Zeitzeuginnen berichten vom Ende des Zweiten Weltkriegs in Dortmund

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Über das Ende des Zweiten Weltkriegs unterhielten sich (v.l.) Journalist Oliver Volmerich, Zeitzeugin Leni Stolze, Moderator Wolfgang E. Weick, ehemaliger Direktor der Dortmunder Museen, Zeitzeugin Marianne Dülken und Klaus Coerdt, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins Asseln. (Foto: Schmitz)
 
Zahlreiche Zuhörer ließen sich die Berichte der Zeitzeugen im Gemeindesaal der Evangelischen Gemeinde am Wickeder Hellweg nicht entgehen. (Foto: Schmitz)
Dortmund: Evangelisches Begegnungszentrum an der Johanneskirche |

Zeitzeugen, die über den Zweiten Weltkrieg berichten können, gibt es leider immer weniger. Umso wichtiger sind Gelegenheiten wie der von der Bezirksvertretung Brackel im Gemeindesaal der Evangelischen Kirche in Wickede organisierte Abend, in denen Leni Stolze und Marianne Dülken von ihren Erlebnissen vor 70 Jahren berichten konnten.



„Es war wunderschönes Wetter, als die Amis kamen“, berichtete die 89-jährige Wickederin Marianne Dülken. Die Einwohner hissten weiße Fahnen; im Notfall tat es auch ein Betttuch. Trotzdem gab es noch vereinzelt Gefechte. In Asseln verlief die Befreiung ähnlich. „Die schwarzen Soldaten der Amerikaner waren für die Dortmunder ein regelrechter Schock“, erklärt Klaus Coerdt, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins Asseln. „Paradox ist, dass die Afro-Amerikaner in den USA noch unter der Apartheid litten“, der Wickeder Wolfgang E. Weick, ehemaliger Direktor der Dortmunder Museen, der als Moderator des Abends fungierte. „Hier wurden sie dagegen zum ersten Mal als gleichwertige Menschen behandelt.“

Schwermütige Klezmerklänge lieferten für die etwa 40 interessierten Besucher den passenden Rahmen für den Abend. Die jüdischen Volkslieder wurden von dem Duo Romberg Klezmer in Szene gesetzt.

Leni Stolze stammt ursprünglich aus Thüringen. Genau wie auch Marianne Dülken musste sie nach der Schule ein Pflichtjahr bei einem Bauern ableisten. „Der Bauer war ein schwerer Nazi“, erzählte sie. Überhaupt habe sich ihr Leben stark verändert, als die Nazis an die Macht kamen. 1940 lernte sie ihre späteren Mann kennen, einen Soldaten aus Dortmund. Sie berichtete, wie sie und ihre Familie nach dem Ende des Krieges mit verschiedenen Zügen nach Dortmund reiste. „Das letzte Stück sind wir bei Regen in einem offenen Kohlewaggon gereist“, erzählt sie. „Als wir in Dortmund ankamen, waren wir ganz schwarz. Meine Schwiegereltern hätten uns fast nicht erkannt.“

Dortmunderin in Freiheitsstraße geboren

Im Gegensatz zu Leni Stolze ist Marianne Dülken eine gebürtige Dortmunderin. „Ich wurde 1925 in Wickede in der Freiheitsstraße geboren“, berichtete sie. Zu Schule gegangen ist sie in der Paul-Gerhardt-Schule, der heutigen Bachschule. „Wir waren keine Nazis und mussten daher viel über uns ergehen lassen. Als das System weg war, waren wir endlich frei.“

Was in den Konzentrationslagern geschah, erfuhren Leni Stolze und Marianne Dülken erst nach dem Krieg, wie sie schilderten. „Wir hatten gehört, dass dort Kommunisten waren. Von den Juden wussten wir nichts“, so Leni Stolze. „Wir haben uns das nicht so vorgestellt. Wir dachten, die Gefangenen arbeiten im Moor, oder Ähnliches“, ergänzt Marianne Dülken.

Wickede, Asseln und Brackel waren zu der Zeit noch viel dörflicher geprägt als heutzutage. „Sie gehörten aber seit Ende der 1920er-Jahre zu Dortmund“, so Coerdt. „Nach einem Bombenangriff wurden verletzte Soldaten auf einem Handwagen nach Aplerbeck ins Krankenhaus gebracht“, zitiert er.
Vor allem in den letzten Kriegsjahren verbrachten viele Menschen die Nächte aufgrund der zahlreichen Bombenangriffe im Bunker, wie der Dortmunder Journalist Oliver Volmerich erläuterte. „Aus heutiger Sicht kann man sich das kaum vorstellen. Die Angriffe waren allerdings eine Antwort auf die NS-Angriffe etwa auf London oder Manchester. In den Vororten waren die Menschen froh, als der Krieg zu Ende war.“

„Der Endkampf um Dortmund dauerte etwa eine Woche“, so Weick. „Die Ruhe, die darauf folgte, war für die Menschen in der Innenstadt etwas ganz Neues.“

Erinnerung darf nicht verblassen

Wichtig sei auch, dass die Erinnerung nicht verblasse, waren sich alle Beteiligten einig. Dabei helfen unter anderem Denkmäler, aber auch die bekannten „Stolpersteine“, ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig. In den Boden eingelassene Gedenktafel erinnern an das Schicksal der Menschen, die von den Nazis verfolgt und ermordet wurden. „In Wickede gibt es sechs, in Asseln drei und in Brackel zehn“, so Weick.
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