Unna-Massen - Gedenkfeier zum Volkstrauertag 2017

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Ortsvorsteher Dr. Peter Kracht
 
Jürgen Eckelsbach, Dietmar Wünnemann, Helmut Tewes und Dr. Peter Kracht
 
Musikfreunde Hellweg mit ihrem Dirigenten Jörg Budde
Unna: Friedhof Niedermassen | Sonntag, 19. November 2017 11:30 Uhr

Über 100 Teilnehmer

waren zur Gedenkfeier am Mahnmal auf den Friedhof in Niedermassen gekommen.

Der Schützenverein Massen 1830 e.V. mit dem 1. Vorsitzenden Dietmar Wünnemann, die Freiwillige Feuerwehr der Löschgruppe Massen mit Löschgruppenführer Bernd Tepe und einer Jugendabordnung, der Massener Bürgerhausverein mit dem Vorsitzenden Helmut Tewes, Vertreter aus den Kirchen, der Politk und viele Massener Bürger hatten sich auf den Weg zum Niedermassener Friedhof gemacht. Musikalisch eingestimmt und begleitet wurde diese Gedenkstunde durch die Musikfreunde Hellweg mit ihrem Dirigenten Jörg Budde.

Rede von Ortsvorsteher Dr. Peter Kracht
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, meine Damen und Herren!
Ich darf Sie als Ortsvorsteher von Massen herzlich zu unserer heutigen Gedenkveranstaltung begrüßen.
Am Volkstrauertag gedenken wir in jedem Jahr der Kriegstoten und der Opfer von Gewaltherrschaft. Dabei ist dieses Gedenken auch in der heutigen, sicherlich schnelllebigen Zeit kein Akt um seiner selbst willen, denn: Je länger der letzte Krieg zurückliegt, desto wichtiger wird das Gedenken und das Erinnern. Mit jedem verstorbenen Zeitzeugen wächst gleichzeitig die Notwendigkeit des Volkstrauertages.
Gedenken ist Erinnerung und Erinnerung schützt uns davor, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen oder die Menschen zu vergessen, die zu Opfern wurden, sei es an der Front, in Lagern, auf der Flucht oder anderswo. Und das Gedenken ist immer auch eine Verneigung vor den Toten.

Der Schriftsteller Franz Kafka notierte am 1. August 1914 in seinemTagebuch
„Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. Nachmittag Schwimmschule.“ Mit dieser uns heute unfassbar erscheinenden Formulierung drückte Kafka gleichwohl die Erwartung vieler seiner Zeitgenossen aus. Ein kurzer, erfolgreicher Waffengang wie 1870/1871 im deutsch-französischen Krieg mit anschließender Rückkehr zur friedlichen Normalität: Das war die Erwartungshaltung des überwiegenden Teils der deutschen Bevölkerung in den ersten Augusttagen des Jahres 1914.
Doch es kam anders. Es begann ein vierjähriges blutiges Massensterben mit Millionen Toten. Kurz: Es wurde die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, wie Neuzeithistoriker wohl zutreffend den Ersten Weltkrieg bezeichnen. Gerade die Sinnlosigkeit dieses blutigen Konflikts macht uns auch heute noch sprachlos vor Betroffenheit.

Der österreichische Schriftsteller Karl Kraus schrieb in seinem 1922 erschienenen Buch
„Die letzten Tage der Menschheit“: „Alles was gestern war, wird man vergessen haben. Was heute ist, nicht sehen. Was morgen kommt, nicht fürchten. Man wird vergessen haben, dass man den Krieg verloren, vergessen haben, dass man ihn begonnen, vergessen haben, dass man ihn geführt hat. Darum wird er nicht aufhören.“
Diese Worte erinnern uns an die doppelte Bedeutung des heutigen Tages: Gedenken und Mahnung! Das Innehalten am heutigen Tag ist umso wichtiger, wenn wir uns vergegenwärtigen, wie sich die Welt - ein Jahrhundert nach den ersten Schüssen des Ersten Weltkrieges - heute darstellt: Der blutige Krieg in Syrien findet kein Ende, die Schreckensherrschaft der Terroristen des Islamischen Staates ist noch nicht Geschichte. Irre geleite Attentäter wollen insbesondere in Europa die Demokratie aushöhlen und das unselige und gefährliche Säbelrasseln zwischen den USA und Nordkorea wird weltweit mit ernster Sorge beobachtet.

Im Klartext

Nach wie vor gibt es jeden Tag Opfer von Krieg und Terror. Die Zahl dieser Opfer ist unüberschaubar. Jeder einzelne Tote hatte seine Familie, hatte Freunde und Bekannte, die um ihn trauern. In vielen Ländern der Erde werden bis heute die Menschenrechte mit Füßen getreten, werden Journalisten verhaftet und eingesperrt, nur weil sie die Wahrheit schreiben. Die Wahrheit über korrupte Machthaber und deren Terror-Regime.

