Vom Ende eines Mythos

Eine Legende ist enttarnt: Die These, dass das Auswärtige Amt in den Jahren des Dritten Reichs eine Zentrale des Widerstands war, hat sich in der Bundesrepublik erstaunlich lange halten können. Die Historiker Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann räumen in ihrem Werk „Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik“ mit diesem Mythos auf – und zwar gründlich.

Das Selbstbild des Auswärtigen Dienstes ist vielfach noch heute von der Vorstellung geprägt, die Diplomaten des Dritten Reiches hätten dem Regime distanziert gegenübergestanden. Das Gegenteil war der Fall. Vom ersten Tag an war das Auswärtige Amt unmittelbar in die Gewaltpolitik des NS-Regimes eingebunden. Es schirmte die antijüdischen Maßnahmen der Nationalsozialisten nicht nur nach außen ab, sondern es war in allen Phasen aktiv an ihr beteiligt. Überall im von Deutschen besetzten Europa wirkte deutsche Diplomaten an der „Erfassung“ der Juden und an ihrer Deportation in die Vernichtungslager mit.
Eins von zahlreichen Beispielen: Im Oktober 1941 entsandte das Auswärtige Amt seinen „Judenreferenten“ Franz Rademacher nach Belgrad, um dort mit Vertretern anderer deutscher Behörden die Behandlung der serbischen Juden zu koordinieren. Worum es ging verrät, so schlicht wie grausam, seine Reisekostenabrechnung, die er daheim in Berlin einreichte. Als Reisezweck hatte er „Liquidation von Juden in Belgrad“ eingetragen. Mit Verweis auf diese Abrechnung konstatierte Außenminister Guido Westerwelle bei der offiziellen Buchpräsentation in Berlin: „In diesem Amt konnte man Mord als Dienstgeschäft abrechnen.“
Nicht von ungefähr findet sich das einzig erhaltene Protokoll der berüchtigten Wannseekonferenz aus dem Jahr 1942, auf der die „Endlösung“, also die systematische Ermordung der europäischen Juden, beschlossen wurde, im Archiv des Auswärtigen Amtes.

Nach Kriegsende wurden nur wenige Beamte zur Rechenschaft gezogen, viele konnten ihre Karriere fortsetzen oder eine neue beginnen. Die wenigen Diplomaten, die wirklich Widerstand gegen die Nazis leisteten, wurden in der BRD entweder misstrauisch beäugt oder erst gar nicht wieder in den diplomatischen Dienst aufgenommen.
Die von Außenminister Joschka Fischer 2005 berufene Historikerkommission hat mit alten, hartnäckigen Legenden aufgeräumt und korrigiert ein weichgezeichnetes Geschichtsbild. Es wurde auch Zeit!

Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes, Moshe Zimmermann / Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Vergangenheit / Blessing Verlag / 880 Seiten

Autor:

Jens Holsteg aus Herdecke

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