Rund 1000 Personen - Kinder und Frauen - bekommen Angebot zur Blutuntersuchung
PCB-Skandal in Ennepetal weitet sich aus

Ernste Mienen bei v.l. Landrat Olaf Schade, Amtsärztin Dr. Sabine Klinke-Rehbein und Wolfgang Flender, FB Umwelt.
  • Ernste Mienen bei v.l. Landrat Olaf Schade, Amtsärztin Dr. Sabine Klinke-Rehbein und Wolfgang Flender, FB Umwelt.
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Rund 1000 Kinder und Frauen im gebärfähigen Alter, die in Ennepetal in Oelkinghausen und Büttenberg leben, erhalten ein Angebot zu freiwilligen Blutuntersuchungen im Hinblick auf die PCB-Belastungen. Außerdem gelten weiterhin Verzehrempfehlungen für Blattgemüse. Die als Verursacher vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (LANUV) benannte Firma BIW Isolierstoffe GmbH mit Sitz im Gewerbegebiet Oelkinghausen hat am 13. Januar 2020 einen Anhörungsbogen vom Ennepe-Ruhr-Kreis erhalten mit der Frist zum Monatsende, sich zu verbindlichen Angaben im Hinblick auf die Reduktion der PCB-Emissionen zu äußern. Ebenso erhielt das Unternehmen eine Ordnungsverfügung, notwendige Unterlagen zur Verfügung zu stellen. Eine weitere Bürgerversammlung Anfang Februar ist in Planung.

Kurzer Rückblick auf die Ereignisse: Im Oktober 2018 wurde im Gewerbegebiet Oelkinghausen in Ennepetal ein Niederschlag in Form weißer, schneeähnlicher Flocken festgestellt. Proben wurden an das Landesumweltamt (LANUV) geschickt. Im März 2019 wurde PCB festgestellt. Das Ergebnis setzte weitere Maßnahmen in Gang wie ein Löwenzahnblätter-Screening, Grünkohlproben sowie Emissions- und Bodenmessungen. Nach den ersten Ergebnissen der Löwenzahnproben im September 2019 wurde eine vorsorgliche Verzehrempfehlung von Obst und Gemüse aus dem heimischen Garten in den Stadtteilen Oelkinghausen und Büttenberg abgegeben. Jetzt bestätigen die Ergebnisse der Grünkohlproben die Belastung durch PCB. Insgesamt gab es sechs Messpunkte. Vor allem am Messpunkt zwei wurde ein 14fach über dem NRW-Hintergrundwert liegendes Ergebnis festgestellt. An zwei weiteren Messpunkten liegen die Werte um das 3,5fache über dem Hintergrundwert. Daher gibt es Verzehrempfehlungen von Blattgemüse wie Grünkohl, Mangold oder Spinat in den Bereichen Oelkinghausen, Scharfenberger Straße und – differenziert – auch in Büttenberg. Blattgemüse gilt deshalb als besonders problematisch, weil PCB zu neunzig Prozent über die Nahrung aufgenommen wird und dies über die Blätter besonders gut möglich ist.
Wie geht es weiter? Es werden in 2020 zwei weitere Grünkohluntersuchungen zwischen Mai und August sowie zwischen August und November erfolgen. Außerdem gab der EN-Kreis bekannt, dass die Messpunkte angepasst und erweitert werden. Zudem finden Luftmessungen und Staubdepositionsmessungen am Büttenberg statt, letztere auch im Gewerbegebiet Oelkinghausen. Außerdem, so macht Amtsärztin Dr. Sabine Klinke-Rehbein deutlich, will man einem Teil der betroffenen Anwohner das Angebot einer Blutuntersuchung und der Beratung machen. Schließlich, so die Fachfrau, wurde PCB 2013 als krebserregend für den Menschen eingestuft. Auch außerhalb von Krebs gilt PCB bei lang andauernder Belastung als Mitverursacher von gesundheitlichen Schäden am Nerven- und Immunsystem. Über eine spezielle Blutuntersuchung kann die gesundheitliche Belastung nachgewiesen werden. Die ist übrigens nicht preiswert. Etwa 1000 Euro pro Probe wird die aufwändige Analyse kosten. „Doch die Gesundheit steht nun einmal an erster Stelle“, so die Ärztin. Der ebenfalls anwesende Veterinär kann für die Haustiere Entwarnung geben. Auch bei den gewerblichen Tierhaltern konnten bei Analysen von Rohmilch, in einem Schlachthof und bei Futtermitteln keine Auffälligkeiten entdeckt werden. Im Hinblick auf die Kosten könnten auf den Verursacher BIW erhebliche Regressforderungen zukommen. Das LANUV hat sich klar festgelegt und sieht die Firma im Gewerbegebiet Oelkinghausen als alleinigen Verursacher an. Das 1971 gegründete Unternehmen mit Standorten in China, Polen und Ennepetal gehört mit 78 Millionen Euro Umsatz zu den Marktführern in der Silikonverarbeitung und ist unter den Top 3 Anbietern für Kabelschutz-Systeme. Schon 1995 hat das Unternehmen erklärt, PCB 47 werde produktionsbedingt freigegeben, allerdings in sehr geringen Mengen. PCB steht für Polychlorierte Biphenyle, ist nicht natürlichen Ursprungs und gehört zu den 15 giftigsten Substanzen. Es gibt 209 chemische Verbindungen. Sie wurden bis zum Verbot 1989 als Weichmacher und Brandverzögerer für Lacke, Farben, Beschichtungen, Klebstoffe, Dichtungsmassen, Kunststoffe, Kabelisolierungen und Verpackungsmittel verwendet.

