Lost in Andermatt

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    Ich hatte mich auf diesen Skiurlaub gefreut. Mit der ganzen Familie, meinem Freund Heinrich Krogmann und dem Bad Kreuznacher Skiclub sollte es über die Faschingstage an den Vierwaldstätter See gehen.
Am Freitagvormittag hatte ich noch Unterricht an der Euro-Sprachschule; am späten Nachmittag ging es dann los.
Am nächsten Morgen waren zunächst alle noch bester Laune. Dann traten die Schwierigkeiten aber gleich gehäuft auf: Im Skigebiet Mythen, wo wir eigentlich fahren wollten, lag kein Schnee, so daß wir auf ein anderes Gebiet ausweichen mussten, in dem sich keiner auskannte, auch die Übungsleiter nicht. Dann hatte unsere Gruppe – ich fuhr mit meinen Eltern in einer Gruppe, während Heinrich bei den Total-Anfängern und Thorsten, mein Bruder, bei den Fortgeschrittenen war – eine Übungsleiterin, die diesen Job zum ersten Mal machte und entsprechend unerfahren war.
Schließlich kamen wir erst um drei Uhr nachmittags auf der Hütte an, wo wir eigentlich schon zwischen 12 und eins sein wollten.
Unsere Übungsleiterin hatte jedoch die Ruhe weg und meinte, wir hätten noch massig Zeit, denn wir bräuchten nur eine Abfahrt hinunter zu fahren, dann auf der anderen Seite mit dem Schlepplift wieder hoch und schon seien wir an der Zahnradbahn.
Soweit die Theorie. In der Praxis sah es so aus, daß der Lift abgestellt wurde, als wir gerade mal etwas über die Hälfte der Piste geschafft hatten. Wir sind also mit den Skiern auf dem Buckel zu Fuß hochgestapft. Dort standen ein paar Jungs von der Bergwacht und lachten sich kaputt. „Statt uns hier auszulachen, könntet Ihr uns lieber mal sagen, wie wir jetzt zu unserem Bus kommen“, forderte ich. „Nichts einfacher als das. Ihr fahrt jetzt hier runter in den nächsten Ort“ – er deutete mit einer Armbewegung nach rechts – „Der Ort heißt Sedrun. Dort könnt Ihr dann Euren Bus anrufen, daß er Euch abholen kommt.“
Eine Frau aus unserer Gruppe, Vera, setzte sich sogleich in Bewegung und meine Mutter und ich hefteten uns ihr an die Fersen.
Sicher habe ich im Nachhinein auch gedacht, daß es vielleicht besser gewesen wäre, sich erst mit der Gruppe abzusprechen.
Aber zum einen spielte wohl Panik eine Rolle, denn langsam wurde es dunkel. Zum anderen trauten wir wohl unserer Vorturnerin, nachdem sie es nicht geschafft hatte, uns rechtzeitig zur Zahnradbahn zu bringen, wohl nicht mehr allzu viel Kompetenz zu, so daß wir instinktiv beschlossen, nicht mehr auf sie zu warten, sondern uns selbst zu bemühen, rechtzeitig vom Berg zu kommen.
Letzten Endes dachten wir wohl auch, die anderen hätten das Gespräch mit der Bergwacht mitbekommen und würden uns jetzt folgen.
Als wir uns aber umdrehten, stellten wir fest, daß dem nicht so war.
Statt dessen gabelte uns eine Gruppe Schweizer auf: „Was macht Ihr denn jetzt noch hier?“ fragten sie. Wir erzählten, daß wir unsere Zahnradbahn verpaßt hatten und jetzt unseren Bus anrufen wollten, damit er uns abholen kommt. „Wo steht denn Euer Bus?“ – „In Andermatt.“ – „Das könnt Ihr vergessen. Der Paß ist gesperrt. Euer Bus kann Euch nicht abholen kommen.“ Und als wir daraufhin wohl ziemlich verzweifelt aussahen, setzte er hinzu: „Jetzt kommt Ihr erstmal mit uns. Wir finden schon eine Lösung.“
Wir fuhren mit ihnen die Piste hinunter. Da wir nicht alle in ihr Auto passten, sagten sie, wir sollten hier warten und einer von ihnen wollte dann zurückkommen und uns holen.
Dort standen wir nun eine gefühlte Ewigkeit an einem gottverlassenen Parkplatz irgendwo im Nirgendwo und so langsam kam die Panik wieder hoch. Was wurde aus uns, wenn sie nicht zurückkamen? Woher sollten wir wissen, ob wir uns auf sie verlassen konnten? Aber diese Sorge erwies sich als unbegründet, denn kurz darauf stand einer der Schweizer wieder vor uns. Er fuhr mit uns in ein Café, wo die anderen bereits warteten und dort bekamen wir erst einmal eine heiße Schokolade zum Aufwärmen. Sie telefonierten sich durch die ganze Gegend, ob irgendwo für die Nacht noch ein Zimmer frei war, aber leider waren wir offensichtlich nicht die Einzigen, die die Karnevalstage im Schnee verbrachten und alle Fremdenzimmer waren ausgebucht. Tränen der Verzweiflung stiegen mir wieder in die Augen, woraufhin einer der Schweizer sagte: „Lach doch mal wieder. Du siehst viel hübscher aus, wenn Du lachst. Das ist jetzt eben ein Abenteuer. Dafür hast Du dann auch etwas zu erzählen, wenn Du wieder nach Hause kommst.“
Schließlich brachten sie uns in einer leerstehenden Ferienwohnung unter. Im angrenzenden Hotel konnten wir essen gehen. Wir waren die Sensation des Abends, als wir in unseren Skistiefeln ( klack klack klack ) – wir hatten ja nichts anderes zum Anziehen – zum Abendessen kamen.
Nachdem wir die Bestellung aufgegeben hatten, riefen wir unser Hotel an, um dem Skiclub ausrichten zu lassen, daß wir in Sicherheit seien.
Wie aber war es den anderen in der Zwischenzeit ergangen? Sie waren auch ins Tal gefahren, hatten aber vermutlich eine andere Abfahrt genommen. Dort fuhren sie dann mit dem Taxi zum nächsten Bahnhof und von dort mit dem Zug nach Zürich, wo sie unser Bus abholte.
Im gesamten Skiclub ging die Angst um die verlorene Gruppe um, bis man schließlich die Nachricht erhielt, der größte Teil der Gruppe sei nun unterwegs nach Zürich, während drei Leute spurlos verschollen seien. ( Unsere Nachricht war anscheinend nicht weitergegeben worden. )
Heinrich, der gehört hatte, daß eine Person von Familie Günther auf dem Weg nach Zürich sei, nahm an, es handele sich um mich und meine Eltern seien gemeinsam verschollen. Er beschwatzte die Küche, ein paar belegte Brote zurecht zu machen und fuhr mit nach Zürich. Man kann sich seine Enttäuschung vorstellen, als statt meiner mein Vater am Bahnsteig stand, zumal die beiden sich nicht sonderlich mochten.
Wir schliefen uns erst einmal aus und am nächsten Morgen fuhren wir mit der Zahnradbahn auf die Hütte, wo wir den Rest unseres Skiclubs trafen.
Ich bin den Schweizern, die uns dort aufgabelten, sehr dankbar, daß sie uns in einer Notsituation retteten. Auch sie verdienen die Auszeichnung „Gutmensch“.
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