mœrs festival: „Zählt zu den größten und wichtigsten Jazz-Festivals weltweit“ – O-Ton WDR-Radio
mœrs festival: Der Live-Stream 2021 mit 38 Konzerten- Erster Teil

Greetje Bijma von "Picatrix" und Han Bennink
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  • Greetje Bijma von "Picatrix" und Han Bennink
  • Foto: Kristina Zalesskaya / mœrs festival
  • hochgeladen von Klaus Denzer

Die sehr geschätzte WDR-5-Moderatorin Claudia Dichter moderierte in der Kultur-Sendung „Scala“ einen Beitrag zum kommenden Festival mit den Worten „Heute zählt das mœrs festival zu den größten und wichtigsten Jazz-Festivals weltweit“ an. Seit den Anfängen 1972 erarbeitete sich das Festival einen besonderen Ruf, als ein Festival, dass nie auf einem Status quo stehen bleibt, sondern dass es weiter geht, immer weiter, sich permanent musikalisch entwickelt und Neues aufsaugt. Dass „Moers“ ein zweites Mal unter Pandemie-Regelungen würde stattfinden müssen, daran dachte nach Ende der 49. Ausgabe letztes Pfingsten niemand. Ein Jahr lang bereitete sich die Crew um den künstlerischen Leiter Tim Isfort auf die Jubiläumsausgabe vor und arbeiteten vorsorglich die Pläne A, B und C für unkalkulierbare Situationen und Verordnungen aus. Schließlich kam es zu der Wiederholung der 2020 so immens erfolgreichen Variante des kompletten Live-Streams aller Konzerte indoor und, neu, outdoor. Die zweite Bühne in der Festivalhalle wurde ersetzt durch ein Open-Air am Rodelberg. Hier fanden auch an jedem Abend zwei Konzerte der Reihe „Freeluft-Freijazz-Konzerte“ statt, bei der 500 Zuschauer live dabei sein durften.

Sie trotzten der Anreise, sie trotzten der Pandemie, sie trotzten dem schlechten Wetter. 229 Musiker*innen waren an den Niederrhein gekommen, um vier Tage lang den Ort zu feiern, an dem viele von ihnen ihre ersten Auftritte hatten und die zu großen Karrieren führten. Hierzu zählen auch die „Improviser-in-Residence“, die seit der Gründung dieser Institution im Jahr 2008 zwölf Monate in Moers leben, komponieren und musizieren. Die eigens nur für Pfingsten zusammen gestellte Combo der bisherigen Improviser, die „Große, Kleine Allee Band“, eröffnete in der Festivalhalle die Konzertreihe. Die 14 Meister ihrer jeweiligen Instrumente (14, da seit Februar das Duo Matt Mottel und Kevin Shea residieren) boten 50 Minuten lang ein offensives Improvisationsspektakel - leider ohne Sanne van Heek, die überraschend letztes Jahr verstarb.

Zu den Musiker*innen der ersten Stunde gehört Han Bennink. Der 79-jährige niederländische Schlagwerker war 1972 mit dabei, als im Schlosshof die ersten schrägen Töne erklangen. Zu seinen vielen Auftritten in Moers kamen zwei weitere hinzu. Zuerst spielte er mit dem Frauen-Power-Trio „Picatrix“ (Mary Oliver, Greetje Bijma, Nora Mulder) und wenige Stunden später mit „Fendika“, einem Sextett aus Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens. So unterschiedlich die beiden Formationen auch besetzt sind, die Songs sind kraftvoll arrangiert und so entstehen auch für Bennink neue Reize für sein immer noch imposantes Spiel. Die drei Altmeister Brad Mehldau, Jamaaladeen Tacuma und John Scofield traten solo auf. Mehldau spielte in der Festivalhalle einen interessanten Querschnitt seines Schaffens am Piano, immer wieder baute er klassische Elemente und Pop-Melodien in seine Kompositionen ein. Tacuma bearbeitete seinen Bass auf der Bühne der Freiluftkonzerte. Auch Tacuma überraschte mit Einspielungen bekannter populärer Songs. An Pfingsten letztes Jahr sandte er mehrere Grußbotschaften nach Moers und gratulierte zu der Entscheidung des Live-Streams. Am Sonntagnachmittag zeigte sich Tacuma hocherfreut über die Möglichkeit, endlich einmal wieder live zu spielen und darüber, dass sich die Sonne zeigte! Scofields Solonummer im Rahmen der Livekonzerte am Rodelberg war mit 500 Zuschauern ausverkauft. Scofield improvisierte Beatles-Nummern und Coltrane-Klassiker innerhalb weniger Minuten und brachte damit die Kulturhungrigen in Verzückung. David Murray ließ es sich ebenfalls nicht nehmen, zur 50. Ausgabe zu gratulieren. Mit Bradley Jones am Bass und Hamid Drake an den Drums mischte er die Abendgesellschaft gehörig auf. Mit irren schnellen Läufen in höchsten Tonlagen brachte er sein Tenorsax zum Glühen – so kennen ihn die Jazzfreunde seit Jahrzehnten.

Fred Frith. Der Hochschullehrer für Improvisation an der Musik Akademie in Basel spielte mit Ava Mendoza und Oren Ambarchi als E-Gitarrentrio das letzte Freiluftkonzert. Frith bearbeitete seine Gitarre recht zivil, das war nahezu ungewohnt, ist man doch von seinen zahlreichen Auftritten in Moers äußerst avantgardistische Arrangements gewohnt. Zu den üblichen, wilden Mischungen der von Jan Klare kuratierten mœrs sessions (Auftritte I bis IV), die sich auch Open-Air präsentierten, gesellte sich eine neue Anarchie-Combo: Das Queue. Angeführt von den Improviser-in-Residence Matt Mottel und Kevin Shea gaben Marja Burchard, Maasl Maier, Keisuke Matsuno und Ron Stabinsky einen Einblick in den Free-Jazz von heute, mit der Erkenntnis, dass der Punk von gestern alt aussieht. Für die so arg gebeutelte Stadt New York, die nicht nur viele Covid-19-Verstorbene zu beklagen hat, gab es noch einen weiteren herben Einschnitt, es folgte ein Exodus. Mehr als 300000 Einwohner verließen die Stadt, einerseits aus Angst sich zu infizieren, andererseits, weil sie ihre Arbeit verloren und sich die Mieten nicht mehr leisten konnten. Fünf junge New Yorker*innen als „Strictly Missionary“ zeigten einen unbändigen Überlebenswillen mit Hardcore-Rhythmik und einer ausgefeilten Anordnung von Gruppen- und Solospiel. Dieser New Yorker „freie Stil“ sagte klar aus, New York schläft nicht nur nie, New York lässt sich auch nicht unterkriegen.

Bitte im zweiten Teil weiterlesen. Danke schön.

Klaus Denzer

Autor:

Klaus Denzer aus Moers

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