Prof. Lothar Roos beim KKV: Die Grundlagen einer sozialen Marktwirtschaft in den Enzykliken der Päpste

Prof. Dr. Lothar Roos
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Dieses anspruchsvolle Thema stellte Prof. Dr. theol. Lothar Roos auf einer Vortragsveranstaltung des KKV Monheim am Rhein, Verband der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung vor. Im Zuge der historischen Hinführung erläuterte Prof. Dr. Roos das von Adam Smith 1776 publizierte Buch „The Wealth of Nations“, das die neue wirtschaftliche Ordnung postuliert: Folgt man nur dem Naturgesetz der absoluten Freiheit auf sämtlichen Märkten, dann gelangt man zu einer optimalen Ausnutzung aller Ressourcen und zu einer Wirtschaftsgesellschaft, in der durch eine eingebaute „List der Vernunft“ die Summe der Egoismen - wie von Zauberhand (by the invisible hand) bewegt – zum Gemeinwohl bewegt werden. Tatsächlich aber entstand damals zunächst die frühkapitalistische Klassengesellschaft mit einer relativ kleinen Gruppe von sehr Reichen und der breiten Masse des am Existenzminimums lebenden Proletariats. Dies rief Karl Marx und Friedrich Engels auf den Plan, die die Theorie des „wissenschaftlichen Sozialismus“ formulierten, der die klassenlose Gesellschaft des Sozialismus schaffen sollte. Damit wäre die Menschheit endgültig und für immer frei und im Wohlstand lebend. Mit dem „Liberalismus“ und dem „Sozialismus“ standen sich damit in der Mitte des 19. Jahrhunderts zwei einander ausschließende Wirtschafts- bzw. Gesellschaftsphilosophien kämpferisch gegenüber.

Bischof Ketteler als Wegbereiter des sozialen und politischen Katholizismus in Deutschland
Inmitten dieser beiden Systeme entstand die moderne Katholische Soziallehre. Die Vertreter der „Katholischen Romantik“ (Karl von Vogelsang in Wien) verwarfen die liberale Theorie und forderten eine Erneuerung der Ständegesellschaft. Die Gegenseite (Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler und Georg von Hertling) kritisierten ebenfalls das liberale System, hielten aber den Rückwärtsgang der Romantik weder für möglich noch für richtig. Bischof von Ketteler war der Wegbereiter des sozialen und politischen Katholizismus in Deutschland. Er verwarf den Glauben des Liberalismus, durch das Prinzip der vollständigen Konkurrenz auf allen Märkten allein den menschlichen Egoismus unschädlich machen zu können und damit eine moralfreie, soziotechnisch funktionierende Wirtschaftsordnung zu errichten.
Papst Leo XIII. orientierte sich in der ersten Sozialenzyklika Rerum novarum (1891) nicht an der Romantik, sondern an Bischof von Ketteler. Er kritisierte wie dieser scharf den Liberalismus von damals, hielt ihn aber für reformierbar. Den „Sozialismus“ dagegen hielt für völlig untauglich. Er sah schon damals dessen wirtschaftliches Versagen und auch die „Stasi-Gesellschaft“ voraus. Gegenüber den Liberalen forderte er einen durchgreifenden staatlichen Arbeitsschutz und empfiehlt betriebliche Arbeiterausschüsse, die Vorläufer des heutigen Betriebsrates, die somit bereits grundlegende Postulate einer sozialen Marktwirtschaft erkennen lassen.

