Die perfekte Geliebte

„Mein „Wolfi“ war immer ein Arbeitstier, “ lächelte Frau O. „Aber er hatte nie diesen müden Gang eines Ochsen, der sich unter einem Joch klaglos im Kreise dreht.
Im Gegenteil, wenn man meinen „Wolfi“ bei der Arbeit sah, dachte man eher an eine gut geölte Maschine. Denn alles, was er tat, ging ihm schnell von der Hand. Dabei wippte in seinem Mundwinkel immer die Zigarette. Und wenn er sein Kinn verzog und dabei die Augenbraue hob, wusste man nicht:
War er nun rebellisch? Oder doch nur ein Außenseiter?
`Wolfi` liebte seinen Betrieb. Dabei konnte er streng sein wie ein Funktionär und schweigen wie ein Despot. Von ihm konnte man lernen andere Menschen davon zu überzeugen Recht zu haben.
Dabei umwehte ihn immer der Duft von herbem Rasierwasser. Das konnte eine Frau beruhigen. Nicht nur mich…
Ja, damals war ich seine Sekretärin. Aber seine Frau durfte man nicht unterschätzen. Nur, sie war berechenbar.
Und irgendwann brachte mich „Wolfi“ immer öfter nach Hause. In seinem Cabrio…“
„Nicht schlecht…, “ sagte ich lahm, um Frau O. nicht zu unterbrechen.
„Ja, das ist lange her, “ sagte Frau O. „… und wenn er dann mit seinen braungebrannten Fingern das Autoradio lauter drehte, bebte die Karosserie. Wir hörten eigentlich immer Rock n` Roll …Bill Haley, wenn ihnen der noch was sagt… „Wolfi“ liebte Bill Haley… Dann quietschte er mit den Reifen, lachte und schlug gegen die Wagentür den Takt von „Rock around the clock…“ Als es dann aber regnete, schloss er das Verdeck und ich legte meinen Kopf in seinen Schoß.
„Wolfi“ lenkte mit einer Hand sein Cabrio, während er mich mit der anderen Hand streichelte.
Der damalige Sommer war sehr heiß und meine Kleider klebten an meinem Körper wie bei einer Ertrinkenden.“
„Ich glaube an den Sommer kann ich mich noch erinnern, “ antwortete ich, während ich ihre Krankenkarte ergänzte.
„Na ja, eigentlich habe ich das noch nie erzählt…“, stockte Frau O. und sah mich von der Seite her an. „… wenn mich „Wolfi“ küsste, schloss ich immer die Augen…“
„ Das finde ich normal…,“ antwortete ich sachlich.
„ Ja, schon…, “ lächelte Frau O verhalten. „…aber ich wollte nie seine blauen Lippen sehen…er war herzkrank.“
„Ja, und wie ging es dann weiter…?“
„ Als er starb, war das schrecklich für mich. Ich fühlte mich ohne ihn so allein…“
„Das verstehe ich, “ sagte ich leise und legte meine Hand auf ihren Unterarm.
„ Aber…, “ lächelte Frau O. plötzlich verschmitzt. „…selbst im Tode sollte ihm nichts fehlen.“
„Wie soll ich denn das verstehen…?“ sah ich sie fragend an.
„Na ja, “ blitzten ihre Augen. „Ich habe den Bestattungsunternehmer bestochen.“
„Bestochen? Warum…?“
„ Ja, ich durfte meinen „Wolfi“ in der Leichenhalle noch einmal sehen. Allein und ohne, dass seine Frau etwas davon erfuhr…“
„ Verstehe…“, sagte ich.
„…und während ich meinem „Wolfi“ ins Ohr flüsterte, steckte ich ihm noch mein Aktfoto zu, das er immer so liebte. Jetzt ist er nie mehr allein…,“ lächelte Frau O. und schnäuzte sich.

Autor:

Dr. Mathias Knoll aus Arnsberg

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