Wiedergeburt nach der Apokalypse

„Etwas Kälte und Hunger werden nötig sein, damit das deutsche Volk die Folgen eines Krieges erkennt, den es selbst begonnen hat“, formulierte General Lucius D. Clay, der spätere Gouverneur der amerikanischen Besatzungszone in Deutschland im Juni 1945. Der britische Historiker Frederick Taylor beschreibt in seinem Buch „Zwischen Krieg und Frieden“ die Jahre der Besetzung und Entnazifizierung in Deutschland von 1944 bis 1946.
Im September 1944 betrat erstmals ein amerikanischer Soldat deutschen Boden, einen Monat später wurde Aachen als erste deutsche Stadt besetzt. Es hatte begonnen, was seitdem in Deutschland als „Stunde Null“ bekannt ist. Die alliierten sahen sich unglaublichen Herausforderungen ausgesetzt: Während sie noch gegen deutsche Truppen kämpften, galt es eroberte Städte zu sichern und der kritischen Situation in den überfüllten Gefangenenlagern Herr zu werden. Dazu gesellte sich das Problem von Millionen Flüchtlingen aus Ost- und Mitteleuropa. Frederick Taylor, der deutschen Öffentlichkeit durch seine Bücher „Dresden, Dienstag, 13. Februar 1945“ und „Die Mauer“ bekannt geworden, setzt ein mit der Beschreibung eines apokalyptischen Szenarios – der zermürbenden und hart umkämpften Endphase des Zweiten Weltkriegs. Die vielen Augenzeugenberichte vermitteln dem Leser die brutale Intensität: „An einem Abend kamen wir an einen Hof. Wir gingen in die Diele hinein. Um den großen runden Eichentisch knieten sechs oder sieben Personen. Sie waren ganz still und bewegten sich nicht. Ihre Köpfe waren nach vorn gefallen. Als wir näher kamen, sahen wir, dass sie mit der Zunge an der Tischkante festgenagelt worden waren.“
Nach der deutschen Kapitulation stellte sich den Siegern die Frage: Was machen wir mit den Deutschland? Die ersten Überlegungen auf westlicher Seite neigten dem sogenannten „Morgenthau-Plan“ zu, der Deutschland auf das Niveau eines Agrarlandes zurückentwickeln wollte. Doch angesichts der zunehmenden Konfrontation der Sowjetunion änderte sich die Haltung Englands, der USA und Frankreichs. Die Eroberungshaltung wich konstruktiver Politik und im Herbst 1946 wurde den Westdeutschen erstmals die Wiedererlangung der staatlichen Souveränität in Aussicht gestellt. Auf beiden Seiten begannen die Feindbilder zu bröckeln.
Wie schafft man aus dem Nichts die Fundamente einer neuen Gesellschaft? „Zwischen Krieg und Frieden“ erzählt die eindrucksvolle Geschichte der Wiedergeburt nach der Apokalypse.

Frederick Taylor / Zwischen Krieg und Frieden / 456 Seiten / Berlin Verlag

Autor:

Jens Holsteg aus Herdecke

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