Auf die grüne Insel

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Puh, war das in diesem Sommer eine Hitze in Deutschland. Da freuten wir uns auf die bevorstehende Abkühlung in England, Wales und Irland. Der Norden versprach kühle Seeluft, englischen Nieselregen mit erfrischenden Temperaturen und häufige Kalt-Wasser-Duschen auf der grünen Insel.
Soweit, so Vorurteil: täglicher Sonnenschein und warme Sommertage ließen uns nicht nur die ersten Tage durch England und Wales in der Motorradkluft schwitzen. Auch in Irland benötigten wir keine Regensachen und der Motorkühler sprang jeden Tag an.
Da war es wichtig, viele Trinkpausen und Fotostopps einzulegen. Motive gab es reichlich: Schlösser und Burgen, alte Abteien und Friedhöfe, mystische Steinkreise verteilten sich in einer wunderschönen, abwechslungsreichen Landschaft mit imposanten Steilküsten, Leuchttürmen, Wasserfällen und hohen Berggipfeln. Wir steuerten auch einige Filmspots an, wie Moby Dick, Star Wars, Harry Potter, Vikings, Excalibur, Games of Thrones.
Bisher war Schottland ja auf der Rangliste unserer beliebtesten Reiszielen ganz weit oben zu finden, doch Irland schickte sich an, Schottland diesen Rang abzulaufen – jeden Tag ein Stückchen mehr.
Vor allem, als es in die Berge ging, wo uns fantastische Ausblicke auf karge Berglandschaften, tiefblaue Seen und imposante Wasserfälle erwarteten. Nach schwungvoller Auffahrt ruhten unsere Motorräder auf einsamen Schotterplätzen, direkt vor einem Wasserfall oder mit weitem Blick aufs blaue Meer, auf hohe Steilküsten oder sogar auf Schiffswracks.
Dann wieder tuckerten unsere Transalps durch Dörfer mit uralten Kirchen und noch älteren Ruinen. Einmal parkten wir unsere Motorräder vor einer großen alten Abtei und ließen uns von den Gesängen anlocken, bis wir uns mitten in einer Totenmesse wiederfanden.Der Anstand ließ uns ausharren, bis wir so leise wie möglich von dannen rollten.
Doch nicht nur die Natur konnte uns faszinieren. Auch die Menschen begeisterten uns mit ihrer lockeren, höflichen, liebenswerten Art, wie wir es allabendlich in den gut besuchten, gemütlichen Pubs erleben durften. Hier ging es feucht-fröhlich her. Musik war immer dabei, genauso wie die Kinder, trotz Whiskey und Guiness. Wurde nicht musiziert, dann wurde gerätselt. Quiz-Spiele waren sehr beliebt, auch ohne Millionär. Von all dem bekamen unsere Motorräder nichts mit, weil sie sich meistens auf bewachten Hotelparkplätzen von ihrer anstrengenden Fahrt rauf und runter und hin und her erholen konnten. Übernachtungen sind in Irland kein Schnapper, dafür aber authentisch und oft auch historisch interessant.
Richtig schön – nicht nur in den üppigen Hotelparks – sind die Gärten, verwöhnt durch Sonne und normalerweise regelmäßige Feuchtigkeit von oben. Dank Golfstromeinfluss wachsen hier neben den obligatorischen Rosen und Sommerblumen in Hanging Baskets sogar mediterrane Pflanzen, wie Palmen oder Geranien und Fuchsiensträucher – und das in jedem Vorgarten.
Geradezu ergreifend war der Titanic-Memorial-Garden in Cobh, dem letzten Anlegepunkt der Titanic.
Auch sportlich lernten wir Neues kennen: Hurling, eine sehr körperbetonte Symbiose aus Hockey und Football, ist in Irland so verbreitet wie bei uns Fußball-spielen.
Ja auf der Insel ist so einiges anders: Hatten wir unsere Navis in England auf Meilen und Yards umgestellt, rechnet und zählt man in Irland wieder in Kilometern und Metern, und zahlt wieder mit Euro. Nur gefahren wird auch hier auf der linken Straßenseite. Daran gewöhnten wir uns schnell, noch in Übung von unserer Australien-Tour. Trotzdem ließ uns unser Gewohnheitshirn manches Mal zusammenzucken, wenn auf den engen Single-Tracks-Roads plötzlich ein Hindernis auftauchte. Alle Straßen sind hier von hohen Hecken umzäunt, so dass sich Fußgänger, Schafe und vor allem die Radfahrer allenfalls erahnen lassen. Letztere zählen auf Irlands Straßen und Wegen sowieso zur bedrohten Spezies.
Eine besondere Herausforderung stellten die Kreisverkehre dar. Nicht nur, dass sie „falsch“ herum zu durchfahren sind und man dem von rechts kommenden rotierenden Verkehr Vorfahrt zu gewähren hat, die Kreisverkehre in der Nähe größerer Orte sind einfach nur riesig, beziehen manchmal auch Brücken und Unterführungen mit ein und gehen ineinander über. Der Blinker wird beim Rein- Durch- und Rausfahren eifrig in allen Richtungen gesetzt. Ein Hoch auf den hilfreichen Fahrspurassistenten in unserm neuen Navi und die Geduld und Rücksichtnahme der Iren.
Nach zwei fantastischen Wochen schipperten wir – nach einigem hin und her wenigstens auf ein und demselben Schiff - zurück nach Wales und England. Hier holten wir einiges Wissen über Shakespeare nach, besuchten Cambridge und Bury St. Edmund und konnten unserer Sammlung an Rennstreckenbesuchen eine weitere Traditionsstrecke, nämlich Silverstone hinzufügen. Schwungvoll genossen wir die letzten Urlaubstage durch die sanften englischen Hügel zurück an die Küste. In 8 Stunden entspannter Fahrt auf glatter See gönnten wir uns den Komfort einer Kabine, stellten uns und unsere Maschinen wieder auf Euro, Kilometer und Rechtsverkehr um und kamen ohne Probleme und Pannen, ohne Umfaller oder Missgeschicke und ohne Wetterkapriolen, dafür mit Motorradkoffern und Speicherkarten voller Eindrücke genauso trocken und aufgewärmt wieder zuhause an, wie wir losgefahren waren.

Autor:

Birgit und Ignatz Haan aus Emmerich am Rhein

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