Schäm' Dich!

... und sie schämten sich.
  • ... und sie schämten sich.
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Ja, was habe ich auch erwartet, keine Ahnung.
„Sauna“ heißt das Ding. Für Klamotten ist es dort zu warm. Nur dass meine Assoziationen bei dem Begriff andere waren, als der Blick, der sich mir beim Eintreten tatsächlich bot.

„Wellness“ habe ich im Sinn.
Mit größter „Schnellness“ jedoch mache ich kehrt, als mein unvorbereiteter Blick drei Herren der Schöpfung erfasst, im Adamskostüm – so, wie Gott sie schuf, um mich, den Kopf in ein Schließfach steckend, erst einmal zu sammeln.

Nein, wir kennen uns garantiert nicht näher. Fernab der Heimat in einem bayrischen Urlaubsdorf wäre das auch ein sehr großer Zufall. Aber warum zeigen diese drei sich mir dann in ihrer Blöße so völlig ungeniert?
Ich entscheide mich, es langsam anzugehen und erst einmal die Lage zu peilen. Also drehe ich in meinem bequemen Wellness-schlabber-look erst einmal eine Runde durch’s Reich der Nackerten. Ihre vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen scheinen zu schreien:
„Hilfe, ein angezogener Mensch!!!“

Davon abgesehen ist man hier offensichtlich um einen neutralen Gesichtsausdruck bemüht. „Wie schaffen die das nur?“ frage ich mich und weiß vor lauter Gebammel nicht, wohin ich gucken soll. Tausende von Körperteilen in allen möglichen Längen, Farben und Breiten, nur meine Ausmaße haben hier bis heute noch gefehlt.

Mir wird heiß, ich kann bis heute nicht genau sagen weshalb, zu Vieles treibt mir hier die Röte ins Gesicht. Fest steht, dass es an der Zeit ist, die Hüllen fallen zu lassen. In meinem Bikini wage ich einen weiteren Vorstoß. Das Entsetzen weicht einem milden Lächeln. Die durchgängige Freizügigkeit an diesem Ort gibt mir jedoch unmissverständlich zu verstehen, dass mein Aufzug ein absolutes NoGo ist.
Nach den ersten Litern des Schweißverlustes zeigt mein Hirn erste Anzeichen der Austrocknung - ich bin bereit ES zu tun: Ich entledige mich hinter der Tür des Schließfachs (0,20m x 0,30m) meines Bikinis und wickel mich in das mitgebrachte Handtuch. Wie ich es auch drehe und wende, das aus dem Feriendomizil entliehene Tuch ist zu klein, um mir vollends Tarnung zu geben. Ich entscheide mich für die „unten-ohne-Variante“, in der Hoffnung, dass hier heute keine Zwerge unterwegs sind.

Beim ersten Saunagang offenbart sich diese Variante als nicht tragbar, sind doch blanke Pöter ebenso wenig auf dem Holz erwünscht wie bloße Füße. In einer Art Klappmesser-Haltung, die meine empfindlichste Haut schamlos vor den Augen der anderen verbirgt, ohne mit dem heißen Holz in Berührung zu geraten, genieße ich den Moment in dem sich jeder auf seine eigenen Schweißausbrüche konzentriert und das Gefühl trotz der muskelkaterversprechenden Haltung und der angezeigten 65 Grad kurzzeitig unbeobachtet durchatmen zu können.
Ich denke daran, wie ich als Teenie zwischen lauter nackten Körpern beim Strip-Poker, als einzige in nichts mehr als einem „oversized T-shirt“ meine Intimitäten bis zuletzt trotzig für mich behielt. Ich war wohl immer schon verklemmt…

Um nicht auf ewig in Klappmesserhaltung zu verklemmen, verlasse ich den Schwitzbereich.
Ich bewundere diejenigen, die sogar unter der Eisdusche den neutralen Gesichtsausdruck wahren. Hier bin ich diejenige, die mit allem was sie hat hüpft und wackelt, so dass jeder Passant um sein Leben fürchten muss.
Nachdem ich erkannt habe, dass die leise hörbaren Aufschreie keine Hilferufe aus der Massagekabine sind, bewundere ich auch noch diejenigen, denen es gelingt, ihre neutrale Mimik auch bei der im Hintergrund laufenden Entspannungsmusik beizubehalten. Der Plattenaufleger muss sich vergriffen haben, oder wir befinden uns definitiv bei „Verstehen Sie Spaß?“
Nach rund vier Stunden Aufenthalt fühle ich mich einigermaßen vertraut mit den Gepflogenheiten an diesem Ort. Ich kann mich perfekt aus der Verklemmung des Klappmessers lösen und dabei mein Handtuch so ausrichten, dass beim Aufstehen alles verdeckt ist, was nicht niet- und nagelfest ist.

Das große Entspannungserleben in der gemischten Sauna hat sich mir zwar nicht erschlossen, aber dafür habe ich, glaube ich verstanden, weshalb es „auf der Alm ka Sünd“ gibt:
Überdimensionale Penisse und schrumpelige Winzexemplare, knubbelige Schniedel mit kurzer, langer oder ohne Vorhaut, hängend, wippend, baumelnd, in Farbnuancen von leberkäsfarben bis aschfahl, Runzeldödel, glatte Eicheln, faltige Riesentitten (ich bin immer noch bei den Männern) und Hängeärsche, Haare am Sack, oder abrasiert – breitbeinig präsentiert, oder auf der Seite liegend, von hinten mit angewinkelten Beinen…
Entschuldigen Sie bitte, ich wüsste auch nicht, wofür ich mich entscheiden sollte.
Ich will gar nicht wissen, ob die Versuchung abseits der Alm größer ist.

„Schäm‘ Dich“ werden Sie mir möglicherweise nach dieser schonungslosen Aufzählung meiner gewonnenen Einblicke entgegenhalten, „wo guckst Du denn hin?“ und ich antworte:
„Ja, genau. Weil ich an diesem Punkt ein gewisses Schamgefühl schlichtweg für natürlich halte.“

Autor:

Femke Zimmermann aus Düsseldorf

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