„Freiburger Kreis“: Verbindung von Freiheit und sozialer Gerechtigkeit muss ethische Grundlage der Wirtschaftsgesellschaft sein
Papst Pius XI. hat 1931 in seiner Enzyklika Quadragesmino anno das „liberal-kapitalistische System“, das damals seinen Höhepunkt erreicht hatte, massiv kritisiert. Dennoch sei die „kapitalistische Wirtschaftsweise“ nicht in sich schlecht. Der Wettbewerb sei „innerhalb der gehörigen Grenzen berechtigt und von zweifellosem Nutzen“, sofern höhere und edlere Kräfte die wirtschaftliche Macht in strenge und weise Zucht nehmen“. Diese Kräfte nannte er die soziale Gerechtigkeit und die soziale Liebe. Die Grundidee einer Verbindung von Freiheit und sozialer Gerechtigkeit als ethischer Grundlage der Wirtschaftsgesellschaft wurde dann noch während des Krieges vor allem vom „Freiburger Kreis“ um Walter Eucken, bei dem Joseph Höffner seine volkswirtschaftliche Promotion erwarb, konkretisiert. Papst Pius XI. empfiehlt auch Mitbesitz, Mitverwaltung oder Gewinnbeteiligung für Arbeiter und Angestellte.
Papst Johannes Paul II. unterscheidet 1981 in seiner Enzyklika zwischen dem “objektiven” Marktwert und dem „subjektiven“ Personenwert der Arbeit. Daraus folgt: Behandle jeden Menschen nicht nach dem ökonomischen, sondern nach dem persönlichen Wert seiner Arbeit! Er hob hervor, dass Erwerbsarbeit und Familienarbeit unentbehrlich für eine menschenwürdige Gesellschaft sind. Er stellte erstmals den Begriff des „indirekten“ Arbeitgebers vor, der als Gewerkschafter durch seine Tarifabschlüsse oder als Banker durch Kreditentscheidungen auch über Arbeitsplätze mitentscheiden würde.

Sozialenzyklika Caritas in veritate: Prinzip der Unentgeltlichkeit und der Logik des Geschenks ein Ausdruck der Brüderlichkeit
In seiner Enzyklika Centesimus annus (1991) empfiehlt Papst Johannes Paul II. den „Kapitalismus“ als mögliches Nachfolge-Modell für die Länder Osteuropas und der Dritten Welt, sofern er sich als eine Wirtschaftsordnung versteht, die die grundlegende und positive Rolle des Unternehmens, des Marktes, des Privateigentums und der daraus folgenden Verantwortung für die Produktionsmittel sowie die freie Kreativität des Menschen im Bereich der Wirtschaft anerkennt. Wird aber die wirtschaftliche Freiheit „nicht in eine feste Rechtsordnung eingebunden“, dann ist ein solcher „Kapitalismus“ abzulehnen.
Papst Benedikt XVI. fordert in der jüngsten Sozialenzyklika Caritas in veritate (2009) eine Modernisierung der sozialen Marktwirtschaft dergestalt, dass auch das Prinzip der Unentgeltlichkeit und der Logik des Geschenks als Ausdruck der Brüderlichkeit im normalen wirtschaftlichen Leben Platz haben könnte und müsste.
Die Ethik der Ziele der sozialen Marktwirtschaft sind die Freiheit der Wirtschaftssubjekte, Humane Arbeitsverhältnisse, Solidarischer Ausgleich, Nachhaltigkeit, Weltwirtschaftliche Fairness, Bewältigung von Wirtschaftskrisen und die Aktivierung der Zivilgesellschaft.
Prof. Dr. Roos machte in seinem Schlusswort deutlich, dass sich die gegenwärtige Wirtschaftskrise nicht rein „soziotechnisch“ lösen lässt. Sie fordere eine Neubesinnung auf die Rangordnung der wirtschaftlichen Werte, auf die „richtige“ Gestalt der ökonomischen Strukturen und die persönlichen Tugenden wirtschaftlichen Handels.

Der Monheimer KKV-Vorsitzende, Herbert Süß, dankte dem Referenten für seinen hervorragenden Vortrag. Der KKV habe mit der heutigen Veranstaltung in Monheim dem zahlreich erschienenen und interessierten Publikum einen Höhepunkt im KKV-Zyklus „Die Renaissance der Sozialen Marktwirtschaft“ bieten können.

Weitere Infos über den KKV unter: http://ov-monheim.kkv-bund.de bzw. www.kkv-bund.de.

Autor:

Bernd-M. Wehner aus Monheim am Rhein

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