Axel Fischbacher im Ratinger-Wochenblatt-Interview
Instinkt-Jazzer spielt Konzert mit Streichorchester

Von links: Denis Gäbel, Tim Dudek, Nico Brandenburg und Matthias Bergmann bilden mit ihrem Bandleader das Axel Fischbacher Quintett. | Foto: Veranstalter
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  • Von links: Denis Gäbel, Tim Dudek, Nico Brandenburg und Matthias Bergmann bilden mit ihrem Bandleader das Axel Fischbacher Quintett.
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Zwischen Mitte der 70er und Mitte der 80er Jahre besuchten Ausnahmetalente das Ratinger Innenstadtgymnasium, die zum Teil bis heute die deutsche Musik- und Jazzszene mitprägen: "Nina-Hagen- und Spliff-Drummer Herwig Mitteregger, Jazzpianist Christoph Spendel, Saxophonist Claudius Valk und Schlagzeuger Martell Beigang", nennt Axel Fischbacher im Wochenblatt-Interview. Der erfolgreiche Gitarrist, Komponist und Konzertveranstalter gehört selbst in die goldene Mitte dieser Aufzählung. Am 8. Februar erfüllt er sich einen musikalischen Lebenstraum just dort, wo seine Karriere einst begann.

Herr Fischbacher, Sie haben 1977 am Theodor-Heuss-Gymnasium ihr Abitur gemacht. Stand damals schon ihre Entscheidung fest, Musiker zu werden?

Axel Fischbacher: Das musste ich gar nicht entscheiden, denn das war ich zu dem Zeitpunkt längst. Ich war Autodidakt und hatte mir alles selbst beigebracht, was man brauchte, um damals in der Musikszene mitzumischen. Dann habe ich Gigs gespielt, kam in Kontakt mit professionellen Musikern und wurde gebucht. Das ging fast ganz von selbst.

Das geschah alles schon während der Schulzeit?

Ja, während der letzten beiden Schuljahre war ich tagsüber im Gymnasium und habe abends gespielt. Da war ich eigentlich schon Berufsmusiker – und einer der wenigen mit richtig Moneten auf dem Schulhof. Im Gemeindesaal von St. Peter und Paul bin ich übrigens schon vor 50 Jahren mit meiner Schülerband „Ohrnament“ aufgetreten. Mit Pianist André Schürmann, dem heutigen Musiklehrer an der Liebfrauenschule, mit dem Schauspieler Rolf Berg jun. am Schlagzeug und mit Bassist Dirk Bursian, der heute Architekt ist. Nebenan im Jugendzentrum auf der Turmstraße haben wir Lambrusco getrunken, das erste Mal geknutscht und Christoph Spendel beim Klavierspielen zugehört.
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Spendel, der Jazzpianist, war damals schon erfolgreich?
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Oh, ja. Das hat mich ja auch darin bestärkt Musiker zu werden, weil ich sah, dass er und der Nina-Hagen-Band-Drummer Herwig Mitteregger vom Musikmachen leben konnten. In den 80er Jahren bin ich dann mit Spendel durch ganz Europa getourt, und wir haben die großen Festivals gespielt. Erstmals angesprochen hatte ich ihn aber im Jugendzentrum. „Du, ich spiel Gitarre“, hatte ich ganz schüchtern gesagt, worauf Spendel erwiderte: „Gitarre spielt doch heute jeder nackte Arsch. Probier‘ lieber mal Saxophon.“

Sie sind - Gott sei Dank – bei der Gitarre geblieben und haben Blues, Rock und Jazz gespielt. Oder sollte man nicht besser Jazzrock sagen?

„Jazzrock“ haben damals ja eigentlich alle gespielt. Und natürlich spiele ich bis heute Jazz mit der Energie und Intensität des Rocks, wo das nötig ist. Aber ich habe dieses Wort aus meinem Wikipedia-Eintrag streichen lassen, um den Stempel loszuwerden.

Jazz mit der Intensität des Rocks

Was ist denn das Problem mit dem Begriff Jazzrock?

Die Wenigsten haben verstanden, dass man, um Jazzrock zu spielen, Jazz vorher richtig verstanden haben muss. Ich habe mich zum Beispiel sehr intensiv mit dem Menschen und der Musik von Charlie Parker beschäftigt.

Dem Saxophonisten, der nach der Swing-Ära den Bebop mitbegründet hat...

