Moderner Ablasshandel: Dortmunder Stadtrat beschließt Kirchentagssubventionen - 200 Jahre Aufklärung für die Katz?

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Das 11.Gebot vor der Reinoldikirche in der Innenstadt zu Dortmund: "Du sollst Deinen Kirchentag selbst bezahlen!" (Foto: Carsten Klink, Dortmund)
 
"Dass der Kirchentag in Dortmund stattfindet ist nicht schlimm. Dass die milliardenschwere Evangelische Kirche Deutschlands nicht bereit ist ihren eigenen Kirchentag zu bezahlen, dass ist schlimm. Und es ist schlimm, dass offensichtlich an der Mehrheit des Rates der Stadt Dortmund 200 Jahre Aufklärung scheinbar spurlos vorbeigegangen sind. Daher möchte ich mit einem Zitat von Immanuel Kant enden: Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!", so Ratsmitglied Klink zu den Kirchentagssubventionen.
 
"Auch in Dortmund gehört etwa jeder 4. Mensch offiziell keiner Religionsgemeinschaft an. Auch nur ungefähr jeder zweite gehört einer christlichen Kirche an. Die "Dunkelziffer" der "Papierchristen" ist aber wohl weitaus höher. Viele Menschen sind zwar Mitglied der Kirche, sind aber dennoch nicht gläubig. Sie scheuen den Aufwand, endlich aus der Kirche auszutreten oder bleiben Mitglied, weil es ihre berufliche Zukunft oder einen KiTa-Platz sichert.", analysiert Nadja Reigl (Piraten) die religiöse Entwicklung.
Dortmund: Rathaus |

Mit den Stimmen von SPD, Grünen, FDP-BL sowie natürlich der CDU stimmte der Rat der Stadt Dortmund heute dafür, dem Trägerverein des Deutschen Evangelischen Kirchentages, der gerade mal 22 Mitglieder hat, 2,7 Millionen Euro Subventionen sowie für rund 720.000 Euro Sachleistungen für ein fünftägiges Glaubensfest zu spenden. Die Evangelische Kirche Deutschland, die im Jahr 2014 über 10 Milliarden Euro Einnahmen verbuchen konnte, war selber nicht bereit den eigenen Kirchentag mit 0,3 Prozent der eigenen jährlichen Einnahmen zu unterstützen.

Die evangelische Religionsgesellschaft zeigte keinerlei Kompromissbereitschaft angesichts der krassen Haushaltslage der Stadt.

Der lange Arm der evangelischen Kirche

Die Rathaus-Grünen hatten im Vorfeld noch kritische Fragen zur Wirtschaftlichkeit des Kirchentages gestellt. Diese waren einigen in der grünen Partei aber wohl zu kritisch. Schließlich muss man wissen, dass die einzige grüne Dezernentin bei der Stadt Dortmund, selbst eine ehemalige Religionslehrerin ist und mit einem evangelischen Pfarrer verheiratet ist. Da wollte der lange Arm der evangelischen Kirche wohl nichts anbrennen lassen und sorgte für einen Mitgliederentscheid, der für die Kirchentagssubventionen positiv verlief.

Die SPD Ratsfraktion betonte zwar, dass auch sie sich nur vom erhofften Imagegewinn und der von ihr angeblich geprüften Wirtschaftlichkeit hat überzeugen lassen. Letztlich stammten die meisten Informationen, die die SPD von der Stadt Dortmund erhalten hatte, aber direkt vom Kirchentagsträgerverein, der ja die Subventionen abgreifen wollte. Das Groh der Unterlagen hatte die SPD von der Stadtverwaltung erst auf den letzten Drücker am Dienstag oder am Mittwoch bekommen. Auf der Fraktionssitzung am Montag hatte sich die SPD aber bereits auf eine Zustimmung geeinigt. Letztlich ließen sich Grüne und SPD wohl von der Evangelischen Kirche erpressen: Keine Subventionen-kein Kirchentag war nämlich deren Position.

Jauchzend und frohlockend dem Glaubensfest entgegen

Ganz anders da die CDU. Diese hatte bereits schon vor Monaten, ganz ohne große Informationen auskommend, für die Kirchentagssubventionen plädiert. Jauchzend und frohlockend sieht man dort dem Glaubensfest entgegen.

Der gemeinsamen Fraktion von Linken und Piraten wurden hingegen bis zum Abstimmungstag keine einzige gestellte kritische Ratsanfrage beantwortet. Während der Sitzung eierte der Kämmerer zwar etwas rum und versuchte den Anschein zu erwecken, dass man ja auskunftsbereit sei. Aber gerade bei den brisanten Fragen zu Wirtschaftlichkeit und weiteren Kosten der Stadt durch Umsatzeinbrüche des Innenstadteinzelhandels, der die Stadt Unsummen an entgangener Gewerbesteuer kosten wird, wurde gemauert.