Verursacher ist für das LANUV die Firma BIW

Für PCBs gibt es keinen Emissionsgrenzwert. Es gilt nur ein Emissionsminimierungsgebot. Genau hier wird jetzt angesetzt, wobei Wolfgang Flender von der Kreisverwaltung, FB Umwelt, deutlich macht: „Alle Maßnahmen müssen sich in einem klaren Rechtsraum bewegen.“ Deshalb sei es eben nicht so einfach. Die PCB-Emissionen bei einem silikonverarbeitenden Betrieb stellten für die Umweltbehörden eine Problemlage dar, die bislang so nicht bekannt gewesen sei. Das müsse zwangsläufig sowohl aus Landes- als auch auf Bundesebene eine neue Bewertung dieser Produktionsbranche zur Folge haben. Insbesondere das Abgas des untersuchten Temperofens in dem Unternehmen weise entgegen den von der Firma prognostizierten Werten um den Faktor 1000 erhöhte Gehalte an PCB 47 auf. Dieser Wert spiegele nicht die Gesamtemissionen wieder, da eine Vielzahl von Anlagen betrieben werde.
Das Familienunternehmen in der dritten Generation mit 500 Mitarbeitern am Standort Ennepetal betont hingen, man sei sich der Verantwortung bewusst und wolle zur Aufklärung beitragen. Bei der Bürgerversammlung Ende 2019 war die Geschäftsführung um Geschäftsführer Ralf Stoffels, der im September 2019 einstimmig für weitere drei Jahre zum Präsidenten der SIHK gewählt wurde und mit dem Marketingpreis des Marketing Clubs Südwestfalen ausgezeichnet ist, vor Ort.
Landrat Olaf Schade bemängelte auf der Pressekonferenz erneut – wie schon im November 2019 - die mangelnde Kooperation der Firma. Man müsse sich Unterlagen mühselig erkämpfen, statt sie einfach ausgehändigt zu bekommen.
Sollten Bürger Fragen zu den Verzehrempfehlungen oder gesundheitlichen Aspekten haben, ist das Gesundheitsamt unter Telefon 02336 930 zu erreichen. Die Kreisverwaltung wiederholt auch den Aufruf an die Bürger sich zu melden, wenn im genannten Bereich erneut weißliche Partikelniederschläge festzustellen sind. Hinweise auf Partikel nimmt die Stadt Ennepetal unter der Telefonnummer 02333/979 0 entgegen.
PCB sorgte schon öfter für Schlagzeilen. Der Envio-Skandal hat 2010 ganz Dortmund in Aufregung versetzt: Der PCB-Wert rund um den Firmensitz im Hafen war 150-mal höher als erlaubt. Mitarbeiter waren vergiftet, Kleingärtner mussten ihre Ernte vernichten. Der Betrieb wurde geschlossen. Soweit ist man in Ennepetal allerdings nicht.

Autor:

Dr. Anja Pielorz aus Hattingen

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