Ja, schon ganz zu Anfang meiner Karriere habe ich oft im Tourbus auf der Rückbank gesessen und seine Musik gehört. Viel später, 2016, habe ich mir dann den Traum erfüllt, das Album „Five Birds – Axel Fischbacher Quintet plays Charlie Parker“ aufzunehmen. Von der Fachpresse wurde das sehr hochgejazzt.

Die daran anschließenden Tourneen und auch das Ratinger Konzert im Buchcafé Peter & Paula waren ebenfalls große Publikumserfolge.

Das stimmt, einem Auftritt verdanke ich sogar einen Kompositionsauftrag des Kulturamts Wuppertal - daran könnte sich das Ratinger Kulturamt mal ein Beispiel nehmen (lacht). Ich konnte den Chef des Kulturamtes für die Idee begeistern, Charlie-Parker-Musik mit Streichquartett aufzuführen. Tatsächlich gibt es ja ein historisches Album mit dem Titel „Charlie Parker and Strings“.

"Das Gehirn ist der beste Umrührtopf"

Sie haben zugesagt?

Ja, aber ich wollte eine Suite mit eigenen Kompositionen schreiben, und das nicht - wie Parker 1950 - mit Jazz-Klassikern machen. Zur Inspiration und für Vorstudien habe ich mich dann vier Wochen komplett zurückgezogen und mich noch einmal eingehend mit Parker, aber auch mit Bartok und Steve Reich beschäftigt. Dann war klar, was zu tun ist. Nach einer kreativen Pause – das Gehirn ist schließlich der beste Umrührtopf – habe ich das gesamte Programm in einer Woche runtergeschrieben.

Und diese Stücke werden jetzt in drei Konzerten erstmals live aufgeführt.

So ist es, einen Tag nach der Uraufführung stehe ich in Ratingen am Samstag, 8. Februar, 19.30 Uhr, mit meinem Quintett und der Kammerphilharmonie Wuppertal auf der Bühne. Mit den beiden Streichquartetten plus extra Kontrabass haben wir die Suite auch aufgenommen.

Jazz plus Philharmonie – man könnte die Idee haben, das wird sehr anspruchsvoll.

Ich finde, Jazz hat völlig zu Unrecht das Etikett umgebunden bekommen, etwas Intellektuelles und Schwieriges zu sein. Der Normalverbraucher versteht unter Jazz fast immer entweder Freejazz, also krasse Avantgarde, oder Dixieland (der ja häufig nur noch dazu missbraucht wird, den Altbierkonsum zu erhöhen). Aber ich bin genau auf der breiten Mittelspur dazwischen unterwegs. Das ist sehr lebendig. Wenn die Zuhörer das einmal auf meinen Konzerten oder in meinen Konzertreihen in Hilden oder Krefeld erleben, kommen sie immer wieder.

"Voraushörbares ödet mich an"

Und worin besteht ihre musikalische Seelengemeinschaft mit Charlie Parker?

Bei Parker dreht sich immer alles um den Blues. Er hat diese Musik sehr klug erweitert, aber ohne das Bauchgefühl zu verlieren. In dem Punkt fühle ich mich ihm sehr nah: Ich bin auch ein Instinkt-Musiker. Und ich möchte überraschen. Voraushörbare Musik ödet mich an.

Ist das der Geist der Improvisation?

Einer meiner Lehrer, der amerikanische Jazzgitarrist John Scofield, hat mal zu mir gesagt: „Every pattern you learn, leads to a mental block.“ (Deutsch etwa: „Jedes Muster, das Du lernst, schränkt Deine musikalische Freiheit ein.“) Ich möchte die Zuhörer lieber mit drei dicken Fragezeichen, als mit einem Ausrufezeichen entlassen. Und ich möchte weder sie noch mich langweilen.

Vielen Dank, Herr Fischbacher, für Ihren Besuch in der Wochenblatt-Redaktion!

Karten für das Konzert

Karten für das Konzert im Gemeindesaal von St. Peter und Paul, Turmstraße 9, kann man telefonisch unter 02102 / 26095 oder per E-Mail an buch-cafe@web.de reservieren. Der Eintritt kostet 20 Euro.

Von links: Denis Gäbel, Tim Dudek, Nico Brandenburg und Matthias Bergmann bilden mit ihrem Bandleader das Axel Fischbacher Quintett. | Foto: Veranstalter
 Axel Fischbacher auf dem Balkon des Redaktionsbüros. | Foto: Thomas Zimmermann
Autor:

Thomas Zimmermann aus Ratingen

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