"Wer hat dem wird gegeben und wer nicht hat, von dem wird man nehmen"

Der auch gemessen an der Zahl der Wortbeiträge stärkste Widerstand kam in der Ratssitzung am Donnerstag dann auch von der Fraktion DIE LINKE und Piraten. Angesichts des Widerspruches, dass so eine überschuldete Stadt wie Dortmund einer so wohlhabenden religiösen Gesellschaft wie der Evangelischen Kirche das Glaubensfest bezahlen muss, mutmaßte der finanzpolitische Sprecher der Fraktion, Carsten Klink (DIE LINKE), dass das Motto des Kirchentag 2019 in Dortmund in Anlehnung an die üblichen Bibelsprüche wohl sei: "Wer hat dem wird gegeben und wer nicht hat, von dem wird man nehmen, auch was er hat. Markus 4:25"

Dabei wird selbst die für ihre Geschäftstüchtigkeit bekannte katholische Kirche in der Bischofsstadt Münster ihren Kirchentag selber bezahlen und nur Sachleistungen erhalten.

Auf die aktuelle Finanznot hinweisend, der Kämmerer der Stadt sucht gerade akut 35 Millionen Einsparpotential, erklärte der Linkspolitiker Klink: "Wer heute den Subventionen von insgesamt rund 3,4 Millionen Euro zustimmt, verliert jegliche Glaubwürdigkeit bei der Haushaltssanierung. Bin auch gespannt wie schnell es geht bis die hier zur Schau gestellte christliche Nächstenliebe mit Hinweis auf die katastrophale finanzielle Lage der Stadt entsorgt wird und wieder die unsoziale Sparaxt rausgeholt wird. Das Pharisäertum, welches wir geboten bekommen ist schon bemerkenswert. Beim Kirchentag schön in der ersten Reihe sitzen und danach wieder im sozialen Bereich sparen."

Religiöse Eiferer auf dem Kirchentag

Auch den von SPD, CDU, FDP-BL und den Grünen erhofften Imagegewinn für die Stadt sahen Linke und Piraten etwas anders: "Es werden nicht nur die, gemäß Analysen, mehrheitlich grün wählenden, besserverdienenden evangelischen Christen in unsere Stadt strömen, sondern auch religiöse Eiferer. Beim diesjährigen Kirchentag in Stuttgart haben mehrere Tausend sogenannte Evangelikale einen sogenannten Christustag abgehalten. Nichts gegen Jesus von Nazareth, diese historische Persönlichkeit war nach heutigen Maßstäben schließlich Sozialist. Aber diese religiösen Eiferer haben, um es mal gelinde auszudrücken, massive Probleme mit Homosexuellen, mit Abtreibungen und freuen sich über sogenannte messianische Juden, also Juden die an Jesus glauben. Auch diese Klientel subventionieren wir dann mit kommunalen Millionen. Da wir auch nicht jeder Religionsgemeinschaft Millionen zur Verfügung stellen können, haben wir Linken und Piraten massive verfassungsrechtliche Bedenken. Schließlich heißt es im Artikel 3 des Grundgesetzes, dass niemand wegen seines Glaubens bevorzugt oder benachteiligt werden soll."

Ratsfrau Nadja Reigl (Piraten) sah den vermeintlichen Imagegewinn auch kritisch: "Der evangelische Kirchentag will eine Veranstaltung für alle sein - quasi ein Ausflugsziel für die ganze Familie. Dem Atheisten wird sich aber wohl kaum ein Grund erschließen, eine Veranstaltung zu besuchen, die sich gegen jedes vorhandene Wissen wendet. So unterhaltsam Fantasy-Geschichten auch sein mögen - im Kino sind die Effekte sehr viel besser. Das Christentum ist eine missionarische Religion, was mich als nicht gläubigen Menschen eh schon versucht in meiner Religionsfreiheit einzuschränken. Für nicht gläubige Menschen wird ein Kirchentag kein Grund sein nach Dortmund zu kommen, sondern ein Grund dafür, sich von Dortmund fern zu halten."

"Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!"

Mit den Worten "Dass der Kirchentag in Dortmund stattfindet ist nicht schlimm. Dass die milliardenschwere Evangelische Kirche Deutschlands nicht bereit ist ihren eigenen Kirchentag zu bezahlen, dass ist schlimm. Und es ist schlimm, dass offensichtlich an der Mehrheit des Rates der Stadt Dortmund 200 Jahre Aufklärung scheinbar spurlos vorbeigegangen sind. Daher möchte ich mit einem Zitat von Immanuel Kant enden: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!", appellierte das Ratsmitglied Carsten Klink dann abschließend an die anderen Ratsmitglieder - offensichtlich ohne Erfolg.

R.E.M. - Losing My Religion
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1 Kommentar
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Stefan Diekmann aus Unna | 04.09.2015 | 14:23  
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