Der große Traum vom Sehen

„Wir bräuchten zehn oder hundert Herdeckes, dann ginge es dem deutschen Film besser.“ Das sagte kein Geringerer als Volker Schlöndorff, einer der bekanntesten deutschen Regisseure, bei einem Besuch in der Ruhrstadt. Dass sich Cineasten in Herdecke wohlfühlen, ist vor allem der über 30-jährigen Arbeit der mittlerweile 75 Mitglieder starken Herdecker Filminitiative zu verdanken.
„Wir machen alles ehrenamtlich!“ Friedhelm Schürmann, Vorsitzender der Filminitiative, ist sichtlich stolz über das Erreichte.
Die Gründung der Filminitiative erfolgte im September 1978. In der Satzung hieß es: „Als Nahziel wird ein Programmkino angestrebt, das kulturell und gesellschaftlich wichtige Filme zeigt und zur Diskussion stellt.“
„Film ab“ hieß es dann erstmals im Dezember 1978 mit „Lina Braake“ im Altenzentrum an der Goethestraße. Das erste Programm von 1979 wurde stilbildend für die folgenden Jahre, denn der Mix aus „künstlerisch wertvollen“ Filmen und kommerziell erfolgreichen Movies trifft auch noch heute den Geschmack der Kinogänger. „Mit den populären Filmen finanzieren wir sozusagen unsere Filmlieblinge“, erzählt Schürmann. Und diese Mischung hat sich beim Publikum bewährt, der gut 100 Plätze fassende Zuschauerraum ist zumeist gut besucht.
Der Kantinensaal der Zirkulinwerke wurde zur ersten festen Bleibe des jungen Kinos, später wechselte man ins Jugendzentrum am Bachplatz. Hier stand erstmals ein eigener Vorführraum zur Verfügung, so dass die Zuschauer von nun an nicht mehr durch das Rattern der Filmmaschine gestört wurden. Erst Mitte der 80er Jahre hatte die Wanderschaft ein Ende. Mit finanzieller Unterstützung der Stadt konnte der Kinosaal im städtischen Kulturhaus an der Goethestraße bezogen werden. Nun fehlte nur noch eins - ein Name! Nach einer Publikumsbefragung setzte sich der Vorschlag einer Schülerin, das Kino „ONIKON“ zu nennen, durch. Von wegen „no Kino“ in Herdecke.
Wie kommen eigentlich die Filme ins ONIKON? In monatlichen Treffen werden die Filme ausgewählt. Jedes Mitglied schreibt seine persönlichen Favoriten auf einen Stimmzettel, die Filme mit der höchsten Stimmzahl laufen dann im ONIKON.
Auch die Veranstaltungen neben dem regulären Monatsprogramm wie das Filmwochenende, das sich jeweils mit Filmen eines bestimmten Regisseurs auseinandersetzt, der dann auch ins ONIKON eingeladen wird, die Tage der neuen deutschen Filme oder die Französischen Filmtage, finden ihr Publikum. Mitte März ist es übrigens wieder soweit, dann veranstaltet die Filminitiative im ONIKON wieder ein Herdecker Filmwochenende mit der Doku-Filmerin Ulrike Ottinger. Und auch die Kulturhauptstadt findet im Onikon statt: Während der „Local heroe“-Woche in Herdecke, vom 28. Februar bis 6. März, zeigt die Filminitiative drei Kurzfilme von jungen Regisseuren aus Herdecke und Umgebung, die jeweils auch für eine Diskussion zur Verfügung stehen.
Für ihr erfolgreiches Programmkino wurde die Filminitiative bereits mehrfach geehrt, so erhielt sie bei der Berlinale 2003 einen dritten Preis vom deutschen Kinemathekverbund und in den letzten Jahren konnten sich die Herdecker Cineasten über mehrere Jahresfilmprogrammprämien der Filmstiftung NRW freuen.
Eine jahrzehntelange Kinogeschichte geht allerdings nicht ohne Pleiten, Pech und Pannen ab. Gründungsmitglied Meinhard Zumfelde äußert sich in der Broschüre zum 25-jährigen Jubiläum der Filminitiative über seine persönliche Pannenhitparade: „Bei Chocolat hatten wir schon drei Viertel gezeigt und wollten die letzte Rolle einlegen, aber die fehlte. Wir haben überall gesucht, doch sie war nicht zu finden. Unser Techniker stellte sich kurzerhand auf die Bühne und erzählte den Film zu Ende. Erstaunlich war, dass unser Publikum den Saal nicht verließ, sondern geduldig sitzen blieb.“ Auch wenn alle Filmrollen vorliegen, kann immer noch so einiges passieren: „Bei einer Filmvorführung mit anschließender Diskussion hatten wir einen Regisseur eingeladen, der während der Spieldauer des Films in einem Herdecker Lokal weilte“, erzählt ein Mitglied der Filminitiative. „Gegen 22.10 Uhr wollte er wieder im Kino sein. Er ist uns leider abhanden gekommen, weil er in der Dunkelheit den Weg zum ONIKON nicht mehr fand. Die Diskussion fand dann ohne ihn statt.“
Und wie sieht die Zukunft des Kinos in Herdecke aus? „Über kurz oder lang müssen wir uns mit der Frage beschäftigen, ob wir die digitale Umrüstung der Filmbranche mitmachen“, so Schürmann. Die Frage ist allerdings eher wann als ob: „Das wird sich innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre entscheiden. Wenn wir nicht digital umstellen, können wir dann allerdings keine neuen Filme zeigen, sondern nur noch alte Repertoire-Filme.“ Und das wäre das Ende der bewährten und beliebten ONIKON-Mischung. Aber ein solches Ende ist bei diesem cineastischen Engagement wohl kaum zu befürchten...

Autor:

Jens Holsteg aus Herdecke

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