Gespür für Musik, Rhythmus und
Atmosphäre. Material aus über 1500 Filmclips – ohne Vorgaben von den Protagonistinnen über 3 Jahre gedreht – wurden in der Montage gebändigt. Eine fiktionale Erzählerin führt, basierend auf den Tagebucheintragungen der vier jungen Frauen, den Zuschauer durch die Höhen und Tiefen des
jugendlichen Leichtsinns. Zwischen Einsamkeit in der Großstadt, Grenzüberschreitungen und Drogenexzessen, den magischen Nächten im Rausch und spielerischen Nachmittagen im Park wächst und zerbricht Freundschaft. Der Zuschauer begleitet die vier am Ende ihrer Schulzeit und irgendwie liegt dabei etwas Besonderes in der Luft.
Das auf den ersten Blick flüchtige Portrait einer Mädchenclique offenbart sich mehr und mehr als komplex gebaute dokumentarische Verdichtung. Alltagsbilder, so schlicht wie scheinbar echt, verlieren in der fiktionalen Konstruktion ihre Unschuld: Was heißt hier Authentizität? Wer spricht? Ein Dokument –wovon? Der Ambivalenz zwischen erklärter Inszenierung und gefühlter Evidenz muss sich der Zuschauer stellen. Nicht die schlechteste Einladung, die ein Dokumentarfilm aussprechen kann.
„10 Wochen Sommer“ macht Hoffnung. Nicht nur weil eine Redaktion den Mut unter Beweis stellt, mit der Reihe „Ab 18!“ ein längst verloren geglaubtes Publikum anzusprechen und sprechen zu lassen. Sondern viel mehr noch, wie sie das tut: ohne jugendliches Gehabe, ästhetisches Anbiedern oder pädagogischen Zeigefinger. So könnte ein Fernsehen für junge Erwachsene aussehen. Das ist ganz und gar ausgezeichnet.
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