Narrenschiff Kapitel III: "Kuckucksnest" und "Arsen und Spitzenhäubchen" waren Toperfolge
Ausverkauft und immer kurz vor der Pleite - Klappsessel aus dem Kino Unna

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Bevor sich aber der Vorhang öffnete und das „Narrenschiff“ die Leinen löste standen umfangreiche Umbauarbeiten an. Und die Besatzung führte die Arbeiten eigenständig durch. „Für jeden Bereich und jedes Gewerk hatten wir jemanden“, erinnert sich Gründer Armin Schumacher. Richtig teuer sollte aber die Bestuhlung werden. Einen neue hätte man sich nie leisten können, daher mussten es anfangs die alten Holzstühle aus den Lichtspielen tun. Und dann half wieder mal der Zufall.

Als das Kino der Familie Höhmann in Unna seine Bestuhlung erneuerte, konnte sich das junge Theater mit gut brauchbaren Kinosesseln eindecken. Um einen Bereich für das geplante „Kultur-Café“ einzurichten wurde die Holzeinrichtung auf Vordermann gebracht, alte Sitz- und Kleinmöbel spendeten die Helfer und Interessierte.
Premiere am 13. Oktober 1984
„Vorhang auf“ hieß es schließlich am Samstag, 13. Oktober 1984. Erst zwei Monate, am 14. August 1984, war der Verein gegründet worden. Humorvoll und moralisierend sollte auch das erste Stück sein. „Nur Kinder, Küche, Kirche“ von Dario Fo erfüllte genau die Erwartungen. Das Drama umschreibt  die soziale Rolle der Frau und wie sie sich in konservativer Welteinstellung veränderte. Die Kritiken fielen durchweg positiv aus.
Idealer Name
In der Berichterstattung stellte sich die Namengebung als überaus vorteilhaft heraus. „Die Vokabel Narrenschiff war sehr ergiebig“, lächelt Armin Schumacher. Nach der Premiere hatte es "kräftig Rückenwind", "setzte alle Segel" und glänzte mit einer "erstklassigen Mannschaft". Schwere See und gegen den Sturm sollte erst später auftauchen. 
Bereits in den ersten Monaten des Jahres 1985 war fast jeder Tag mit einem Bühnenstück oder einer Kleinkunst- oder Variete-Veranstaltung verplant. Sketchabende, Lesungen, Gitarren-Duos usw. gaben sich förmlich die Klinke in die Hand. Den allerersten Spielplan freilich hat Armin Schumacher, der bald Mr. Narrenschiff genannt wurde, nicht mehr. „Es gibt kein Archiv, soweit ich weiß.“ Schade um ein Stück Unnaer Kulturgeschichte.
Nach und nach gewann die Theaterbühne Narrenschiff an Profil. Mit Satire, Kindertheater, Schule mit Clowns (Kindertheater) und Musikabenden segelte es in das Kulturleben der Stadt. „Auch ein bisschen gehobene Satire, etwas Shakespeare musste sein“, meint Narrenschiff-Pionier Armin Schumacher. Etwas dünn war es stets bei den Finanzen. Damit immer „Wasser unter´m Kiel“ blieb, entwickelte der Verein clevere Ideen.
Rückenwind gab das Theater-Café. Schauspieler und Zuschauer kamen dort íns Gespräch, direkt nach der Aufführung, manchmal noch geschminkt. Der Bereich war mit Bildern dekoriert, u.a. selbst gemalt von Teilnehmern, später stellten ambitionierte Künstler hier aus. Etwa die Mutter von Thomas Ulbricht, die Malerin war. Die hohen Seitenwände waren ideal für größere Bilder. Über Jahre hinweg bot das Narrenschiff Unnaer Künstlern hier eine Plattform. Darunter Wolfgang G. Buhre und Schüler des Skulpturenkünstlers Markus Lüpertz.
Finanzen
Viele Jahre kam das Theater ohne Zuschüsse aus. Jeder Teilnehmer, ob Darsteller, Souffleur, Techniker, Tischler oder Handwerker war automatisch Mitglied im Verein. Etwa 25 waren es anfangs. Ein großer Teil der Kosten entfiel auf das Engagement des künstlerischen Leiters. Mit der Wahl des ersten Vorstand wurde der gesucht. Eine halbe Stelle wurde damals aus dem Gesamtetat des Werkstatt-Theater-Unna finanziert. Auch mit den früher gängigen ABM-Geldern rettete sich das „Narrenschiff“ von einer Saison in die nächste. Denn die Kommunalpolitik nahm wenig Anteil am Gelingen des Theaters. Armin Schumacher war Ende der 80er kulturpolitischer Sprecher der SPD: „Kultur war schwer vermittelbar. Es hieß, wo kämen wir hin wenn wir denen die goldenen Hähne finanzieren. Das hat sich langsam aufgelöst.“
Feste Haushaltsstelle
Es galt, die Politik immer wieder von der Existenz des Theaters zu überzeugen. Daher fanden in regelmäßigen Abständen die Ausschusssitzungen direkt im Narrenschiff statt. So lernten die Politiker das Engagement der Mannschaft aus erster Hand kennen. Bei aller Skepsis gegenüber dem Theaterverein rang sich die Kommunalpolitik schließlich durch, dem Narrenschiff eine Haushaltsstelle einzurichten. Mit einem festen jährlichen Förderbetrag wurde das Ensemble ab Mitte der 90er Jahre unterstützt. Damit entfiel die Suche nach Projektmitteln, denn die Haushaltsstelle musste nicht jedes Jahr neu diskutiert werden. In den ersten Jahren war die Förderung gering. Bei Ausschusssitzungen wurde das Programm vorgelegt und die Gelder genehmigt. Doch das landläufige Vorurteil: „Theater ist brotlose Kunst“ bestätigte lange noch der Steuerberater des Vereins. „Das ist wirtschaftlicher Unsinn was ihr macht.“  Aber die Freude am Theaterspiel überdeckte die dunklen Wolken.

Autor:

Stefan Reimet aus Holzwickede

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