Henry Miller hat geschrieben
„Jeder Krieg ist eine Niederlage des menschlichen Geistes.“ Wie oft hat der menschliche Geist schon verloren seit dem ersten überlieferten Friedensvertrag der Welt zwischen Ägypten und dem Hethiterreich ins Jahr 1259 v. Chr. datiert! Also schon mehr als 3.250 Jahre alt ist!! Eine Kopie steht heute vor der UNO in New York. Seitdem hat es Hunderte von Friedensverträgen gegeben, manche waren erfolgreich, viele aber auch nicht.
Wir können den Frieden nur bewahren, wenn wir aktiv für ihn eintreten. Das gilt sowohl in der Weltpolitik als auch bei uns hier in Massen sozusagen vor der eigenen Haustür. Der Weg ist schwierig und mühsam – aber er kann durchaus erfolgreich sein: Die Ereignisse von 1989 zeigen dies nachdrücklich. Die friedlichen Montagsdemonstrationen ließen die zunehmenden Verfallserscheinungen der DDR drastisch an Geschwindigkeit gewinnen und trugen letztendlich mit dazu bei, die Zeit des Kalten Krieges zu beenden.

Bernhard von Clairvaux, Zisterzienser-Mönch und Abt, sagte einst
der Mensch müsse die Gegenwart mit Weisheit regeln, die Vergangenheit mit Einsicht beurteilen und auf die Zukunft hin bedacht sein. Angesichts des friedlichen Zusammenwachsens in Europa leben wir in unserer mitteleuropäischen Gegenwart tatsächlich unter einem guten Stern. Aus der kriegerischen Vergangenheit Europas haben wir unsere Lehren gezogen. Doch weltweit sind laut UNO mehr als 50 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Gewalt und Unterdrückung.

Ein wichtiger Punkt ist, dass die Menschen, die heute unsere Gesellschaft als Entscheidungsträger und Meinungsbildner lenken - sei es in Politik und Lehre, in Wirtschaft und Medien – den Zweiten Weltkrieg nicht selbst erlebt haben, sondern ihn aus Berichten, aus Dokumentationen oder vielleicht auch nur aus der Geschichtsstunde kennen.
Ich bin 1956 geboren worden, gehöre also zur Nachkriegsgeneration. Selbst als Historiker ist es für mich schwierig, in seiner Gänze und Tiefe zu ergründen, was die Menschen im Krieg empfunden haben. Zeitdokumente wie Fotos, Filme, Briefe und Tagebücher formen sich zwar zu einem Bild vom Leiden und der Angst in den Kriegsjahren, doch habe ich die Angst und die Not nicht selbst erlebt. Ich kenne auch die Entbehrung und die Unsicherheit in den ersten Nachkriegsjahren nicht aus eigener Erfahrung.

Umso wichtiger ist es, dass wir uns die Bedeutung und die Tragweite der Geschichtsereignisse, die nicht Teil der eigenen Lebensgeschichte sind, am Volkstrauertag bewusst machen. Und so halten wir hier heute gemeinsam inne, die Nachkriegsgeneration und diejenigen, die selbst noch Kriegserinnerungen haben. Dass wir durch unser gemeinsames Erinnern die Geschehnisse der Vergangenheit sichtbar und zu Wegweisern für unser gegenwärtiges und künftiges Handeln werden lassen. Gleichsam als Mahnmal.

Erich Kästner wurde 17-jährig als Soldat eingezogen
und erlebte so den Ersten Weltkrieg mit. 1932 verfasste er über das Erlebte das Gedicht „Habt ein besseres Gedächtnis“. Dort lässt er den „Chor der Toten“ den mahnenden Satz sprechen:
Auf den Schlachtfeldern von Verdun
Wachsen Leichen als Vermächtnis.
Täglich sagt der Chor der Toten:
„Habt ein besseres Gedächtnis!“

Ein gutes, ein besseres Gedächtnis ist heute wichtiger denn je: Wir haben die Pflicht, dafür Sorge zu tragen, dass sich solche unheilvollen Ereignisse nicht wiederholen. Aus der Vergangenheit eine wichtige Lehre ziehen – unter dieser Prämisse ist der Volkstrauertag auch in unserer Zeit aktuell und wichtiger Teil unseres Gedächtnisses. Frieden, Freiheit und Demokratie sind nicht gottgegeben, sie sind viel mehr Luxusgüter, in denen wir wie selbstverständlich schwelgen. Es ist ein Geschenk und wir sollten unser Stöhnen auf hohem Niveau deutlich reduzieren und uns täglich bewusst machen, dass es nicht allen Menschen auf der Welt so gut geht wie uns!

Der Sinn des Volkstrauertags lässt sich zusammenfassend in wenigen Sätzen mit einem Zitat von Bertolt Brecht erklären
„Das Gedächtnis der Menschheit für erduldete Leiden ist erstaunlich kurz. Ihre Vorstellungsgabe für kommende Leiden ist fast noch geringer. Die Abstumpfung ist es, die wir zu bekämpfen haben. Lasst uns das tausendmal Gesagte immer wieder sagen, damit es nicht einmal zu wenig gesagt wurde."
Damit nicht das Schlimmste passiert, was passieren kann: Dass nämlich die Gleichgültigkeit gegenüber der Vergangenheit die Überhand gewinnt und den Sieg davonträgt.
Glückauf!

Fotos © Jürgen Thoms
19.11.17 19:07:15
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