"Bei Regen muss ich nach Hause"

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Dominic Grigat, Anke Jost und  Gereon Ludwig in der Hattinger Altstadt Foto: Kosjak
von Dino Kosjak

Wie lange er schon Fußball-Fan sei? „Seit meiner Geburt“, antwortet Dominic Grigat mit schelmischem Blick. Auf seinen Schuhen prangt das Vereinslogo von Borussia Dortmund. Und die Schuhe ruhen auf dem Fußbrett seines Rollstuhls. Rund 90 Kilogramm wiegt der sperrige Rollstuhl, zu mächtig für fast jede Kneipe. Dabei möchte Dominic Grigat endlich mal eine Kneipe besuchen, um in versammelter Runde Fußball zu schauen.

Den Rollstuhl einfach mal verlassen, das geht nicht. Dominic Grigat ist mehrfach behindert und wird von Gurten sicher in seinem Rollstuhl gehalten.
Seit 2006 lebt der 25-Jährige in einer Wohnstätte der Lebenshilfe Hattingen. „Natürlich fragen wir uns immer wieder, wie behinderte Menschen am gesellschaftlichen Leben teilhaben können“, sagt Anke Jost, Mitarbeiterin der Lebenshilfe, „und Dominic zählt bei uns zu den Bewohnern, die ihre Wünsche klar ausdrücken können“.
Darum besuchen die beiden die Hattinger Altstadt. Im Gespräch mit Gastwirten möchten sie herausfinden, ob es Wege gibt, Dominic Grigat seinen Wunsch zu erfüllen. Begleitet werden sie vom SPD-Stadtverordneten Gereon Ludwig. „Leicht wird das vermutlich nicht. Aber wir können Ideen sammeln“, sagt er, „und zum Saisonbeginn haben wir hoffentlich eine Lösung.“
Er sei schon einmal in einer Kneipe gewesen, sagt Dominic Grigat. „Da haben mich zwei Betreuer reingetragen“, eine Behelfslösung, mit der er überhaupt nicht glücklich sei. Denn Dominic Grigat ist auf Betreuung angewiesen, doch seine Selbstständigkeit hat er keineswegs aufgegeben. Er spielt in einer Theatergruppe mit, arbeitet vormittags in einer Behindertenwerkstatt der AWo und gehört zum Bewohnerbeirat der Lebenshilfe. Lachend erzählt er von den Ausflügen in die Stadt, davon Einkäufe zu erledigen. Und mit nachdenklicher Stimme spricht er von seinem Wunsch, eines Tages in einer eigenen Wohnung zu leben.
Für Dominic Grigats Anliegen zeigt auch Kai Pruß Verständnis, der Geschäftsführer des Irish Pub. „Das ist ein echtes Problem“, sagt er. „Wir haben schon mehrere Versuche hinter uns, unser Haus für Behinderte freundlicher zu gestalten.“ Es scheitere jedoch am Denkmalschutz. „Schon die Montage eines Handlaufs an der Treppe ist damit nicht vereinbar, von größeren Umbauten gar nicht erst zu reden.“
Dominic Grigat schaut enttäuscht. „So ein Mist. Ich bin nicht zufrieden.“ Kai Pruß nickt. „Ein Bekannter kommt gerne in unseren Pub, kann aber wegen seiner Behinderung die Toilette nicht nutzen. Und ich darf daran nichts ändern.“
In anderen Kneipen bekommen die drei Besucher die gleiche Auskunft: Der Denkmalschutz sei unvereinbar mit baulichen Änderungen, die Behinderten einen Kneipenbesuch ermöglichen oder erleichtern würden.
Das sei ein grundsätzliches Problem, sagt Anke Jost. „Die Politik ist sich seit langem einig, dass Behinderten die volle Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermög­licht werden muss. Aber davon sind wir sehr weit entfernt.“
Ein Beispiel dafür sei die Ampel in der Schulstraße , wo die Lebenshilfe eine ihrer Wohnstätten hat. „Die Grünphase für die Fußgänger ist so kurz, dass Dominic und andere Bewohner nicht eigenständig über die Straße kommen.“ Dann blickt Anke Jost aufmunternd: „Dominic, wir bleiben an der Sache dran. Das ist erst der Anfang.“
Dominic Grigat stimmt zu. Es gehe um seine Bewegungsfreiheit. Klar könne ein Kneipenbesuch draußen auch schön sein. „Aber wenn ich nicht in die Kneipe hinein kann, dann muss ich immer aufpassen“, sagt er, „denn bei Regen muss ich nach Hause.“
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