Ruhrtriennale 2019: Stefanie Carps zweite „Zwischenzeit“ überzeugte auch den Ministerpräsidenten
Großartige Künstler, schwere Themen – aber auch: Versöhnung und Glück

Christoph Marthaler nutzte das Uni Audimax als perfekte Kulisse für seine Inszenierung "Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend". Pressefoto Ruhrtriennale 2019 / Matthias Horn.
  • Christoph Marthaler nutzte das Uni Audimax als perfekte Kulisse für seine Inszenierung "Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend". Pressefoto Ruhrtriennale 2019 / Matthias Horn.
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METROPOLE RUHR. Im letzten Jahr hatte Ministerpräsident Armin Laschet, abgeschreckt von einer sich immer mehr verhärtenden, irrationalen Debatte über eine Band-Gastspiel-Einladung noch mit seiner Ruhrtriennale gefremdelt und bewusst keine einzige Premiere dieses NRW-Festivals besucht.

Neu im Amt war 2018 auch die erste Frau an der Spitze der Ruhrtriennale: Intendantin Stefanie Carp, die - jahrelang gewohnt, auf hohem Kunst-Niveau mit inhaltlicher Brillanz zu überzeugen - im rauen Revier nur knapp nicht unterging. Die namhafte Dramaturgin hatte in ihrer Theaterlaufbahn schon mit einigen „Regie-Animals“ zurecht kommen müssen, jeweils stolz aber eher bescheiden im Hintergrund wirkend.

Die Front-Reihe war und ist Carp immer noch ein bisschen fremd: Sie will - und konnte jetzt - durch ihre Arbeit überzeugen. Das ist auf jeden Fall sympathisch, doch um Wirkung zu entfalten, braucht es neben Raum, Zeit und Geld oft auch die Qualität der Offensive. Doch Auftrumpfen ist Stefanie Carps Sache nicht. Obwohl sie es auf ihre Weise dieses Jahr durchaus tat.

Eröffnungs-Regie Christoph Marthaler im Uni-Audimax:

Auf seine Frohnatur-Art beeindruckt von der aufwühlenden Eröffnung „Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend." legte Laschet sein vorbereitetes Rede-Manuskript zur Seite und zeigte sich emotional und menschlich.

Der raue Beton-Charme des 1700-Plätze-Audimax der Uni Bochum war perfekt als fast leeres „Parlament der Zukunft“: Regisseur Marthaler ließ wenige seltsame Abgeordnete auf 200 Jahre Holocaust zurückblicken und grotesk den Rassismus zum UNESCO-Weltkulturerbe erklären. Text-Auswahl diesmal wie früher: „Produktions-Dramaturgin“ Stefanie Carp.

Böses altes Herrenmenschen-Getöse u.a. aus Reden von Wiens Bürgermeister Lueger zur „Judenfrage“ (Ende 19. Jhdts.), heutiges Gestriges von Gauland, Orban, Salvini sowie FPÖ-„Politikern“ der früheren „Ostmark“ wurde konfrontiert mit Musik jüdischer Komponisten, die von den Nazis verfolgt und bis auf wenige Ausnahmen im KZ ermordet wurden. So blieb selbst leichte, beschwingte Caféhaus-Komposition im Halse stecken. Kalt gelassen hat das wohl Keinen im Riesensaal. Der lang anhaltende Applaus für Regie, Musiker und so überzeugende Darsteller wie Josef Ostendorf war ernst, traurig und sehr betroffen.

Stefanie Carp zieht eine positive Bilanz:

Zu den meist besuchten Aufführungen gehörten neben Marthalers Opus das „All the Good“ von der Needcompany, Kornél Mundrucszós Ligeti-Inszenierung „Evolution“, Heiner Goebbels „Everything that Happened und Would Happen“ sowie „Dido and Aeneas, Remembered“. Mehr als 60.000 Besucher kamen, mehr als die Hälfte nutzte kostenlose Angebote: 27.000 verkaufte Tickets erreichten Auslastung von 80 % . Stefanie Carp zog einige Tage vor ihrem Schluss-Highlight positive Bilanz: „Wir haben viele ungewöhnliche Kreationen gezeigt, die eine starke künstlerische Energie haben, sich mit unserer Gegenwart auseinander zu setzen. Und lebendige und kontroverse Diskussionen auslösen“. Kann man wohl sagen!

Zum Finale eine grandiose Welturaufführung:

„LOVE – Chapter 3: The brutal Journey of the Heart“. Tanztheater der israelischen Choreografin und Vorjahres-FAUST-Preisträgerin Sharon Eyal. In der Jahrhunderthalle eroberte ihre L-E-V Dance Company (Lev = hebräisch Herz) das Triennale-Publikum im Sturm. Staunen, Freude und Bewunderung für die überwältigende Körperkunst unglaublicher Tänzer und Tänzerinnen. Die zudem in Kostümen von Maria Grazia Chiuri von Christian Dior Couture glänzten. Stehender Jubel-Applaus als Höhepunkt von Stefanie Carps Triennale-Jahr Nr. Zwo.

Autor:

Caro Dai aus Essen-Werden

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