Grundlos vergnügt

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  • Foto: Bildrechte bei "shutterstock" käuflich erworben
  • hochgeladen von Femke Zimmermann

Sport ist Mord. Ja.
Aber manchmal muss ich genau das haben:
Ich schnür‘ die Schuhe und laufe los. Hasse den Gegenwind, der mir den Atem raubt, die Hundekacke, die mir in den Weg gelegt wurde, die stinkenden Autos, den peitschenden Regen, die blendende Sonne. Ich hasse all das und noch viel mehr und renne und renne, bis ich das Gefühl habe sterben zu müssen und dann …

… dann kann ich auch wieder lieb sein.
Ich habe auch das oft genug gehasst, dass ich so freundlich bin, ein Strahlemensch, ein Lebenskünstler, nicht weil es mich Mühe kostet, sondern einfach weil ich dadurch in schwierigen Situationen manchmal ein Quäntchen Aufmerksamkeit verpasst habe.

Da sitze ich nun auf meinem Heimtrainer voller Wut: Ich hasse Glatteis, weil ich dann nicht die Schuhe schnüren und den Wind und die Hundekacke hassen kann, bis ich das Gefühl habe sterben zu müssen. Ich sehe dabei fern, um mich vom gezielten Auf-der-Stelletreten abzulenken.

Eine Reportage über eine alte Frau in einem Altersheim. Eine Frau aus einem anderen Jahrtausend. Sie erzählt von einem Leben voller Entbehrungen, vom Krieg und von einem Leben mit einem kranken Mann, ohne Kinder, so als wäre es ein Reichtum. Sie macht kein Hehl daraus, dass ihr Lachen strategisch ist.
In allem ist es die Aufrichtigkeit, mit der diese Alte durch jedes ihrer Worte besticht.

Vierzig Minuten später, als Frau Libbert mit 104 Jahren stirbt, bin ich zwanzig Kilometer auf der Stelle getreten und habe doch das Gefühl einen großen Schritt weiter zu sein.

Ich bin
Sozusagen grundlos Vergnügt
von Mascha Kaléko

Ich freue mich,
dass am Himmel Wolken ziehen
und dass es regnet,
hagelt, friert und schneit.

Ich freue mich auch zur grünen Jahreszeit,
wenn Heckenrosen und Holunder blühen.
Dass Amseln flöten,
und dass Immen summen,
dass Mücken stechen
und dass Brummer brummen.
Dass rote Luftballons ins Blaue steigen.
Dass Spatzen schwatzen.
Und dass Fische schweigen.

Ich freue mich,
dass der Mond am Himmel steht,
und dass die Sonne täglich neu aufgeht.
Dass Herbst dem Sommer folgt
und der Lenz dem Winter,
gefällt mir wohl. Da steckt Sinn dahinter,
wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht sehen.
Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehen!

Ich freue mich.
Das ist des Lebens Sinn.
Ich freue mich vor allem,
dass ich bin.
In mir ist alles aufgeräumt und heiter:
Die Diele blitzt. Das Feuer ist geschürt.
An solchem Tag erklettert man die Leiter,
die von der Erde in den Himmel führt.

Ab Ende Januar auf DVD erhältlich: Tage mit Goldrand.

Autor:

Femke Zimmermann aus Düsseldorf

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