Papa nicht kann das – nur Edu!

Ich habe in den letzten beiden Jahren meinem Sohn gerne etwas vorgesungen. Mit gutem Gewissen, wie ich dachte. Der Kleine würde den Einsatz des Vaters zu schätzen wissen und die mittelschweren Dissonanzen in den melodiösen Abläufen generös überhören, redete ich mir ein. Mir ist schon bewusst, dass ich es in meinem Leben leider nicht mehr auf die Bühne der Mailänder Scala schaffen werde, aber für den häuslichen Gebrauch, Geburtstagsfeiern und die Bochumer Ostkurve reicht es allemal. Hatte ich geglaubt. Bis gestern Nacht. Da wollte ich unseren Sohn wieder einmal beherzt in den Schlaf singen und wurde lautstark unterbrochen: »Papa nicht kann das!«

Das Kapitel häusliches Singen ist nun also für mich geschlossen. Mir bleibt vorerst nur noch das Stadion. Dort aber selbstverständlich wie immer aus allen Rohren.

Warum ich so weit aushole, um auf den neuen Schalker Wunderstürmer Edu zu kommen? Ganz ehrlich: Ich hätte nie im Leben gedacht, dass es diesen Abend in Mailand auf der ganz großen Fußballbühne für den bulligen Brasilianer jemals geben könnte. Bei allem Respekt für die Ballkünste des Königsblauen, bis vor kurzem haben auch am Ernst-Kuzorra-Weg die meisten Anhänger vermutet, die Löcher im Arena-Dach habe der Edu beim Ballschusstraining da hinein geballert. Mein Talent für das Singen und Edus Geschick am runden Leder seien begrenzt, habe ich immer gedacht. Seit letzter Woche halte ich es da eher wieder mit dem überragenden Torwart-Titan und Lebensberater in allen Situationen des Alltags, Oliver Kahn: »Niemals aufgeben! Immer weitermachen! Immer weiter!« Wer weiß, vielleicht führt es mich eines Tages doch noch an die Mailänder Scala. Die Wege des Herrn sind eben unergründlich.

Doch noch vor dem Geniestreich der Schalker hatte ich am Montag ein Erweckungserlebnis der besondern Art. Im Urlaub auf der schönen Nordseeinsel Spiekeroog war ich in einer Sky-Kneipe mit deutlichen Worten abgewiesen worden. Ich hatte die irrwitzige Idee besessen, die Zweitliga-Partie zwischen dem FSV Frankfurt und dem VfL Bochum in geselliger Runde schauen zu wollen. Der Wirt wusste noch nicht einmal von solch einem Spiel. Und als ich ihm davon erzählte, meinte er mit einer wegwerfenden Handbewegung und unter dem höhnischem Gelächter seiner zwei Kunden am Tresen: »Wir zeigen nur richtigen Fußball!«

Kollege Gerry und ich sind dann noch rüber in eine andere Kneipe, wo sie die Begegnung (»Aber nur ohne Ton und so lange sich die anderen Gäste nicht beschweren«) wenigstens auf einem kleinen Fernseher zeigten.

In München ist Herr van Gaal nun Geschichte bei den Bayern. Vielleicht lag es auch ein wenig an der Story, die Ronald Reng zuletzt bei einem Scudetto-Abend ausplauderte. Bei einer Partie der Bayern soll Louis van Gaal fünf Minuten nach Spielbeginn Hermann Gerland angefaucht haben: »Hermann, Sie müssen sofort in Kabine?« Und als der Co-Trainer aufgeregt fragte, ob man etwas vergessen hätte, antwortete der Niederländer todernst: »Ja. Sie haben die falschen Socken an!« Dennoch: Van harte bedankt für zwei Jahre »De dood of de gladiolen«. Am Ende müssen wir eben alle gehen...!

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