32 weitere Stolpersteine in Gelsenkirchen verlegt

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  “Meine Großeltern haben kein Grab” sagte Chava Moskowitz, die eigens aus New York mit weiteren Familienangehörigen aus den USA, Israel und Mexiko zur Stolpersteinverlegung nach Gelsenkirchen anreiste. Sie hatte die Stolpersteine auf eigene Kosten für ihre Großeltern Jakob und Lisa Ramer und deren Tochter Hanna anfertigen lassen.

Am Freitag verlegte Bildhauer Gunter Demnig diese Stolpersteine an der Florastraße – unweit des letzen Wohnortes der Familie Ramer, der sich an einem heute nicht mehr existierenden Teilstück der Schalker Straße befand. “Meine Großeltern wurden von den Nazis ermordet, meine Mutter Hanna konnte mit einem Kindertransport nach England gerettet werden. Heute stehe ich hier in ihrer Heimatstadt und fühle mich meinen Großeltern so nah wie nie zuvor. Ich bin dankbar, daß es nun diesen Ort gibt, an dem Stolpersteine als eine Art symbolischer Grabsteinersatz an meine von den Nazis ermordeten Angehörigen erinnern” sagte Chava Moskowitz in Ihrer Ansprache. Die Verlegezeremonie abschließend, beteten der Gelsenkirchener Rabbiner Chaim Kornblum auch an diesem Erinnerungsort das Kaddish und Kantor Yuri Zemski das El Male Rachamim.

Zuvor hatte Bildhauer Demnig an diesem Morgen bereits in Buer und Horst Stolpersteine verlegt. An der Urbanusstraße 1 erinnern nun Stolpersteine an die Kaufmannsfamilie Zwecher, an der Buerer Straße 8 an Lilly und Alice Brunetta Stein. Beiden Familien gelang zunächst die Flucht nach Holland. Nach der deutschen Besetzung der Niederlande begann auch dort die Verfolgung jüdischer Menschen. Familie Zwecher, Mutter und Tochter Stein wurden im Lager Westerbork interniert. Die weiteren Leidenswege dieser Familien endeten mit ihrer Ermordung im Vernichtungslager Auschwitz.

Von Rotthausen zog Familie Ullendorf im März 1933 in die Hindenburgstraße 33, die heutige Husemannstraße. Ernst Ullendorf betrieb in der Wohnung ein Abzahlungsgeschäft für Herrenartikel, Anzüge und Stoffe. In der so genannten “Kristallnacht” am 9. November 1938 wurde auch die Wohnung der Ullendorfs und das darin befindliche Warenlager von den Nazi-Schergen zerstört. Auch das Ehepaar Ullendorf konnte danach zunächst nach Holland fliehen, wurde aber dann von den Nazis verhaftet und im Vernichtungslager Sobibor ermordet. Sohn Hans Heinrich konnte nach West-Indien fliehen und emigrierte später in die USA.

An der Ringstraße 54 Ecke Kirchstraße erinnern jetzt fünf Stolpersteine an die Familie Georg Alexander. Johanna Alexander, einzige Überlebende der Familie, wurde am 27. Januar 1945 in Auschwitz befreit. Ihre Mutter Ella hatte unter dem Eindruck ihrer Erlebnisse in der so genannten “Kristallnacht” im Dezember 1938 die Flucht in den Tod gewählt. Ihr Vater Georg wurde in Riga, Ihr Bruder Ernst in Auschwitz und Bruder Alexander im KZ Mauthausen ermordet. Die Familie hat die Stolpersteine finanziert, Johannas Söhne Alfred und Gerschon sprachen zum Abschluss der Verlegezeremonie das Kaddish für ihre Angehörigen.

In Rotthausen wurden an der Karl-Meyer-Straße 2 Stolpersteine für die jüdische Familie Löwenthal verlegt. Emil und Flora Löwenthal wurden von Gelsenkirchen nach Riga deportiert und dort ermordet. Sohn Bruno floh nach Frankreich, wurde schließlich verhaftet und über das Lager Drancy noch Auschwitz deportiert und dort ermordet. Sohn Erwin überlebte die KZ Dachau und Buchenwald. Nach seiner Befreiung kehrte er nach Gelsenkirchen zurück, starb jedoch tragischerweise 1947 bei einem Autounfall in Gelsenkirchen. Sohn Kurt floh nach Belgien und von dort weiter nach Frankreich, wo er mit seiner Familie versteckt überleben konnte.

Zeitzeuge und Stolpersteinpate Adolf Füting war sichtlich ergriffen, als er von seinen Kindheitserinnerungen an Familie Löwenthal sprach. Füting betonte in seiner Ansprache, wie wichtig die mahnende Erinnerung an die Gräueltaten der Nazis grade in heutiger Zeit ist: “Es ist von großer Bedeutung sich damit auseinanderzusetzen und so dem Vergessen entgegenzuwirken. Die unfassbaren Verbrechen der Nazis erinnern uns daran, welche Folgen menschenverachtender Hass und Verblendung haben können. Die Stolpersteine können helfen, diese Botschaft an nachfolgende Generationen weiterzutragen”.

Siebte und letzte Station der diesjährigen Verlegeaktion war an der Bergmannstr. 34. Dort war Familie Böhmer beheimatet, die wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit verfolgt und ermordet wurden. Vater Karl Böhmer, ein aus Bochum stammender Musiker wurde am 10. Februar 1941 in das “Schutzhaftlager” in Wevelsburg eingeliefert, dort starb er am 9. Dezember 1941, angeblich an Lungenentzündung. Seine Frau Anna und ihre neun Kinder wurden von Gelsenkirchen in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verschleppt und dort ermordet.
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