Fastengespräch in der Essener Marktkirche widmete sich dem Thema Flüchtlinge

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Fastengespräch der CDU in der Marktkirche gab Flüchtling eine Stimme Bild (v.l.): Henning Aretz (Landesvorsitzender des EAK-NRW), Gastreferent des Fastengespräches, der syrische Flüchtling und Banker Mohammed Safwat Raslan, Ratsherr Dirk Kalweit (Vorsitzender des EAK-Essen), Pfarrer Olaf Zechlin

Von der medial abstrakten Flüchtlingskrise zum individuellem Schicksal

Fastengespräch der CDU gab Flüchtling eine Stimme – Sensibilisierung für die Sichtweisen der zu uns Kommenden


Zu einer guten Tradition in der Passionszeit sind mittlerweile die Fastengespräche des Evangelischen Arbeitskreises der CDU (EAK) in der ältesten protestantischen Kirche Essens, der Marktkirche in der Innenstadt, geworden. Dabei stehen
alljährlich der konstruktive Austausch und die von Respekt und gegenseitiger Achtung und Anerkennung geprägten Gespräche zwischen den Konfessionen und Religionen, zwischen Bürgern, Politik, Kirche, Wirtschaft und Institutionen im Zentrum dieses Veranstaltungsformates. Das diesjährige Passions- und Fastengespräch des EAK Essen war jedoch in mehrfacher Hinsicht ein Besonderes.

Der syrische Flüchtling & erfolgreiche Banker Safwat Raslan bringt das Schicksal eines ganzen Landes nahe

Denn der diesjährige Gastreferent, der seit einem Jahr im Hörsterfeld in Essen mit seiner Familie lebende syrische Flüchtling und fünfunddreißigjährige Banker Safwat Raslan, kam einerseits nicht – wie in den letzten Jahren üblich - aus den Reihen der klassischen kirchlichen oder weltlichen Institutionen. Zum anderen machte das gewählte Thema „Vom syrischen Aleppo nach Essen - Ein Dokumentationsbericht des Weges vom Krieg in die Freiheit“ so viele interessierte Bürger neugierig, dass die kirchlichen Bankreihen bis auf den letzten Platz gefüllt waren und eine ungewohnt erwartungsvolle Spannung von Anfang an zu spüren war.

Fastenmotto der Aktion 7 WOCHEN OHNE motiviert zur Neugier und Offenheit

Zur Begrüßung des Fastengespräches ging der Vorsitzende des EAK-Essen, Ratsherr Dirk Kalweit, kurz auf das diesjährige Fastenmotto „Großes Herz – Sieben Wochen ohne Enge“ der evangelischen Kirche in Deutschland ein, welches bewusst zur Neugier und Offenheit, zur Weite im Denken und herzlichen Handeln einlade. So sei gerade die Passions- und Fastenzeit dazu prädestiniert, so Kalweit weiter, neben den zahlreichen Herausforderungen und Schwierigkeiten, die die Flüchtlingskrise auch auf kommunaler Ebene mit sich bringt (siehe Unterbringung und Integration tausender von Flüchtlingen), nicht den Blick einerseits auf die gesellschaftlichen Chancen und andererseits auf die Schicksale derer aus den Augen zu verlieren, die aktuell zu uns kommen und denen man mit Hilfsbereitschaft begegnen sollte. Pfarrer Olaf Zechlin, dessen Gemeinde die Familie des Gastreferenten in freundschaftlicher Verbundenheit betreut, betonte in einem ergänzenden Statement, wie wichtig es sei, den zu uns kommenden Flüchtlingen mit Empathie zu begegnen und ihnen die Ankunft in Essen dadurch zu erleichtern. Gewinnen würden dabei beide Seiten.

Der kurze Weg vom Frieden in den Krieg – Wenn Zukunftshoffnung und Zuversicht dem Grauen weichen

Dann folgte der mit Spannung erwartete Gastbeitrag des `Flüchtlings aus Aleppo`. Mohammed Safwat Raslan, konservatives Äußeres, mit dunkelblauem Anzug, weißem Hemd und dezent roter Krawatte gekleidet, verstand es sofort, das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler und ehemalige Niederlassungsleiter der Byblos Bank in Aleppo überraschte bereits am Anfang seiner Ausführungen damit, dass er - obwohl perfekt der englischen Sprache mächtig - seinen gesamten Gastvortrag in deutscher Sprache hielt; und das nach gerade einmal 8 Monaten Deutschkurs!

Herr Raslan zeichnete im Rahmen einer beeindruckenden und mit zahlreichen Bildern und Filmausschnitten bestückten Power-Point- Präsentation das vorher/nachher Bild seiner syrischen Heimat und Vaterstadt Aleppo. VORHER – NACHHER umschreibt dabei nichts anderes, als ein baulich, infrastrukturell und ökonomisch intaktes Land vor dem Krieg, und ein zerstörtes und von menschlichen Schicksalen gebeuteltes Land nach dem Krieg.

Der in politischen und religiösen Fragen liberal auftretende Gast des Fastengespräches Safwat Raslan dokumentierte eine urbane Lebenswirklichkeit der knapp 6 Millionen Einwohner zählenden Großstadtmetropole Aleppo vor dem Krieg, wie man sie – zumindest politisch unreflektiert - auch aus westlichen Städten kennt.

