Bibel, Bock und Harkort

Stadtarchivar Dr. Dietrich Thier
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Der erste Teil meines Spazierganges durch die Freiheit Alt-Wetter mit Stadtarchivar Dr. Dietrich Thier endete auf dem Aussichtpunkt an der Burgruine, wo nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges die Stadt Wetter den Amerikanern übergeben wurde. Von dort geht es nun in Richtung der Ev. ref. Kirche.

Seit 1499 existieren Inventare der Burg Wetter, sie liegen im Landesarchiv Münster. So wissen wir, dass die Burg im Jahr 1569 etwa über ein Küchengebäude, ein Backhaus, eine Schreibkammer, einen Pferdestall, eine Wache und eine Mühlenkammer verfügte.
Weiter sind auch 20 Betten aufgeführt. Was daran so ungewöhnlich ist? „Sie sind in dieser Höhe eine Besonderheit, weil Betten nur für den Adel und Kranke vorgesehen waren. Die Bediensteten und sonstige Beschäftigte schliefen im Stroh“, erklärt Dr. Thier. Unsere Schritte führen uns von der Burgruine zur 1894 auf den Mauern der alten Schlosskapelle errichteten Ev. Ref. Kirche.
„Zur Einweihung hat Kaiserin Auguste Victoria der Gemeinde eine Bibel geschenkt. Das war aber nichts Besonderes, dieses Geschenk gab es damals zu allen Kirchenneubauten.“ Und wo ist diese Bibel heute? „Verschollen. Hat wohl jemand aus Versehen mitgenommen.“
Es geht bergab Richtung Harkortsee. Linkerhand fällt der Blick auf das frühere, zweite Wohnhaus Friedrich Harkorts, das anschließend noch wechselvolle Zeiten als Jugendherberge und Stadtarchiv erlebte. „Harkort sieht man heute neben Diesterweg als ernsten ernstzunehmenden Schulpolitiker“, so Thier. „Er setzte sich sehr für die Volks- und Fortbildungs (Berufs-)schulen, also das praktische Lernen ein.“
Ein paar Schritte weiter, nach einem schönen Blick auf den in der Frühlingssonne glänzenden Harkortsee, wendet sich unser Blick auf das Haus der früheren Burgmannenfamilie von Boele, den ältesten bürgerlichen Wohnsitz, der in der Freiheit kontinuierlich nachgewiesen werden kann, nämlich seit dem 14. Jahrhundert. Hier war während des Sommers ein Zugang (umgangssprachlich auch als „Waterporte“ bekannt) für die Frauen, die zum Waschen oder Bleichen zur Ruhr gingen. Da wir das jetzt nicht vorhaben, gehen wir den engen, dunklen Weg unterhalb des Boele-Hauses in Richtung des Baumhofes. Der trägt diesen Namen, weil hier das Obst nach der Ernte gesammelt wurde.
Immer wieder während unseres Spazierganges weist mich Dr. Thier auf diese und jene Besonderheit hin, etwa auf Häuser, die in ihren Kellern noch Schießscharten haben. Ein Beweis, dass sie auf der ehemaligen Stadtmauer standen. Oder er erzählt die Geschichte, dass er noch selbst in der Freiheit einen Keller gesehen habe, in dem ein kleiner Bachlauf zu bewundern war. Nach einem kleinen Abstecher in einen romantischen Hintergarten stehen wir kurz darauf beim „Alten Bock“. „Buck hieß die Familie, die hier wohnte. Das hat sich dann später sprachlich zu Bock abgeschliffen, weil hier ein Ziegenbock gehalten wurde. Das muss hier damals ziemlich gestunken haben.“ Einige Meter später stehen wir wieder vor dem Fünfgiebeleck. Dr. Thier blickt ein Haus weiter. „Hier war früher, seit dem 18. Jahrhundert, ein Kolonialwarenladen.“ Er lacht. „Zwei Geschäfte, ein Bäcker, das war die Einkaufsmeile der Freiheit“.
Nach dem Zweiten Weltkrieg befand sich die Freiheit in einem schlechten Zustand, mit der ersten Flächensanierung in NRW nach dem Krieg wurde versucht, die Freiheit im damaligen Zeitgeist zu sanieren. Leider wurden dabei nur einige so genannte „Traditionsinseln“ erhalten, nicht die gesamte alte Bausubstanz erneuert. Schade, meint Dr. Thier im Rückblick „Wir hatten hier ein zweites Hattingen.“
Was ist für die Nachwelt wohl bedeutender an der Freiheit? Ihre Rolle im Mittelalter oder Harkort? Dr. Thier muss nicht überlegen, seine Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Harkort! Das Mittelalter ist vergessen. Man erinnert sich im Wesentlichen an die Industrie, auch wenn aus dem Mittelalter die Verwaltungsstruktur bleibt.“
Unser Spaziergang endet vor dem Rathaus, das in Steinwurfweite zur Freiheit liegt. „Dieses Rathaus zeigt ja auch den Bürgerstolz des Industriezeitalters. Das wurde damals für 8.000 bis 9.000 Bewohner gebaut. So ein großes Rathaus! Vergleichen Sie das mal mit heute: Da wird einem ja schwindlig!“

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