Dabei erinnerte der durch sehenswerte Filmsequenzen bereicherte Vortrag eher an einen interessanten Reisevortrag in eine moderne orientalische Großstadt:

Stadtviertel mit teils gehobener Wohnkultur, eine gute verkehrliche Infrastruktur mit ausgeprägten verkehrlichen Berufsverkehren, moderne Gewerbe- und Industriegebiete, moderne Bildungseinrichtungen wie Schulen und Universitäten, unschätzbare Kulturgüter sowie ein abwechslungsreiches Freizeit- und Kulturangebot. Aspekte einer islamischen Metropole, die an das moderne Istanbul erinnern und von vielen Teilnehmern des Fastengespräches mit Respekt und positivem Erstaunen zur Kenntnis genommen wurden.

Aleppo vor dem Krieg – arabisch islamische Großstadt mit liberalen Zügen

Die Bilder von zahlreichen Kirchen in Aleppo direkt neben Moscheen, die Tatsache, dass vor dem Krieg ca. 600.000 Christen in Aleppo in friedlicher Koexistenz mit der muslimischen Mehrheitsbevölkerung lebten, sowie die Bilder von öffentlichen Schwimmbädern, in denen Männer und Frauen koedukativ/gemeinsam (die Frauen nur mit einem normalen Bikini bekleidet) bei der Freizeitgestaltung zu sehen waren, erstaunten viele Teilnehmer dann jedoch hör- und wahrnehmbar.

Bikini statt Burka! Soviel Liberalität in einer arabisch muslimischen Stadt war dann doch für so manchen Zuhörer unerwartet. Zumal Aleppo seit dem Jahr 2006 - nach Mekka - Träger der Bezeichnung `Hauptstadt der Islamischen Kultur` ist. Aufklärung tat also not! Nicht außer Acht gelassen werden darf jedoch an dieser Stelle, dass der Gastreferent des Abends zur innenpolitischen Situation Syriens unter dem Assad-Regime keine Stellung bezog.

Im Kontext der beschrieben urbanen Lebenswirklichkeit hatte der Gastreferent Herr Raslan die Lacher des Auditoriums dann jedoch auf seiner Seite, als er berichtete, dass er mit der Frage in Deutschland konfrontiert worden sei, ob es in seiner Heimat schon Autos gäbe oder ob sie dort noch auf Eseln oder Pferden reiten würden.

Dieses positive und von der Normalität gekennzeichnete Bild Syriens und Aleppos endete schlagartig 2011 mit dem Ausbruch des Syrienkrieges. Nach zwei einschneidenden Erlebnissen/Anschlägen im Jahr 2014, bei denen auch Familienmitglieder hätten sterben können, entschloss sich der Gastreferent des Fastengespräches Aleppo mit seiner Familie zu verlassen.

Was war passiert: Zuerst geriet der Schulbus seiner Tochter, Schülerin einer Privatschule in Aleppo, in das Fadenkreuz von Scharfschützen. Die Kinder sahen eine Lehrerin im Kugelhagel sterben. Nur dem Umstand und Zufall, dass er an diesem Morgen seine Tochter selbst in die Schule fuhr, bewahrte die Tochter vor diesem Ereignis und Erlebnis.

Die Explosion einer Autobombe in der Nähe seiner Bankfiliale, bei der zwei Menschen starben, ist das zweite einschneidende Ereignis in kürzester Zeit. „Hätte ich nur etwas früher die Bank verlassen, um nach Dienstschluss nach Hause zu fahren, ich hätte ein weiteres Opfer sein können.“ Nach dem ein Versetzungsantrag in das weniger gefährliche Damaskus seitens der Bank nicht genehmigt wird, steht der Entschluss zur Flucht nach Deutschland fest. Gerade weil die Kinder eine Zukunft in Frieden und Freiheit brauchen. Über die Flucht und Fluchtrute selbst berichtet er nicht viel. Gut vorbereitet, das tut er jedoch kund, war sie jedoch allemal. Und: Ausweispapiere und Dokumente sind Pflicht – ein must have! Optimal sogar im Vorfeld ins Deutsche übersetzt. Als Banker weiß man schließlich, wie wichtig Papiere und Dokument sind.

In Essen ist er geradezu ein Vorbildflüchtling. So, wie viele in der Politik die Flüchtlinge gerne hätte. Beste Deutschkenntnisse nach kürzester Zeit. Erfolgreich bei der Arbeitssuche. Herr Raslan machte bereits ein Praktikum bei der Volksbank Oberhausen und seit dem 01. März ist er bei der Deutschen Bank in Essen beschäftigt. Eigene Wohnung. Fleißig, strebsam und karrierebewusst - fast preußisch. Und noch dazu: Ehrenamtlich unterwegs um für sein Land Syrien zu werben und öffentlich DANKE für die Aufnahme in Deutschland zu sagen. Der Flüchtling und Banker Safwat Raslan, welch eine Bereicherung für unsere Stadt und unser Land! Doch, geben wir auch den Flüchtlingen mit einer Bleiberechtsperspektive eine Chance, die nicht so optimale Voraussetzungen mitbringen - dann füllen wir das Motto der diesjährigen Fastenaktion „Großes Herz –Sieben Wochen ohne Enge“ mit reichlich Inhalt.
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